Daten sammeln, Daten auswerten

Wie werden die Daten, die über uns im Internet gesammelt werden, zur Gefahr für die Demokratie? Die Bürgerrechtlerin und Netzaktivistin Katharina Nocun hat darüber ein Buch geschrieben, für das sie die Datensammelwut an sich selbst getestet hat.


Interview by Neelke Wagner

Neelke Wagner: Du hast für dein Buch verschiedene Selbstversuche gemacht, um herauszufinden, was verschiedene Unternehmen so über dich speichern und was dann mit deinen Daten passiert. Was war das schlimmste, was dir dabei begegnet ist?

Katharina Nocun: Es gab einen Selbstversuch, den habe ich mich nicht getraut zu machen. In einem Kapitel meines Buches schreibe ich über datengetriebene Versicherungstarife, die Gefahr laufen, das ganze Solidarsystem auszuhebeln. Bei solchen Modellen rufen Versicherungen etwa die Daten von Fitness-Trackern ab und richten dann den Tarif danach, wie viele Treppenstufen ich am Tag gelaufen bin oder was ich sonst für meine Fitness getan habe. Mittlerweile gibt es Versicherungen, die sogar Gentests anbieten, um herauszufinden, welches Risiko für bestimmte Erbkrankheiten man in sich trägt. An dieser Stelle habe ich für mich entschieden, dass ich so einen Test nicht machen will, denn ich wüsste gar nicht, wie ich mit einer solchen Information umgehen sollte.

Du sprichst in deinem Buch von dem Datenschatten, den wir alle im Internet hinterlassen.
Wo geben wir denn am meisten von uns preis?

Was mich nachhaltig schockiert hat, war meine Datenabfrage bei Amazon. Man muss dazu wissen: Im Zuge meines Experiments habe ich darauf geachtet, möglichst viel bei Amazon einzukaufen, dort Rezensionen zu lesen und mich über Produkte zu informieren. Jede/r von uns hat das Recht, einmal im Jahr eine kostenlose Kopie der eigenen Nutzerdaten von einem Anbieter zu bekommen. Also habe ich eine solche Anfrage bei Amazon gestellt. Nach Monaten wiederholten Nachfragens hat mir Amazon dann eine riesige Tabelle geschickt, mit 15.000 Zeilen und 50 Spalten, in der jeder einzelne der 15.000 Klicks aufgelistet war, den ich im letzten Jahr auf Amazon gemacht habe. Wann habe ich nach einem Klimagerät gesucht, wann habe ich in der Kategorie „Baby“ gestöbert, wann habe ich mir Selbsthilferatgeber angeschaut oder bei welcher Online-Zeitung ich auf ein bestimmtes Buch gestoßen bin, das ich anschließend auf Amazon angeschaut habe. Das ist schon sehr erschreckend, denn was wir konsumieren wollen und was wir kaufen, sagt in unserer Gesellschaft viel darüber aus, wer wir sind oder wer wir sein wollen. Und Amazon speichert ja nicht nur unsere Einkäufe, sondern jeden achtlosen Klick, weiß also sehr viel darüber, was mich interessiert und sicherlich auch, wo meine Schwachstellen liegen. Natürlich bauen Unternehmen wie Facebook oder Google gewaltige Datensammlungen auf.

Ich würde jeder und jedem raten, bei Diensten, die man viel nutzt, einmal so eine Anfrage zu machen, um herauszufinden, was der Anbieter eigentlich alles speichert. Dann hat man eine bessere Grundlage, um zu entscheiden, ob es OK ist, dass der Anbieter so viel über mich weiß und ob es vertretbar ist, diesen Dienst noch weiter zu nutzen.

Hattest du denn das Gefühl, klar erkennen zu können, warum
du bestimmte Suchergebnisse angezeigt bekommst?

Teils, teils. Ich habe während meiner Recherchen ganz bewusst sehr viel Google benutzt. Bei einigen Suchanfragen schon gemerkt, dass ich selbst den Versuch verzerre, weil ich Dinge nicht mit Namen verknüpft sehen wollte. Einige Dinge habe ich mit einer datenschutzfreundlichen Suchmaschine recherchiert, die nicht speichert, was wer wann wo eingegeben hat. Bei Google haben ein paar Freunde für mich denselben Begriff in die Suchmaske eingegeben, damit ich überprüfen konnte, ob wir tatsächlich die selben Suchergebnisse angezeigt bekommen. Eine Freundin von mir bekam zum Beispiel unter den ersten Treffern eine Aktion gegen TTIP angezeigt, die kam bei mir erst unter „ferner liefen“. Das hat mich schon gewundert – als Campaignerin gegen CETA, als Person, die sich intensiv mit Handelsabkommen auseinandergesetzt hat, wäre es für mich schon interessant gewesen zu erfahren, dass es diese Kampagne gibt. Wie kommt es, dass mir diese nicht unter den ersten Treffern angezeigt wurde? Bei wie vielen Menschen war das noch so?

