"Hier spielte das Volk!"

Am 7. November trat eine Elf von Mehr Demokratie gegen den FC Bundestag an. Was passiert, wenn das Volk gegen seine Volksvertreter antritt, sieht in etwa so aus:

Es ist saukalt, am Spielfeldrand des Friedrich-Ludwig-Jahn Sportplatzes in Berlin-Prenzlauer Berg. Nach nur 20 Minuten haben sich die Zehen der Zuschauer schon nahezu in Eiszapfen verwandelt. Doch auf dem Spielfeld fließt zur gleichen Zeit der Schweiß. Denn da spielen am 7. November abends um 18 Uhr unter Mond- und Flutlicht elf Kicker vom "Mehr Demokratie e.V." gegen den FC Bundestag. "Hier spielt das Volk!", skandieren die Zuschauergrüppchen immer wieder in grandiosen Sprechchören. Und anchmal, wenn die beiden Stürmer der außerparlamentarischen Demokraten sich dem gegnerischen Tor tatsächlich einmal nähern, brüllt einer: "Harry vor, mach ein Tor!" oder: "Kurt! Mach zu! Jetzt schiiiiiiieß doch! Mensch!"

Tatsächlich kommen Kurt und Harry, eben jene demokratischen Stürmer, in der ersten halbstündigen Halbzeit nicht zum Zuge. Stattdessen die Stürmer vom FC Bundestag. Achtmal hält der zottelige Ersthalbzeits-Torwart Uli den Ball und die Attacken der Bundestagsabgeordneten in Schach. Viermal jedoch sucht sich der Ball unhaltbar seinen Weg vorbei an diesem gewieften Torwart, der in seinem echten Leben Hausmeister im Berliner Haus der Demokratie ist.

 

Verschwitzt stürmen elf demokratische Männer in orangen T-Shirts nach 30 Minuten zum Spielfeldrand und heben die Wasserflasche an den Mund. "Hier spielt das Volk", prangt in blauen Lettern auf ihren Brüsten und Bäuchen. Und Teamchef Michael versucht seine Truppe jetzt auf Sieg einzuschwören.

Das hilft. Immerhin vergehen keine fünf Minuten der zweiten Halbzeit, schon fällt das erste Tor für Mehr Demokratie. Der Torschütze des ersten Gegentors ist im wirklichen Leben angehender Waldorflehrer und heißt Andreas. Die Zuschauer setzen zu ersten La Ola-Wellen an, die ob der geringen Anzahl von Mitwirkenden zu La Ola-Geplätscher werden. Einer steht im orangblauen Trikot am Spielfeldrand und jammert: Ich will endlich auch mal mitspielen. Er wird sofort eingewechselt. Demokratie muss sein.

Und Harry muss raus. Er darf aber sofort wieder rein, weil sich Thomas den Fuß vertreten hat und plötzlich humpelt. "Foul!" "Foul!", brüllt das Zuschauervolk und fordert Elfmeter. Aber Thomas war nur über die eigenen Füße gestolpert. "Hier spielt das Volk" skandieren die mit den erfrorenen Zehen. Und die Elf von Mehr Demokratie wird prompt mitgerissen. Vor allem - wie es scheint - Stürmer Kurt. Schon in der 45. Minute des Spiels zieht es ihn vors gegnerische Tor. Der Ball prallt vom Bundestagstorwart ab und rollt Kurt vor die Füße. Der fackelt nicht lang, tritt zu und schon schießt der Ball ins Tor: 2:4. Und Kurt rollt hinterher, mit einem waghalsigen Salto landet auch er im Tor - und bricht sich bei dieser aufsehenerregenden Aktion sein Schlüsselbein.

Zum Schluss stand es immer noch 4:2. Und beide Mannschaften trennten sich gut gelaunt. Nur Kurt, der war da schon im Krankenhaus.

 

P.S. Inzwischen sitzt er allerdings schon wieder quietschfidel in seinem Büro vom Omnibus für mehr direkte Demokratie...

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