Interview: Der Protest in Spanien

Menschen aus der ganzen Welt kamen zum Gründungstreffen von Democracy International nach Brüssel. Vier spanische Demonstranten berichteten von ihrem Camp in Barcelona . Wir haben mit Tantiana de la O und Daniel Edom über ihre Eindrücke gesprochen.

Seit sechs Wochen gehören politische Proteste zum spanischen Alltag. In Barcelona hat sich am Plaça Catalunya ein Protestcamp gebildet. Könnt ihr uns über die aktuelle Lage berichten?

Daniel: Anders als es in der Presse oft zu lesen war, haben wir das Camp nicht geschlossen. Es gab zwar eine Abstimmung ob wir die Zeltstadt schließen, aber nur eine einfache Mehrheit hat dafür gestimmt. Normalerweise haben wir jedoch immer auf eine deutliche Mehrheit bestanden. Deswegen haben auch viele Demonstranten das Ergebnis abgelehnt und das Camp fortgeführt.

Obwohl die Zahl der Camper leicht zurückgeht, haben letzte Woche noch 300 Menschen die Nacht im Zeltlager verbracht. Tagsüber ist der Platz stärker belebt. Viele Menschen engagieren sich in den Kommissionen und nehmen an den Versammlungen teil; verbringen jedoch nicht die Nacht auf dem Plaça Catalunya.

Tatiana: Wir machen uns viele Gedanken wie es weitergehen soll. Wir sind uns bewusst, dass das Protestcamp keine permanente Lösung ist, aber sind dennoch entschlossen die Bewegung weiterzuführen. Wir verhandeln bereits mit der Stadtverwaltung. Unsere ursprüngliche Einigung sah vor, dass wir das Camp schließen, jedoch einen festen Standort bekommen, wo wir uns treffen, die Kommissionen arbeiten und die Versammlungen stattfinden können. Es ist uns wichtig, dass wir mit der Bevölkerung in Kontakt blieben. Unsere Bedingung war jedoch, dass es keine Unterbrechung der Proteste und unserer Arbeit geben darf. Unser Anliegen wurde jedoch von der Verwaltung ignoriert: wir sollten den Plaça Catalunya zuerst komplett räumen und dürfen erst zurückkommen, wenn der neue Informationsstand aufgebaut ist.

Wir sind dieser Aufforderung nicht nachgekommen, sondern wollten das Camp fortführen, bis eine Einigung zustanden gekommen ist. In der Nacht zum letzten Donnerstag hat die Polizei das Camp jedoch aufgelöst. Von früheren Erfahrungen wussten wir dass die Polizei nicht vor Gewalt abschreckt und haben uns daher nicht gewehrt. Wir sind jedoch sehr verärgert und enttäuscht.

 

Der Mittelmeerraum wurde in den vergangenen Monaten von politischen Protesten bestimmt. Inwiefern haben euch diese Ereignisse inspiriert?

Tatiana: Natürlich war der arabische Frühling eine Inspiration. Bürger in Tunesien und Ägypten haben sich erhoben, um Frust und Wut offen zu zeigen. Am Ende haben sie eine wichtige Forderung durchgesetzt, nämlich haben sie die Regierung zum Sturz gebracht. Ich habe mich für die Menschen gefreut.

Zudem hat mich aber die Volksabstimmung in Island inspiriert: die Isländer haben beschlossen, dass die Bankenpleite nicht aus Steuergeldern zurückgezahlt wird. Die isländische Bevölkerung hat die Verantwortung für das Versagen der Banken und die Untätigkeit der Regierung abgelehnt und sich so von der Politik distanziert. Zudem wurden normale Bürger gewählt, um an einer neuen Verfassung mitzuarbeiten. Bürgerbeteiligung und direkte Demokratie sind durch die Wut der Bürger verstärkt worden. Diese Art Politik mitzubestimmen, ist für mich ein gutes Vorbild.

Im Protestcamp arbeitet ihr in der Internationalen Kommission. Wie sieht eure Arbeit genau aus?