Was folgt für dich daraus?

Im Laufe meiner Recherchen wurde mir immer klarer, wie umfassend die Informationen sind, die Anbieter aus dem Suchverhalten herauslesen können. Wir müssen uns vor Augen führen, dass große Konzerne wie Google, über dessen Seite rund 90 Prozent der Suchanfragen in Deutschland laufen, eine große Macht darüber haben, was wir wahrnehmen und wie wir es wahrnehmen. Wenn wir zum Beispiel ein Thema recherchieren, über das wir noch nicht viel wissen, macht es doch einen großen Unterschied, ob wir als erstes etwas kritisches, etwas neutrales oder vielleicht auch Inhalte angezeigt bekommen, die von einer Lobbyorganisation der Wirtschaft stammen.

Gibt es eine Möglichkeit, das zu umgehen?

Es ist auf jeden Fall sinnvoll, mehrere Suchmaschinen zu benutzen. Wenn man vergleicht, welche Ergebnisse bei verschiedenen Suchmaschinen angezeigt werden, dann gibt es da meistens große Schnittmengen, aber manchmal eben auch Unterschiede. Unabhängig davon sollte, wer viel Google nutzt, einmal in die Datenschutzeinstellungen seines Nutzeraccounts gehen und schauen, was man da anpassen kann. Dass Google jede einzelne meiner Suchanfragen der letzten fünf Jahre speichert, hat zum Beispiel für mich persönlich keine Vorteile, sondern nur Nachteile. Diese Speicherung kann man getrost abstellen.

Es gibt ja auch Unternehmen, deren gespeicherte Daten direkten Einfluss darauf haben, ob ich meine Traumwohnung bekomme oder ein Smartphone per Ratenzahlung kaufen kann. Wie die Schufa.

Gerade dort sind Falscheinträge gefährlich, und die kommen durchaus oft vor. Hier lohnt es sich auf jeden Fall, regelmäßig zu prüfen, was über die eigene Person gespeichert wurde. Auch die Schufa muss auf Anfrage einmal pro Jahr eine kostenlose Auskunft gewähren. Dazu reicht ein formloser Brief, in dem man sich auf die EU-Datenschutzverordnung bezieht. Am besten setzt man dazu noch eine Frist und erklärt, dass man sich an die Aufsichtsbehörden wendet, wenn eine Antwort ausbleibt. Die Anbieter sind verpflichtet zu antworten und tun das in der Regel auch.

Einige Anbieter schicken einem allerdings erst einmal nur einen kleinen Ausschnitt der gespeicherten Daten zu. Auch Amazon hat mir zuerst nur eine Liste der Produkte geschickt, die ich über die Plattform gekauft habe. Die kannte ich natürlich schon. Viel spannender sind die versteckten Daten, von denen ich nicht genau weiß, in welchem Umfang Amazon diese eigentlich erfasst: Mein Klickstream. Und dafür musste ich mehrmals nachhaken und nachbohren. Es wäre sicherlich gut, wenn das noch viel mehr Menschen tun würden. Wir müssen dahin kommen, dass ich mich als Nutzer einfach auf einer Internetseite einloggen und nachschauen kann, welche Daten ein Anbieter über mich gespeichert hat, und zwar lückenlos – das ist mein gutes Recht, es sind ja schließlich meine Daten!

Was machen die Unternehmen mit all diesen Daten?

Neben dem, was ich bewusst von mir preisgebe, also meinen öffentlichen Daten, erzeuge ich eine viel größere Menge an versteckten Daten, die für Unternehmen wie Facebook viel interessanter sind. Zum Beispiel Informationen wie, wer bei wem im Adressbuch steht, wer mit wem wie oft zur selben Zeit am gleichen Ort ist oder wer wessen Profil anschaut. Wenn hunderte von Millionen Menschen aus der ganzen Welt Facebook den Zugriff auf ihr Adressbuch erlauben, dann weiß Facebook, wer wen kennt. Und das viel genauer, als es allein unsere Freundesliste auf Facebook hergäbe.

