Vorletzter Tag des Volksbegehrens, 11 Uhr, Steilshoop: eine traurige Hochhaussiedlung im Stadtteil Barmbek. Ein Aldi-Geschäft und Menschen, mit denen es das Schicksal nicht so gut gemeint hat. Entsprechend gering ist das Interesse an unserer Volksinitiative. Die Bewohner haben andere Probleme oder sind politisch enttäuscht. "Wir wählen nicht mehr, dann müssen wir uns auch nicht mehr ärgern", antwortet mir eine Frau auf die Frage, ob sie unsere Wahlrechtsinitiative unterschreiben will. Es ist genau diese Haltung, die wir mit unserer Arbeit ändern wollen.
12 Uhr in Wandsbek: ein lebendiger Stadtteil mit einer langen Einkaufsstraße. Mein Mitstreiter Marius und ich postieren uns auf unterschiedlicher Höhe vor Geschäften. Auf dem Weg zu meiner Sammelposition treffe ich auf verschiedene lokale Mitstreiter, die in den vergangenen drei Wochen hier immer wieder stundenweise im Einsatz für ein faires Wahlrecht in Hamburg waren. Eine Sammlerin hat um diese Uhrzeit schon 28 Unterschriften gesammelt, macht jetzt aber Feierabend.
Vor einem Einkaufszentrum treffe ich einen sehr netten älteren Mann mit weißem Bart und unserem Sandwich auf Bauch und Rücken. Wandsbek hat eine konservative Bevölkerung, das Unterschriftensammeln ist hier deshalb nicht so einfach, erzählt er mir. Aber vielleicht hilft ja die Sonne, die heute endlich wieder aus den Wolken hervorgetaucht ist und hoffentlich die Laune der Passanten hebt. Zumindest hilft sie gegen die frostigen Temperaturen.
Meine Unterschriftenzahl wächst langsam, aber stetig. Manchmal unterschreibt eine Viertelstunde lang niemand, dann wieder bin ich plötzlich von fünf unterstützungswilligen Menschen umringt und weiß gar nicht, wem ich meine beiden Klemmbretter mit Unterschriftenlisten zuerst geben soll.
Die Frage nach dem Sinn des Volksbegehrens beantwortet auf einfache Weise eine bei mir unterzeichenende Frau: "Wir müssen doch mitreden!" Dieses bürgerschaftliche Selbstbewusstsein wünscht man sich bei noch mehr Menschen.
Eine andere Frau erzählt mir stolz von ihrer politischen Vergangenheit. 1982 hat sie auf dem Wandsbeker Markt bei einer Friedensdemonstration eine Rede gehalten, Fast entschuldigt sie sich dafür, dass sie sich über die Politik noch immer so aufregt. Aufregung bedeutet aber Interesse an und Leidenschaft für politische Fragen, und das ist allemal besser als Desinteresse und Apathie.
Dass es noch andere als politische Gründe gibt, ein Volksbegehren zu unterzeichnen, beweist ein junger Mann arabischer Herkunft: "Du hast so nett geguckt, also unterschreibe ich bei Dir." Aber er weiß auch, worum es beim Volksbegehren geht. Er versucht, diese seinem ihn begleitenden Freund zu erklären, der aber lieber nicht unterzeichnen möchte.
Immer häufiger kommt die Frage nach dem Stand der Dinge. "Wir haben 51.000 Unterschriften und können es schaffen", mache ich den Fragestellern Mut. Aber wir brauchen die Unterstützung aller Hamburger für das Ziel von rund 62.000 Unterschriften. Ob das Ziel erreicht wird, wird sich am Freitag zeigen…
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