Interview Johannes Stüttgen

„Ich verspreche mir gar nichts von der Direkten Demokratie“

Der Künstler Johannes Stüttgen engagiert sich seit 40 Jahren für die Direkte Demokratie. Als Meisterschüler von Joseph Beuys beteiligte er sich an der Ausgestaltung der Idee der Sozialen Plastik. Nach dem Tod von Beuys gründete er die Omnibus gGmbH für Direkte Demokratie mit, die ihr Gefährt jährlich auf eine Tournee durch ganz Deutschland schickt, manchmal sogar quer durch Europa.

 

Was ist für Sie Direkte Demokratie?

Direkte Demokratie ist zuerst einmal die wirkliche Demokratie, weil in ihr auf die konsequenteste Art und Weise eines jedes Menschen Recht auf Mitbestimmung garantiert ist. Diese Mitbestimmung bezieht sich doppelt auf die Sachfrage und auf mich selber. Ich bin direkt für die Sache zuständig und ich muss die Sache in mir direkt begründen.

 

Wie sehen Sie die jetzige Demokratie?

Das ist keine Demokratie. Sie nennt sich nur so. Was wir jetzt haben ist eine Parteiendiktatur. Und die Parteien wiederum stehen unter der Fuchtel mächtiger Hintergrundszusammenhänge wie der Finanzdiktatur und solcher Dinge.

 

Haben Abgeordnete nicht den Anspruch, jede Stimme zu repräsentieren?

Aber ja, deswegen wollen sie sich ja von mir wählen lassen. Aber sie können es nicht. Denn wenn ich Parteivertreter bin, muss ich die Interessen der Partei vertreten, weil ich ansonsten nicht mehr auf die Liste komme. Das System, in dem wir hier leben, ist undemokratisch.

 

Was sind für Sie die Unterschiede zwischen Kunst und Politik?

Das ist für mich der Gegensatz schlechthin. Sobald die Kunst etwas mit der Politik zu tun hat, wird sie Verrat, zum Kitsch, wird zur Dekoration des Systems, wie das Joseph Beuys mal formuliert hat.

 

Ist Ihre Kunst nicht politisch?

Politische Kunst ist für mich ein Unbegriff Das, was sich heute Politik nennt, muss selber die Gestaltung sein. Und wenn sie die Gestaltung ist, muss sie Kunst sein. Ich brauche den Begriff der Politik nicht. Ich kann nur sagen: Alles das, was man gestaltet, und wenn es das gesellschaftliche Ganze ist, muss Kunst sein. Dazu brauche ich aber den verantwortlichen Künstler.

 

Und der ist?

Jeder Mensch. Jeder Mensch ist der verantwortliche Künstler, der für die Form, die er bestimmt – und das Ganze müssen wir ja zusammen bestimmen – geradestehen muss. Indem ich Parteien wähle, gebe ich meine Verantwortung ja ab.

 

Was steckt hinter dem Begriff der Sozialen Plastik?

Es ist die Idee einer zukünftigen Form der Gesellschaft. Die Gesellschaft wird bezeichnet als eine Plastik, die von den Menschen modelliert werden muss. Kunst ist das Gestaltungselement der Menschen auf der Grundlage der Freiheit. Und in dem Falle, wo es um Kunstwerke geht, an denen wir alle beteiligt sind, gelten Gleichberechtigung und Demokratie, weil wir dann alle die Künstler sind. Wenn wir uns nur gegenseitig die Köpfe einschlagen nach dem Motto „Ich weiß es besser als du“, kommt garantiert keine Plastik dabei heraus oder ein soziales Kunstwerk, sondern vielleicht eine Diktatur.

 

Glauben Sie an den Fortschritt?

Also erst einmal muss ich sagen, ich glaube an überhaupt gar nichts. Stattdessen bin ich ein Denkender und ein Wahrnehmender. Und was den Fortschritt anbelangt müssen wir für den ja sorgen. Fortschritt im Sinne der Evolution, also dass man einen Schritt vorwärts kommt in der Menschheits- und Bewusstseinsentwicklung, ist ein Fortschritt in Richtung Freiheit. Und die müssen wir entwickeln und wir müssen uns gegenseitig dabei helfen. Im Moment sind wir in einer Phase des Stillstands.

 

Woran sehen Sie das?

Da brauche ich mich doch nur umgucken und zum Golf von Mexiko zu schauen, wo jeden Tag 800.000 Tonnen Öl an die Küste gespült werden, oder in die Finanzwelt, wie da mit dem Geld der Menschen herumgepokert wird, ich muss mir den Bundestag angucken, wo ich ein dämliches Parteiengequatsche miterlebe, wo die Geschäftsbanken bei uns noch weiter unterstützt werden anstatt, dass sie abgeschafft werden. Ich könnte jetzt gar nicht mehr aufhören zu reden. Der typische Stillstand ist, dass die Menschen nicht mehr wählen, aber nicht wissen, was sie besser tun sollen.

 

Was können Aktivisten, die sich für Direkte Demokratie einsetzen, von dem Modell der sozialen Plastik lernen?

Jeder Mensch ist aufgefordert, mitzuarbeiten. Deswegen sagen wir ja Omnibus. Omnibus heißt auf Deutsch, dass alle mitfahren können.

 

Was tut der Omnibus konkret für mehr Mitbestimmung?