Das Daten-Team von Facebook erforscht mittlerweile gezielt, wie Menschen in bestimmten Lebenslagen kommunizieren. Zum Beispiel, wenn eine Beziehung in die Brüche geht. Kurz vor der Trennung steigt die Interaktion zwischen den Beziehungspartnern im Schnitt um 225 Prozent an und ebbt danach ab. Das heißt, allein daraus, wie intensiv zwei Leute auf Facebook kommunizieren, kann das Unternehmen Informationen darüber ableiten, wie es um deren Beziehung bestellt ist. Eine andere Studie zeigt, dass sich allein aus den Interaktionsdaten ablesen lässt, ob Jugendliche gerade verunsichert sind oder eine Krise durchleben.

All das sind natürlich Informationen, die ein unglaublich großes Missbrauchspotenzial bergen. Denn wenn ich weiß, wo jemand gerade verletzlich ist, welche Knöpfe ich bei dieser Person drücken muss, dann kann ich die Person nicht nur dazu verführen, Produkte zu kaufen, die sie nicht braucht, sondern ich kann jemanden natürlich auch politisch manipulieren. Wir haben ja schon erlebt, dass Facebook zur politischen Manipulation genutzt wurde. Hier muss dringend etwas getan werden, um derartigen Daten-Missbrauch einzudämmen.

Neben dieser Manipulation durch gezielte Ansprache führt zum Beispiel der Algorithmus von Facebook generell dazu, dass bestimmten Leuten nur noch bestimmte Posts angezeigt werden, oder dass Beiträgen eine besondere Wichtigkeit zugerechnet wird, nur weil sie zum Beispiel besonders viele Kommentare provoziert haben. Wie kann man da den Überblick behalten, was wirklich relevant oder wahr ist?

Ich würde jedem raten, sich aus vielen verschiedenen Quellen zu informieren und vor allem auch seriöse Medien zu nutzen, bei denen ausgebildete Journalist/innen arbeiten, die Recherche von der Pike auf gelernt haben. Die sozialen Netzwerke verhalten sich in der Hinsicht wie ein Zeitungsverkäufer, der anfängt, die Zeitung zu zerschneiden und mir nur einzelne Artikel über den Tresen reicht, weil er meint mich zu kennen und zu wissen, welche Nachrichten mich interessieren werden und welche nicht. Aber kann man wirklich voraussehen, welche Informationen mich in Zukunft interessieren werden und welche nicht, nur weil man weiß, was ich gestern gelesen oder angeschaut habe? Vielleicht möchte ich auch lieber jeden Tag wieder neu und eigenständig entscheiden, was mich beschäftigt. Eine solche Bevormundung ist ein Problem. 

Was können wir gegen diese Bevormundung tun?

Filter an sich sind keine schlechte Sache. Nur, wenn sie fremdbestimmt sind, läuft man Gefahr, am Ende mit Scheuklappen durchs Leben zu gehen. In gewisser Weise gab es Filter immer schon. Allein dadurch, mit wem ich mich anfreunde, in welche Kneipe ich gehe oder welche Bücher ich lese, bastele ich an meiner eigenen analogen Filterblase. Natürlich habe ich das Recht, mir auszusuchen, mit wem ich meine Zeit verbringen will und was mich interessiert. Aber ganz so selbstbestimmt funktioniert die Auswahl in den sozialen Netzwerken nicht.

Die World Wide Web Foundation hat dazu eine sehr interessante Studie veröffentlicht. Die Forscher/innen haben mehrere identische Facebook-Profile angelegt und dann deren Newsfeed analysiert, also die Nachrichten, die jeder Nutzer angezeigt bekommt, wenn er oder sie sich auf Facebook einloggt. Dabei kam heraus, dass selbst Accounts, die zu 100 Prozent dasselbe liken und sich genau gleich verhalten, nur zu 50 Prozent die gleichen Nachrichten angezeigt bekamen. Das heißt, auch mit meinem Verhalten auf Facebook kann ich nur begrenzt beeinflussen, was ich am Ende auf Facebook sehen und lesen kann. Und da muss die Politik unbedingt ran, denn das ist eine unglaubliche Machtposition, die Unternehmen wie Facebook dadurch erlangen. Der Nutzer muss Filtersouverän werden und die Kontrolle darüber zurückbekommen, was ihm angezeigt wird und was nicht.

