3. Oktober…Mauersteine…Spiegel der Gesellschaft


Ein paar Gedanken zu Umbrüchen und Neuanfängen

von Anne Dänner (Kulturwissenschaftlerin, Pressesprecherin, Rhönerin)

Meine Uroma Frieda hatte einen Lebensgefährten namens Erich. Er hatte wenige graue Haare und eine Brille mit dunklem Rand – auch das Alter passte, aber davon abgesehen gab es keine weiteren Parallelen zu seinem Namensvetter an der Spitze des DDR-Regimes.

Erich kam vom Theobaldshof, einem 300-Seelen-Ort, der jahrzehntelang das letzte osthessische Dorf vor der innerdeutschen Grenze war. Für mich als Kind war am Theobaldshof die Welt zu Ende. Für Erich nicht… Er liebte Berlin. Mindestens zweimal im Jahr zog er mit seiner Frieda für mehrere Wochen nach Westberlin, wo er eine eigene kleine Wohnung und eine Tochter hatte. 1990 fing er plötzlich an, alle ungefragt mit Steinbrocken zu beschenken, die er in sorgfältig mit Klebeband verschlossenen und beschrifteten Pralinen-Plastikkästchen aufbewahrte. Mir wären die Pralinen damals lieber gewesen, auch die Erwachsenen schmunzelten. Aber Erich blieb bei seiner Begeisterung und behielt seine Tätigkeit als „Mauerspecht“ für die nächsten Monate bei. Rückblickend hatte er Recht: Diese unscheinbaren Steine sind ein Zeitdokument.

Fast 30 Jahre später lebe ich wenige km entfernt von den bunt bemalten Mauerresten der East Side Gallery. Wo heute hippe Touristen posieren, wurde vor noch gar nicht langer Zeit auf Menschen geschossen… Manchmal, so wie heute, um den 3. Oktober, überkommt mich die Freude und Dankbarkeit darüber, dass diese Mauer im Leben meiner Kinder genauso wenig eine Rolle spielt wie der hässliche, scharfkantige, engmaschige Zaun, den ich fast aus meinem Kinderzimmerfenster sehen konnte. Ich werde mir eines von Erichs Plastikkästchen aus dem Keller meiner Eltern suchen und es unter meinen „Spiegel der Gesellschaft“ stellen, der seit ein paar Tagen im Flur hängt.

Diesen „Spiegel“ hat Mehr Demokratie vor ein paar Wochen drucken lassen, auf Postkarten, Info-Broschüren und auf ein paar Plakate. Er steht für die Volksabstimmung und für die Demokratie als Ganzes. Der Spiegel der Gesellschaft zeigt, was ist. Ich bin von diesen gedruckten Spiegeln gerade genauso besessen wie Erich damals von seinen Mauer-Bruchstücken, trage sie mit mir rum, verschenke sie, hänge sie auf. Sie sind für mich das Symbol dafür, dass sich in Deutschland gerade wieder etwas verändert. Dass wir endlich mal in den Spiegel schauen. Und überlegen, wie es jetzt weitergeht, nachdem das Althergebrachte ja offenbar an vielen Stellen nicht mehr funktioniert.

Mehr Demokratie tourt mit 3x5-m-Riesenspiegeln durch Deutschland und bringt all die kleinen Spiegel unter die Leute, bittet Politiker/innen zum Gespräch vor dem Spiegel. Und sie alle, die Politiker/innen, die Medien, die Menschen auf der Straße spüren offenbar, dass wir Kernfragen stellen: Wie gelingt es, mehr Menschen in die Politik einzubeziehen? Warum dürfen wir, die Bürgerinnen und Bürger, fast 70 Jahre nach der Verabschiedung des Grundgesetzes, fast 30 Jahre nach der friedlichen Revolution immer noch nicht über die wirklich großen Themen abstimmen, in bundesweiten Volksabstimmungen?? Auch diese Merkwürdigkeit, dieses „Fehlen“ zeigen unsere Spiegel.

Das Spiegel-Plakat in meinem Flur hat übrigens schon jetzt eine eigene Geschichte: Es hing an der Wand, als am 15. September, dem Internationalen Tag der Demokratie, erstmals unser Kampagnen-Bündnis zusammenkam: BUND, foodwatch, der Deutsche Naturschutzring, attac, das Forum Umwelt und Entwicklung… alle zusammen an einem Tisch, mit dem Ziel bundesweite Volksentscheide im nächsten Koalitionsvertrag zu verankern. Gleich nach dem Treffen haben wir den Spiegel mitgenommen vors Brandenburger Tor, wo der OMNIBUS eine Musik-Performance zum Thema „Wir stimmen ab“ organisiert hatte. Das war nicht irgendein Gedudel, das war ganz großes Kino.

Von mehreren Ecken des Pariser Platzes kamen Musiker/innen des großartigen Stegreif-Orchesters in der Mitte zusammen und interpretierten in verschiedenen Musik-Stilen auf Beethovens 9. und Schillers „Ode an die Freude“. Die Menschen blieben stehen, staunten, freuten sich. Am Schluss Soulgesang und Rap für die Demokratie – wow. Und sicher 100 feiernde Menschen drumherum. Mein Spiegel hat viel Gutes gesehen an diesem Tag.

Und das ist erst der Anfang…

Leute, hebt euch einen „Spiegel der Gesellschaft“ auf! Wenn in 30 Jahren bundesweite Volksabstimmungen ganz selbstverständlich sind, werdet ihr euch freuen, wenn ihr euren Spiegel irgendwo im Keller findet. Und werdet daran denken, wie es angefangen hat.

Hier ein paar Eindrücke des „Wir stimmen ab“-Konzerts...

Und hier gibt's Spiegel-Karten, Broschüren und Poster...

 

 

Mehr Demokratie auf:

Seite teilen:
Zum Anfang