Festschrift "20 Jahre Mehr Demokratie"

Die Realisierung der direkten Demokratie eine Sache der Kunst?

Fast jedes Mal, wenn ich über meine Arbeit z. B. mit dem OMNIBUS FÜR DIREKTE DEMOKRATIE IN DEUTSCHLAND berichte oder über den Erweiterten Kunstbegriff von Joseph Beuys referiere, ist einer oder eine unter den Zuhörern, der oder die mich fragt, ob ich denn außerdem auch noch Kunst mache. Spätestens dann wird mir klar, wie wenig das bis dahin von mir Vorgebrachte begriffen worden ist. Es geht bei dir, heißt es dann regelmäßig, immer nur um die "Begriffe", folglich, so der Schluss, handele es sich um Philosophie, um Theorie.

Wende ich dann ein: ja, aber meine Arbeit für die direkte Demokratie ist doch keine Theorie, sondern der ganz praktische Versuch, die vorliegenden gesellschaftlichen Bedingungen zu verändern, umzuwandeln, höre ich: Das ist aber Politik und nicht Kunst! Antworte ich dann, es sei schon deswegen nicht Politik, weil ich hier keine eigenen Interessen durchsetzen will und schon gar nicht Machtambitionen verfolge, tönt es zurück: Du willst eben eine ganz neue Gesellschaftsform - wörtlich: "ein ganz neues System" -, das aber ist Utopie oder Idealismus!

Kurz, als Kunst ist das, was ich tue, wenn überhaupt, nur schwer zu vermitteln. Warum bestehe ich dann so trotzig darauf? Nun, einmal, weil ich mich nur an das halten kann, was ich - um es mal so auszudrücken: am eigenen Leib erfahren habe, und ich auf die Demokratiefrage durch die Kunst gestoßen bin. Und dann, weil das, was wirkliche Demokratie ist, nur in der Kunst begründet werden kann. Ich füge, um den üblichen Missverständnissen gleich vorzubeugen, hinzu: die Demokratie (hier immer: die direkte Demokratie) ist eine Sache der Kunst, nicht aber ist die Kunst eine Sache der Demokratie (auch nicht der direkten). Dem Einwand, dies sei reichlich hochgestochen und elitär, es genüge zu sagen, die direkte Demokratie sei ein zutiefst menschlicher Anspruch, ein also im Menschen verankertes Recht, das sich in der Gegenwart zunehmend Geltung verschafft, stimme ich im zweiten Teil zu, im ersten Teil weise ich ihn zurück. Nichts nämlich ist in der Gegenwart so dringlich aber auch so vage wie die Maxime der Menschlichkeit - so dringlich, weil sie in der Tat das Bedrohteste ist, so vage, weil sie noch nicht auf den Begriff gebracht worden ist und deshalb von allem am leichtesten ideologisch missbraucht werden kann. Ich unterscheide also zwischen Ideologie und Begriff. Und der Begriff des Menschen (und Menschlichen), der zweifellos in der Tiefe von jedem von uns wirkt und sogar rumort und er, je entschiedener er nach oben, d. h. ins Bewusstsein drängt, nur um so verbissener zurückgedrückt wird, verbirgt sich in der Kunst - allerdings wiederum in ihrem Begriff! Das begreife, wer will - und was mich betrifft: Ich will es! Womit ich zugleich auch sagen will, dass auch ich es noch kaum begriffen habe. Von "elitär" kann insofern wahrhaftig nicht die Rede sein. Wohl aber von einem hohen Anspruch!

Es ist dieser hohe Anspruch, der mich auf die Notwendigkeit der direkten Demokratie gestoßen hat, dies übrigens vor fast vierzig Jahren. Damit komme ich zum Anlass dieses Textes: das 20-jährige Jubiläum von "Mehr Demokratie e.V.". Als nämlich "Mehr Demokratie" vor 20 Jahren entstand, war die Aktion für direkte Demokratie in Deutschland fast ebenso lange Zeit schon zugange. Ende der 1960er Jahre gab es gleich zwei Initiativen (die sich schon bald miteinander verbanden) - die eine, die von "Withues" auf Sylt ausging, von Peter Schilinski, der dann gemeinsam mit Wilfried Heidt das Zentrum in Achberg am Bodensee gründete - die andere in Düsseldorf, begründet von Joseph Beuys, an der auch ich beteiligt war. Über letztere habe ich zu berichten, will mich aber kurz fassen (eine umfassende Gesamtdarstellung wird im Herbst dieses Jahres ein Buch - Titel: Der Ganze Riemen - nachgeliefert).