Was schlägst du vor?

Es ist umstritten, wie stark die Filterblasen auf Facebook mittlerweile sind. Was aber klar ist: Facebook filtert, ganz bewusst. Damit kann das Unternehmen die Wahrnehmung öffentlicher Debatten beeinflussen. Damit bekommt ein einzelner Konzern eine starke Machtposition. Wenn man sich anschaut, welche Auswirkungen das kurz vor einer Wahl haben kann, dann ist das dramatisch. In Island hat Facebook vor den Wahlen Nutzer dazu aufgefordert, wählen zu gehen. Aber dann stellte sich heraus, dass dieser Hinweis gar nicht allen Isländer/innen angezeigt wurde, sondern nur einem Teil der Bevölkerung. Und da kann man sich natürlich fragen, ob das nicht das Wahlergebnis verzerrt, wenn eine bestimmte Gruppe zur Wahl motiviert wird und eine andere nicht. In Island wurde das groß debattiert. Ist das in Ordnung, dass Facebook quasi im Maschinenraum der Demokratie, in einen aktuellen Willensbildungsprozess eingreift, um einfach mal zu sehen, was dann passiert? In den USA wurde bei einer Wahl festgestellt, dass sich eine auf Facebook angezeigte Aufforderung, zur Wahl zu gehen, unglaublich positiv auf die Wahlbeteiligung auswirkt. Im Prinzip bin ich großer Fan davon, vor Wahlen oder Abstimmungen Menschen zu mobilisieren, von ihrem Wahlrecht gebrauch zu machen. Aber so etwas müsste dann natürlich ausnahmslos allen angezeigt werden.

Ginge so etwas auch bei Volksbegehren?

Da stellt sich wieder die Machtfrage. Das kann viel werden, wenn in einer Region jedes Jahr ein Dutzend Initiativen starten. Nach welchen Kriterien wird dann entschieden, für welche Initiative geworben wird? Ein Kriterium kann sein, wer das Quorum erreicht und wer nicht. Gut wäre es, solche Einblendungen auf jeden Fall zu machen, wenn das Volksbegehren erfolgreich war und die Abstimmung ansteht, bei der jeder sein Kreuz machen kann. Das wäre aus meiner Sicht eine saubere Lösung.

Über die Macht der Filter bei Facebook und Co. wird ja schon länger diskutiert.
Wie könnte man da für mehr Transparenz sorgen?

Wir erleben im Moment eine riesengroße Debatte über Algorithmen-Transparenz. Muss Facebook offenlegen, nach welchen Kriterien es unseren Newsfeed füllt? Muss Google offenlegen, wie es unsere Suchergebnisse filtert? Wie wird entschieden: Das ist jetzt ein Top-Treffer für Katharina, und das ist ein Top-Treffer für Neelke? Für mehr Transparenz müsste der Software-Code noch nicht einmal zwingend öffentlich gemacht werden – die meisten Menschen könnten damit eh wenig anfangen. Es wäre schon ein Schritt in die richtige Richtung, wenn die Unternehmen ihre Algorithmen einer Behörde offenlegen müssten, die das dann neutral prüft und gegebenenfalls auch sagen darf: Dieses Kriterium ist unzulässig oder diskriminierend. Vor allem Algorithmen zur Kategorisierung und Bewertung von Menschen, wie bei der Schufa, haben in vielen Lebensbereichen heute einen entscheidenden Einfluss.

Das ist doch verantwortungslos, wenn es dafür bisher keine ordentlichen Kontrollen gibt! Es gibt derzeit ein ganz interessantes Experiment der Initiative AlgorithmWatch: Sie rufen Menschen dazu auf, ihnen eine Schufa-Datenspende zu geben. Das bedeutet, die Leute sollen eine Schufa-Auskunft einholen und die abgerufenen Daten dann an AlgorithmWatch weitergeben. Wenn tausende Menschen mitmachen, können Datenanalysten Rückschlüsse ziehen, nach welchen Kriterien der Schufa-Algorithmus filtert. Wenn dabei herauskäme, dass die Schufa politisch umstrittene Kriterien benutzt, würde das auf jeden Fall eine längst überfällige gesellschaftliche Debatte auslösen.

