Forschungsprojekt: Deepening Democracy

Demokratie auf einer tieferen Ebene erforschen

Die Demokratie wird von vielen gesellschaftlichen und globalen Veränderungen auf die Probe gestellt. Dabei zeigt sich, dass die bekannten demokratischen Mechanismen an Grenzen stoßen, z.B. bei der Bewältigung globaler komplexer Probleme, bei der Gestaltung eines inklusiven und konstruktiven Diskurses oder bei der Suche nach nachhaltigen Lösungen, die von einer breiten Mehrheit der Gesellschaft getragen werden. Dies nehmen wir zum Anlass, nach einem Update der Demokratie zu forschen, das den gestiegenen Anforderungen unserer pluralistischen und global vernetzten Gesellschaft gewachsen ist.

Da wir beobachtet haben, dass systemische und psychologische Faktoren, die oft an den tiefer liegenden Wurzeln von Problemen liegen, selten eine Rolle bei der Erforschung von demokratischen Prozessen spielen und wir der Meinung sind, dass eine oberflächliche Betrachtung nicht mehr ausreicht, beziehen wir eben diese Faktoren ein. Es geht dabei um ganz wesentliche Fragen: Welche tiefer liegenden, auf den ersten Blick nicht sichtbaren Faktoren gibt es überhaupt? Was bedeutet es, tiefer liegende Faktoren in demokratische Prozesse einzubeziehen? Wie kann so eine vertiefte Demokratie funktionieren? Und wie können Prozesse der Demokratie-Aktualisierung unter Einbeziehung der Bürgerinnen und Bürger gestaltet werden? Diesen Fragen gehen wir in einer auf Zeit gegründeten Forschungsgruppe nach.

Forschungskonzept

Eine wesentliches Merkmal unserer Herangehensweise stellt die Einnahme einer entwicklungsorientierten Perspektive dar. Statt auf die Probleme und die daran orientierten Lösungen fokussiert zu sein, gehen wir mit einer ganz offenen Haltung an die Untersuchung heran. Diese Haltung lässt sich am besten mit einer - vielleicht zunächst ungewöhnlichen - Frage beschreiben: Wohin möchte sich die Demokratie entwickeln?

Die Demokratie ist ein soziales System, das aus unzähligen Akteuren, Akteurinnen und Institutionen besteht und in dem in verschiedensten Prozessen Meinung- und Willensbildung, Beratung und Entscheidungsfindung sowie Politikvermittlung und Agenda-Setting ablaufen und sich wechselseitig beeinflussen. Um ein solch komplexes System aus einer entwicklungsorientierten Perspektive und mit Blick auf die Weiterentwicklung der Demokratie als Ganzes zu untersuchen, braucht es einen geeigneten Ansatz. In der qualitativen Sozialforschung sind wir fündig geworden: die Systemaufstellung.1

Methodischer Zugang

Systemaufstellungen sind ein in der Praxis bewährter methodischer Zugang zur Untersuchung von komplexen Systemen, speziell auch unter Einbeziehung systemischer und psychologischer Faktoren.2 Die Methode wurde zuerst in den 1980er Jahren in der Familientherapie entwickelt und anschließend durch die Untersuchung von Familiensystemen bekannt.3 Mittlerweile werden mit Systemaufstellungen erfolgreich Organisationen beraten4 und sie werden auch für die Bearbeitung politischer Fragestellungen herangezogen.5 In den letzten Jahren wächst der Einsatz von Systemaufstellungen auch in der Wissenschaft.6 Einen eigens für die Erforschung von komplexen Systemen entwickelter Ansatz stellt das Format der Erkundungsaufstellung dar.7