Joseph Beuys war, als er 1970 in der Düsseldorfer Altstadt, Andreasstraße 25, das Büro der Nichtwähler (1971 umbenannt in Organisation für direkte Demokratie durch Volksabstimmung) eröffnete, Professor für Bildhauerei an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf. Und, um das sofort hinzuzufügen, damit nicht alles auch hier wieder in die falsche Richtung läuft: Diese Aktion war nicht der übliche, ehrenwerte Einsatz eines prominenten Kulturträgers, parallel zu seiner Hauptprofession, im politischen Feld, sondern die logische Folge dieser Profession selbst. Ihre konsequente Beachtung führte 1972 z.B. dazu, dass er das Büro der Organisation für direkte Demokratie auf der documenta 5 in Kassel als seinen künstlerischen Beitrag präsentierte, aber auch, dass er unmittelbar im Anschluss daran vom NRW-Wissenschaftsminister als Professor gekündigt wurde.

Beuys war nicht ein Künstler, der sich außerdem auch noch politisch engagierte. Für ihn gab es gar keine Politik, sondern nur die Kunst! Was er den Erweiterten Kunstbegriff nannte, war nichts anderes als der Anspruch der Kunst selbst, sich all der Felder der menschlichen Arbeit anzunehmen, die bisher als Nichtkunst aus der Zuständigkeit der Kunst ausgeklammert waren. Und die besetzt waren von anderen Kräften, solchen nämlich, die ihre eigenen Interessen vor das Interesse an einer stimmigen, d.h. dem Menschen (dem Menschlichen) adäquaten Form des Ganzen schoben. Ist, könnte man hier fragen, etwas anderes überhaupt möglich?

Das allerdings ist überhaupt die Schicksalsfrage unserer Epoche. Wer sie verneint, muss sich auch nicht um die direkte Demokratie weiter kümmern und von der Kunst hat er sowieso dann keine Ahnung. Gemeint ist hier nicht der gegenwärtige Status der Kunst im System; denn was für die radikale Neubestimmung der Arbeitsfelder im ganzen gilt, gilt selbstverständlich gerade auch für das herkömmliche Feld der Kunst selbst. Auch dessen Begriff ist längst defizient und heruntergewirtschaftet. Nicht zuletzt das ist ja auch der Grund für das oben geschilderte Unverständnis, wenn ich (darin Joseph Beuys folgend) auf den Primat der Kunst poche.

Also gut, bleiben wir nicht bei den Benennungen hängen und machen uns die Mühe, die Begriffe selbst zu hinterfragen. Und ihrem (nicht dem gängigen, veräußerlichten) Begriff nach ist die Kunst das einzige, erste und letzte Gestaltungsprinzip, das ausschließlich dem Freiheitsbegriff verpflichtet ist und damit des Menschen innerste Bestimmung betrifft: sie, die Freiheit, hervorzubringen und in die Form zu bringen. Das scheint paradox zu sein: die Freiheit hervorzubringen aus der Freiheit? Allerdings! Und da auch schon das nächste Paradox: Freiheit als Form des Menschheitsganzen, wo sie doch nur und wenn überhaupt für das einzelne Ich gilt? Aber genau hier leuchtet der Punkt (x) oder (n) auf, wo aus dem Begriff der Kunst wie von selbst auch der Begriff der direkten Demokratie hervorgeht. Es ist auch der Punkt, von dem erst aus ich die bis hierin angestoßenen Thesen beweisen kann. Der Punkt, an dem ich mit meinem Text hier leider aufhören muss.

Aber auch 40 bzw. 20 Jahre Jubiläum haben dann nur Beweiskraft, wenn sie erst das Vorspiel eines ganzen, kommenden Jahrtausends sind. Weiter will ich erst einmal nicht vorgreifen.

Johannes Stüttgen

OMNIBUS FÜR DIREKTE DEMOKRATIE

Johannes Stüttgen

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