Die Leute interessieren sich dafür, nach welchen Kriterien ihr Newsfeed auf Facebook oder Twitter gefüllt wird. Hier brauchen wir Transparenz, damit eine gesellschaftliche Debatte überhaupt erst möglich wird. Nur wenn ich weiß, woran es genau liegt, dass mir bestimmte Dinge angezeigt werden und andere nicht, kann ich entscheiden, ob mir diese Filter helfen oder ob ich sie falsch oder sogar gefährlich finde. Momentan wissen wir ja gar nicht, was uns vorenthalten wird. Auch ganz persönlich fände ich es gut, wenn die Anbieter dazu verpflichtet wären, den Nutzer/innen mehr Autonomie über ihre Filternutzung zu geben. Wir sollten einstellen könnten, welchen Filter wir benutzen wollen und welche nicht. Vielleicht möchte ich nicht, dass Facebook meine alten Schulfreund/innen ausblendet, nur weil ich mit ihnen nicht mehr oft Nachrichten austausche. Das will ich selbst entscheiden können.

Was kann man tun, wenn nicht die Sozialen Netzwerke selbst, sondern ihre Nutzer/innen Falschmeldungen oder Verschwörungstheorien verbreiten?

Es gab im vergangenen Jahr eine breite Debatte in der Wissenschaft darüber, wie man mit dem Problem der Fake News und Filterblasen umgehen soll und erschreckenderweise sind auch Forscher/innen bisher ziemlich ratlos. Viele sagen – so wie ich auch – dass es völlig inakzeptabel ist, wenn jetzt einzelne Anbieter anfangen zu entscheiden, was gelöscht werden soll und was nicht. In Deutschland wurde diskutiert, so etwas wie eine „Pluralismus-Pflicht“ einzuführen, eine Pflicht zur „ausgewogenen Information“ im Facebook-Newsfeed. Das geht meiner Meinung nach auch völlig fehl. Was ist denn schon „ausgewogen“? Wer entscheidet das? Der Staat oder noch schlimmer, der Anbieter selbst? Davon abgesehen liegt die Wahrheit bei sehr vielen Fragen einfach nicht in der Mitte. Wenn ich mir eine Dokumentation über Auschwitz anschaue, brauche ich nicht zum Ausgleich danach einen Holocaust-Leugner zu hören, das ist offensichtlicher Quatsch. Oder bei der Diskussion um die Klimaerwärmung: Klar kann man da unterschiedliche Meinungen haben, aber wenn 99 Prozent der Wissenschaftler/innen sagen, der Klimawandel ist ein wissenschaftlicher Fakt, dann fände ich es schwierig, wenn mir eine klimaskeptische Haltung als gleichwertige Gegenmeinung eingeblendet würde.

Und würde eine solche Pluralismus-Pflicht zum Beispiel Anhänger/innen von Verschwörungstheorien wirklich dazu bewegen, die Dinge einmal anders zu betrachten? Bei Fake News besteht das Problem ja auch nicht darin, dass sie nicht einfach zu widerlegen wären. Eine der erfolgreichsten Falschmeldungen vor der Präsidentschaftswahl in den USA war die Mitteilung, Papst Franziskus würde Donald Trump unterstützen. Das war eine offensichtliche Lüge, trotzdem haben Leute das geteilt und verbreitet. Wahrscheinlich, weil sie es glauben wollten.

Organisationen, aber auch Einzelpersonen und politische Parteien nutzen soziale Netzwerke ganz gezielt zur Manipulation. Das ist teilweise ein Geschäftsmodell. Da geht es zuweilen gar nicht um die eigene politische Meinung, sondern um rein kommerzielle Interessen. Webseitenbetreiber denken sich haarsträubende Geschichten aus, die die Leute glauben wollen, weil sie damit Werbeeinnahmen von mehreren 10.000 Euro generieren können. Selbst, wenn sie am Ende eine Gegendarstellung veröffentlichen müssen, lohnt sich das immer noch. Dagegen hilft nur mehr Medienkompetenz – systematisch nicht alles zu glauben, was ich lese oder wahrnehme, und mir diese Geschäftsmodelle bewusst zu machen. Wir brauchen Basiswissen darüber, wie man richtig recherchiert, wie man herausfindet, wem eine Website gehört. Das ist entscheidend, um sich online zurechtzufinden. Ein wichtiges Werkzeug dabei ist die Bildersuche, die zeigt, ob ein Bild schon in einem anderen Zusammenhang verwendet wurde.

Es gibt dieses berühmte Beispiel eines Fotos, von dem Breitbart-News behauptet hat, es zeige einen Schleuser, wie er gerade mit einem Jet-Ski einen Flüchtling über das Mittelmeer bringt. In Wirklichkeit war Lukas Podolski zu sehen, der gerade Urlaub machte. Das konnte man mit einer einfachen Bildersuche herausfinden.

