Festschrift "20 Jahre Mehr Demokratie"
"DAS sollten unsere Politiker mal sehen..."
Wie oft habe ich diesen Spruch schon gehört. Von Kollegen, von Freunden, von Menschen auf der Straße. Und auch ich habe ihn schon benutzt...
Doch wann fällt dieser Spruch? Meist dann, wenn wir uns als Bürger ungerecht behandelt oder bevormundet fühlen. Wenn wir das Gefühl haben, dass Politiker über unseren Kopf hinweg entscheiden. Ob der legendäre Flughafen Tempelhof in Berlin für alle Zeiten geschlossen werden soll, Millionen unserer Steuergelder für die Planung einer Magnetschwebebahn in München ausgegeben werden, die sich dann nach jahrelanger Diskussion doch als völlig unrentabel herausstellt oder unser Rentenalter, das einige nun wieder einmal hinaufsetzen wollen.
Es sind Entscheidungen, die von einzelnen Parteien oder Politikern getroffen werden, aber uns alle im Einzelnen betreffen. Und deren Nachhaltigkeit äußerst weitreichend - und nicht immer verständlich ist.
"Wissen Sie, was ich mir wünschen würde?", hat mich eine Berliner Nachbarin vor Kurzem einmal gefragt. "Dass unsere Minister sich einmal einen Tag lang auf die Flure einer Behörde, wie zum Beispiel die der Agentur für Arbeit setzten, mit den Leuten sprechen und sich anhören, durch welchen Papier- und Bürokratie-Dschungel man sich da quälen muss. Und zwar nicht nur, weil man sich vielleicht arbeitslos melden möchte. Nein, auch, wenn man wie ich, selbst etwas tun und einen eigenen kleinen Laden eröffnen will. Da verliert man schon im Vornherein die Lust..."
Das, was meine Nachbarin so verärgerte, zieht sich meiner Meinung nach leider inzwischen durch große Teile unseres Landes: Der Verdruss über Bürokratie - und Politik. Die Menschen wünschen sich mehr Lebensnähe der Politiker. Wollen, dass die, die sie regieren, ihnen zuhören. "DAS sollten unsere Politiker mal sehen..."
Auf ihre Wünsche und Bedürfnisse eingehen. Ihnen helfen. Ihnen das Leben erleichtern. Ihnen das Gefühl geben, ganz nah dran zu sein.
Dass dies grundsätzlich möglich ist, zeigt sogar unsere Bundeskanzlerin. Immer wieder stehen auf ihrer Agenda intensive Gespräche mit Bürgern, Betroffenen und Verbänden. "Angela Merkel kommt aus dem Volk - und interessiert sich für das Volk", habe ich einmal irgendwo gelesen und finde, es trifft den Nagel auf den Kopf. Wir wollen und müssen mehr ins Tagesgeschäft der Politiker eingebunden werden. Besonders junge Menschen, deren Politikverdruss und Unwissenheit am aller größten ist, müssen wieder für ein aktives Handeln begeistert werden.
Sie brauchen das Gefühl über ihr zukünftiges Leben mitentscheiden zu können. Und zwar nicht nur in der Theorie, sondern besonders in der Praxis. Auf ihren Stadtteil, ihre Stadt und ihr Land bezogen. Denn wer heute das Gefühl hat, sich in die Geschehnisse seines ganz direkten Umfeldes einbringen zu können, wird sich morgen vielleicht auch für die Belange seiner Mitbürger, seiner Stadt oder seines Landes interessieren.
Wir sollten, die Stimme, die uns unsere demokratische Verfassung gibt auch nutzen: Wählen, entscheiden und mitbestimmen! In Verbänden, Ausschüssen, Gemeinden, Gremien und auch in der Politik.
Sagen Sie Ihre Meinung. Verteidigen Sie sie. Kämpfen Sie für sie! Denn: Demokratie ist nicht unser Schicksal, sondern unser Auftrag!
Sabine Christiansen,
TV-Moderatorin, Journalistin und Produzentin
Sabine Christiansen
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