Dieses Aufstellungsformat wenden wir im Deepening Democracy Projekt in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Georg Müller-Christ (Universität Bremen) an. Dafür veranstalten wir, im Herbst/Winter 2020, drei Erkundungstage Demokratie, an denen die Mitglieder der Forschungsgruppe, außerdem Vertreter und Vertreterinnen aus Politik, Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft sowie Mitglieder von Mehr Demokratie e.V. teilnehmen. An den Erkundungstagen analysieren und diskutieren wir jeweils die Fragestellungen und demokratischen Teilsysteme, die wir untersuchen wollen sowie die aufzustellenden Elemente. Wir führen die Erkundungsaufstellungen durch, d.h. unsere Kooperationspartner und Kooperationspartnerinnen leiten diese. Es unterstützen uns neben Prof. Dr. Müller-Christ auch die erfahrenen Aufstellerinnen Rica Salm-Rechberg und Nadine Beaumart. Anschließend werten wir die Aufstellungen nach einem wissenschaftlichen Schema8 aus, generieren Hypothesen in Kleingruppen, erarbeiten Ergebnisse und bewerten die gewonnenen Erkenntnisse hinsichtlich ihrer Relevanz und Tragweite für die politische Arbeit.

Ziele des Projekts

Wie der Titel schon andeutet, streben wir an, durch die Erkundungsaufstellungen ein vertieftes Verständnis der Demokratie und einiger ihrer Prozesse zu gewinnen, um dadurch neue Impulse zur Vertiefung, d.h. zur Stärkung und Weiterentwicklung der Demokratie, zu entdecken. Denn - das zeigt die Praxis9 - mit den qualitativen Erkenntnissen aus Systemaufstellungen (d.h. dem vertieften Verständnis) lassen sich ganz neue Ansätze entwickeln, die bisher unbedachte Aspekte einer Systemdynamik einschließen und dadurch nachhaltigere Lösungen ermöglichen.

In einem Ergebnisbericht bereiten wir die Inhalte der Systemaufstellungen, d.h. die dargestellten Systemdynamiken, die generierten Hypothesen sowie die entwickelten Handlungsalternativen für Politik und Gesellschaft übersichtlich und nachvollziehbar auf. Wir evaluieren die Methode hinsichtlich Stärken und Schwächen, zeigen Grenzen der Untersuchung auf und geben einen Ausblick. Ferner beurteilen wir die Einsatzfähigkeit der Erkundungsaufstellung als Instrument der politischen Analyse und Lösungsfindung.

Außerdem sehen wir einen großen Mehrwert darin, die Methode der Systemaufstellung auch im politischen und zivilgesellschaftlichen Feld bekannter zu machen. Eine besondere Stärke von Systemaufstellungen liegt darin, dass gleichzeitig eine Vielzahl von Einflussfaktoren nicht nur sprachlich dargestellt, sondern auch physisch erlebt werden können, indem sie im Raum aufgestellt werden. Diese Erfahrung ist für viele Menschen hoch erkenntnisreich und inspirierend. Zudem - und das ist aus einer gemeinnützigen Sicht noch wichtiger - ermöglicht diese Erfahrung einen echten Perspektivenwechsel und dadurch ein besseres Verständnis des Systems. So werden die Teilnehmenden zur Findung neuer und allparteilicher Lösungen angeregt, die es möglicherweise so noch gar nicht gibt. 

 1 Müller-Christ, 2016a.
 2 vgl. Müller-Christ und Pijetlovic, 2018; Nazarkiewicz und Bourquin, 2019; Nazarkiewicz und Kuschik, 2015.
 3 Koch und Dicke, 2015.
4 vgl. Sparrer, 2001; Weber und Rosselet, 2016.
5 vgl. Mahr, 2003, 2016.
6  vgl. Weinhold, 2014; Weinhold et al. 2019; Oberzaucher, 2015; Müller-Christ, 2016b, 2019.
7  Müller-Christ und Pijetlovic, 2018.
8  Müller-Christ, 2020.
9  Mahr, 2003.