Er fährt durch die Lande. Überall da, wo er hält, haben wir eine Schule für Direkte Demokratie. Unsere Aufgabe ist die, dass wir unterwegs sind. Das heißt, wir sind noch nicht am Ziel. Das heißt aber gleichzeitig auch, überall sind wir am Ziel.

 

Wie fing das alles an?

Der Omnibus ist gegründet worden von Brigitte Krenkers und in gewisser Weise auch von mir, weil ich damals diese Gespräche geführt habe, wo es um die Frage der Direkten Demokratie ging. Ein Jahr nachdem Joseph Beuys gestorben war, also 1987, hatte Brigitte Krenkers einen Traum, in dem ihr der Omnibus erschienen ist.

 

Hatte Joseph Beuys auch noch dabei mitgewirkt?

Nein, der Omnibus war vollkommen unabhängig von ihm. Aber es war die Fortsetzung der Arbeit, die er damals begonnen hatte. Wir haben schon 1967 mit der Gründung der Deutschen Studentenpartei und dann 1970 mit der Organisation für Direkte Demokratie in Düsseldorf mit dieser Arbeit begonnen. Und wir haben sie immer als Kunst verstanden.

 

Ist das Aktionskunst?

Ja, es ist Aktionskunst, es ist nur Kunst, es ist Gesprächskunst, es ist jede Form von Kunst. Es ist Geldkunst, denn sie Sache muss ja auch bezahlt werden, und es ist die Kunst der Autowerkstätten, die dafür sorgen, dass der Omnibus weiter fährt. Der erste Omnibus steht mittlerweile im Park Schloss Freudenberg bei Wiesbaden. Da wohnen sieben Bienenvölker drin. Die werden von einem Imker betreut und der bildet da auch Imker aus. Die Bienen arbeiten also auch mit.

 

Nachdem wir die Anfänge des Omnibus besprochen haben: Wo fährt er denn hin?

Er fährt überall hin. Im Herbst waren wir auf dem Balkan und in Griechenland und haben uns einen Eindruck darüber verschafft, was in Europa los ist. Wir haben festgestellt, dass das Europa der Zukunft von unten entstehen muss und nicht von oben.

 

Was sind die nächsten Projekte, die beim Omnibus anstehen?

Das nächste Projekt ist die bundesweite Volksabstimmung.

 

Das ist ein sehr hohes Ziel.

Ja, wir arbeiten nur mit hohen Zielen.

 

Wie wollen sie das Ziel erreichen?

Indem wir nicht nur über die Demokratie reden, sondern gleichzeitig parallel über alle wichtigen Gestaltungsfragen, etwa eine zukünftige Geldordnung, eine zukünftige ökologische Wirtschaftsordnung, eine zukünftige Ordnung der Arbeitsplätze und des Einkommens und so weiter. Sodass wir also mit den Menschen bereits die Dinge besprechen, die da später einmal abgestimmt werden müssen.

 

Wann kommt er denn endlich, der bundesweite Volksentscheid?

Das hängt von den Menschen ab. Ich bin ja kein Prophet. Ich weiß nur eins, wenn er nicht kommt, dann ist die Katastrophe auf schnellstem Wege bei uns. Wann wir die Direkte Demokratie haben, hängt nicht von mir alleine ab, bei mir ist sie schon da. Und weil ich davon ausgehe, dass sie meisten Menschen nicht dümmer sind als ich, würde ich mal sagen, im nächsten Jahr sind wir schon einen ganz gehörigen Schritt weiter. Und im übernächsten Jahr haben wir wahrscheinlich schon ein bundesweites Volksabstimmungsgesetz. Oder sagen wir mal vorsichtig in drei Jahren.

 

So schnell, meinen sie das wirklich?

Ist ja nicht so schnell. Ist ja eigentlich sehr langsam. Denn wir könnten es ja schon vorgestern gehabt haben. Aber ich möchte eines auch dazu sagen: Ich verspreche mir von der Direkten Demokratie überhaupt gar nichts. Ich sage nur, sie ist notwendig. Die eigentliche Arbeit muss ja dann erst anfangen. Und was die Menschen dann entscheiden, weiß ich doch gar nicht. Ich bin keiner von denen, die den Menschen die frohe Botschaft verkünden: Kommt alle zur Direkten Demokratie und dann geht’s euch gut. Im Gegenteil. Ich sage: Kommt alle zur Direkten Demokratie, damit ihr mal seht, wie wahnsinnig das alles ist. Und deshalb wollen viele sie nicht, weil sie dann plötzlich die Augen aufmachen müssten. Sie müssen sich dann auch fragen: Was will ich überhaupt? Insofern hat die Direkte Demokratie vielleicht sogar etwas Erschreckendes. Wir kommen aber nicht darum herum.

 

Sie meinen, wenn die Menschheit eine Zukunft haben möchte, dann geht das nur durch Direkte Demokratie.

Ja, aber nicht nur. Wir müssen parallel dazu unendlich viel mehr tun. Die Direkte Demokratie ist nur ein Fahrzeug, ein Werkzeug. Die Menschen müssen über ihre Schatten, über ihre Ängste springen. Vor allen Dingen müssen wir einmal mit dem Denken anfangen.

 

Das Interview führte Stefanie Senger. Sie studiert Geschichte, Politik und Spanisch an der Universität Potsdam.

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Eine längere Version des Interviews mit Johannes Stüttgen steht als pdf zur Verfügung (8 Seiten - pdf)

 

 

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