Daniel: Die Proteste sind nicht an einem bestimmten Ort gebunden, sondern finden überall in Europa und sogar auf anderen Kontinenten statt. Eine Gruppe bei uns nimmt mit diesen Organisatoren in Kontakt auf. Wir haben uns mit Demonstranten aus dem arabischen Raum unterhalten um aus ihren Erfahrungen zu lernen. Wir haben Isländer eingeladen, die Workshops zum Thema Bürgerbeteiligung organisiert haben. Zudem haben wir Kontakt zu Demonstranten aus Portugal, Griechenland, Belgien und Frankreich und besuchen auch deren Proteste und Camps.

Tatiana: In der Internationalen Kommission haben wir mit den anderen Bewegungen zusammen verschiedene Ziele ausgearbeitet, die wir gemeinsam verwirklichen wollen. Zuerst wollen wir ein Netzwerk aufbauen um unsere Arbeit und Anliegen gemeinsam zu koordinieren. E-Mail-Verteiler und Internetforen sind dabei für die Kommunikation ausschlaggebend. Zudem bauen wir eine Datenbank auf, damit wir unsere Kontakte zu Experten und NGOs teilen können. Die einzelnen Gruppen erarbeiten verschiedene Vorschläge, wie wir unsere Forderungen umsetzen können; diese Vorschläge werden geteilt um die Ideenfindung anzuregen und die einzelnen Gruppen miteinander zu verbinden.

 

Plant ihr auch gemeinsame Aktivitäten und Projekte?

Daniel: Am 19. Juni haben wir in 98 Städten zeitgleich Demonstrationen veranstaltet. Der größte Protest hat in Barcelona stattgefunden, mit über 200.000 Menschen. Aber auch in Griechenland haben sich mehrere tausend Menschen versammelt.

Unsere gemeinsame Arbeit ist jedoch damit noch nicht beendet. Wir planen verschiedene internationale Aufrufe, um auf unsere Forderungen aufmerksam zu machen. Eine Idee ist es, Banken aufzuzeigen, die nachhaltig und ethisch vertretbar arbeiten. Anhand dieser Liste können die Bürger entscheiden ihre Bank zu wechseln und so ihre Unzufriedenheit gegenüber gewissen Banken zu zeigen. Wir verstehen, dass wir uns in einer Art Maschine bewegen, die wir nicht ohne weiteres verlassen können, aber wir können versuchen die Spielregeln zu verbessern. Jeder Bürger braucht ein Konto und kann dem Bankensystem nicht entfliehen, jedoch kann man die Bank frei wählen und so Spielregeln mitbestimmen.

Tatiana: Außerdem planen wir, einen weltweiten Protesttag am 15. Oktober zu veranstalten. Das Motto ist 'Take the Square' (Übernehmt die Plätze): die Demonstrationen sollen an zentralen, öffentlichen Plätzen stattfinden. Wir planen diese Aktion gemeinsam mit Leuten aus Europa und dem arabischen Raum, aber auch aus New York City und Südamerika. In diesen Regionen kommt es auch zu Protesten; die meisten wurden zuerst in Solidarität mit dem arabischen Frühling veranstaltet und haben sich dann weiterentwickelt.

Was hofft ihr mit euren Protesten zu erreichen?

Tatiana: Am wichtigsten ist es uns, dass wir eine neue politische Perspektive aufgestellt haben. Wir haben uns von der üblichen Politik abgegrenzt, an der die meisten Politiker jedoch noch festhalten. Im Gegensatz dazu haben wir der Bevölkerung einen anderen Weg der Kommunikation und der Entscheidungsfindung aufgezeigt. Jeder Bürger kann an der Politik teilnehmen und von seinen demokratischen Rechten Gebrauch machen.

Daniel: Wir hoffen, dass unsere Proteste die politische Kultur nachhaltig beeinflussen. Bürgerbeteiligung und -mitbestimmung könnten nun vielleicht als wichtige Werte verstanden werden. Politik kann in einem neuem Licht erscheinen: von Angesicht zu Angesicht, direkter und transparenter. Die Bürger haben ihr Vertrauen in die Politik verloren.

 

Vanessa Eggert, 05.07.2011

 

Mehr Informationen:

http://www.acampadabcninternacional.wordpress.com/

http://www.takethesquare.net

Tantiana de la O und Daniel Edom