Quellen

  • Koch, Birgit Theresa und Hans-Dieter Dicke (2015). „Der Zauber des Anfangs und die Mühen der Ebene: Die Entwicklung von Qualitätsstandards und Richtlinien in der Deutschen Gesellschaft für Systemaufstellungen (DGfS)“. In: Handbuch Qualität in der Aufstellungsleitung. Hrsg. von Kirsten Nazarkiewicz und Kerstin Kuschik. Vandenhoeck und Ruprecht, S. 61–86.
  • Mahr, Albrecht (2003). Konfliktfelder – Wissende Felder: Systemaufstellungen in der Friedens- und Versöhnungsarbeit. Heidelberg: Carl-Auer-Systeme Verlag.
  • Mahr, Albrecht (2016). „Politische Aufstellungen“. In: Organisationsaufstellungen Grundlagen, Settings, Anwendungsbereiche. Hrsg. von Gunthard Weber und Claude Rosselet. Carl-Auer Verlag GmbH, S. 268–284.
  • Müller-Christ, Georg (2016a). „Systemaufstellungen als Instrument qualitativer Sozialforschung“. In: Organisationsaufstellungen Grundlagen, Settings, Anwendungsbereiche. Hrsg. von Gunthard Weber und Claude Rosselet. Carl-Auer Verlag GmbH, S. 72–93.
  • Müller-Christ, Georg (2016b). „Wie kann das Neue anders in die Welt kommen? Systemaufstellungen in der universitären Lehre“. In: Organisationsaufstellungen Grundlagen, Settings, Anwendungsbereiche. Hrsg. von Gunthard Weber und Claude Rosselet. Carl-Auer Verlag GmbH, S. 285–299.
  • Müller-Christ, Georg (2019). „Aufstellungsarbeit in der Wissenschaft und Konturen einer Aufsteller/innen-Wissenschaft“. In: Praxishandbuch Aufstellungsarbeit. Wiesbaden: Springer Fachmedien.
  • Müller-Christ, Georg (2020). „Erkundungsaufstellungen: den Raum jenseits der Lösungsorientierung erforschen“. Unveröffentlichtes Manuskript.
  • Müller-Christ, Georg und Denis Pijetlovic (2018). Komplexe Systeme lesen. Das Potential von Systemaufstellungen in Wissenschaft und Praxis. Springer: Berlin Heidelberg.
  • Nazarkiewicz, Kirsten und Kerstin Kuschik (2015). Handbuch Qualität in der Aufstellungsleitung. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht.
  • Nazarkiewicz, Kirsten und Peter Bourquin, (2019). Essenzen der Aufstellungsarbeit: Praxis der Systemaufstellung. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht.
  • Oberzaucher, Frank (2015). „Schaut auf die Bewegung: Ein ethnografischer Beitrag zur Aufstellungsarbeit“. In: Handbuch Qualität in der Aufstellungsleitung. Hrsg. von Kirsten Nazarkiewicz und Kerstin Kuschik. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht, S. 159–201.
  • Sparrer, Insa (2001). Wunder, Lösung und System: Lösungsfokussierte Systemische Strukturaufstellungen für Therapie und Organisationsberatung. Heidelberg: Carl-Auer-Systeme.
  • Weber, Gunthard und Claude Rosselet (2016). Organisationsaufstellungen Grundlagen, Settings, Anwendungsbereiche. Heidelberg, Neckar: Carl-Auer Verlag.
  • Weinhold, Jan (2019). „Den Essenzen auf der Spur – eine Übersicht über die empirische Forschung zu Systemaufstellungen“. In: Essenzen der Aufstellungsarbeit: Praxis der Systemaufstellung. Hrsg. von Kirsten Nazarkiewicz und Peter Bourquin. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht, S. 221–235.
  • Weinhold, Jan, Annette Bornhäuser, Christina Hunger und Jochen Schweitzer (2014). Dreierlei Wirksamkeit: die Heidelberger Studie zu Systemaufstellungen. Heidelberg: Carl-Auer Verlag.

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Kontakt

Dr. Josef Merk

Projektleitung Deepening Democracy

E-Mail: josef.merkmaps on@mehr-demokratie.de

Susanne Socher

Landesgeschäftsführerin und Sprecherin des Landesverbandes

E-Mail: susanne.socher@mehr-demokratie.de

Tel.:  0170-2414873

 

 

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