Warum glauben die Leute, was auf solchen Portalen steht,
selbst wenn leicht zu beweisen ist, dass das Quatsch ist?

Menschen glauben nun einmal am liebsten die Dinge, die in ihr Weltkonzept passen. Im Umfeld von Verschwörungstheorien gibt es viele Menschen, die den etablierten Medien gegenüber sehr kritisch eingestellt sind und in einigen Punkten durchaus berechtigte Kritik üben. Auf ihre eigenen Quellen wenden Anhänger/innen von Verschwörungstheorien ihre Ansprüche an Faktenprüfung jedoch regelmäßig nicht an. Man glaubt das, was man glauben will. Bis zu einem gewissen Grad kann uns das allen passieren. Es wird tagtäglich versucht, uns zu manipulieren, deshalb sind wir gut beraten, uns viel stärker damit auseinandersetzen, wie wir ticken und wo unsere kognitiven Schwachstellen liegen. Warum sollten die Unternehmen dieser Erde jedes Jahr Milliardenbeträge in personalisierte Werbung auf Basis von Datensammlungen stecken, wenn das alles gar nicht wirken würde? Jeder ist manipulierbar, dessen sollten wir uns bewusst sein. Wenn wir alle uns darauf konzentrieren würden, unsere Abwehrkräfte gegen solche Manipulationen zu stärken und besser zu verstehen, wie so etwas funktioniert, dann würde das mehr helfen als alles andere. Wir brauchen stärkere Abwehrkräfte gegen Manipulation - nicht nur bei der Technik, sondern auch in unseren Köpfen.

Diese Datensammlungen und -auswertungen können doch auch einen Effekt haben, den wir uns selbst wünschen – wie bei Fitness-Apps, die wir uns installieren, weil wir selbst gern gesünder und sportlicher leben wollen. Was ist die Gefahr bei solchen Angeboten?

Generell besteht immer die Gefahr, dass neue Technologien, neue Formen der Datensammlung und -auswertung nicht immer so genutzt werden, dass wir davon profitieren. Die Interessen von Unternehmen oder teilweise von Staaten weichen von unseren Interessen ab: Für die Krankenversicherung mag es sinnvoll sein, anhand der Daten unseres Fitness-Trackers herauszufinden, wer zu einer Risikogruppe gehört, aber wenn sie danach die Leute in verschiedene Tarife einteilt, dann verstößt das gegen das Solidarprinzip. In China wird gerade ein System getestet, bei dem das Verhalten aus staatlichen und privaten Datenbanken in einen einzigen Score zusammengerechnet wird.

Wenn man bei rot über die Ampel fährt, verliert man Punkte. Wenn man eine gute Zahlungsmoral hat, gibt das wieder Pluspunkte, und so weiter. Wenn man unter einen gewissen Schwellenwert fällt, dann heißt das: Man darf nicht mehr die guten Züge nehmen, die Kinder kommen nicht auf eine gute Schule, Beamte werden nicht mehr befördert… Staat und Unternehmen sind in diesem Modell sehr eng verzahnt. Jedes Vergehen wird sofort sanktioniert – egal, ob es sich um einen echten Verstoß gegen Gesetze handelt oder nur um eine Achtlosigkeit.

Letztlich befinden sich die Leute unter einer permanenten Kontrolle, in einem permanenten Umerziehungslager, anders kann man das nicht mehr nennen. Und das wäre das Gegenteil von Freiheit. Auch in westlichen Demokratien können wir nicht mehr klar zwischen staatlichen und privatwirtschaftlichen Datensammlungen unterscheiden. Seit den Enthüllungen von Edward Snowden wissen wir, dass Geheimdienste – zumindest der US-Geheimdienst – systematisch auf die Daten bei Facebook oder Google zugreifen. Selbst wenn ich davon ausgehe, dass Google mit den gespeicherten Suchanfragen der letzten zehn Jahre nichts „Böses“ anstellen will – was ist, wenn diese Sammlungen in die Hände eines autoritären Staates gelangten? Jeder hat etwas zu verbergen – man nennt es Privatsphäre.


Hinweis:
Das von Katharina Nocun veröffentlichte Buch "Die Daten, die ich rief - Wie wir unsere Freiheit an Großkonzerne verkaufen" kann hier bestellt werden...

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