Walter Sittler und Gerd Leipold:
"Zeit, sich einzumischen. Vom Taksim-Platz nach Island. Begegnungen auf dem Weg ins Anthropozän"

Walter Sittler und Gerd Leipold: „Zeit, sich einzumischen. Vom Taksim-Platz nach Island. Begegnungen auf dem Weg ins Anthropozän“, Sagas Edition, 2013, 288 Seiten, 19,99 Euro.

Rezension von Dennis Buchholtz

Als 2010 die „Wutbürger“ durch die Medien gingen, war Schauspieler Walter Sittler bei den Protesten dabei und engagierte sich gegen Stuttgart 21. Drei Jahre später, im Sommer 2013, wechselte er zusammen mit Ex-Greenpeace-Chef Gerd Leipold auf die Seite der Beobachter. Für ihr Buch „Zeit, sich einzumischen. Vom Taksim-Platz nach Island. Begegnungen auf dem Weg ins Anthropozän“ begaben sie sich auf eine gemeinsame Reise durch Europa, um nach Antworten auf die Frage zu suchen, wieso und wie die Menschen in Europa protestieren und wie die Politik darauf reagieren muss.

Ihre Reise durch das Anthropozän – das „Zeitalter der Menschen“, oder, in diesem Fall, eher das Zeitalter des informierten, politisch engagierten Menschen – beginnen sie in Stockholm. Dort formulieren sie ihre erste These, die sich auch durch die folgenden Besuche an Orten in Deutschland, Frankreich, der Türkei, Ungarn und Island ziehen wird: Systeme, in denen Herrschende regieren und das Volk regiert wird, haben sich überlebt.

Und so treffen sie an jedem Ort Menschen, die sich dafür einsetzen, die Demokratie und die Mitbestimmung der Bürger/innen zu verbessern. Darunter sind auch solche, die zu den Regierenden gehörten, wie der ehemalige griechische Premier George Papandreou oder die frühere isländische Präsidentin Vigdís Finnbogadóttir. Aus allen Gesprächen wird deutlich, dass das existierende System an keinem Ort perfekt ist – und es doch allerorts Positives gibt, nämlich Menschen, die sich engagieren und Verantwortung übernehmen.

Um damit umzugehen, werde sich die traditionelle Politik wandeln müssen, weg vom Politikertypus des „strengen und sich kümmernden Vaters“ (S. 279). Sicherlich ist das Buch literarisch kein großer Wurf – zu konstruiert sind die meisten der Gespräche, zu klischeehaft scheinen einige der Beschreibungen. Denn ob es tatsächlich glaubwürdig ist, dass sich angesichts der Vasa – ein im 17. Jahrhundert bei der Jungfernfahrt gesunkenes Schiff – eine Diskussion über die amerikanische Waffenlobby entspinnt, sei dahingestellt.

Trotzdem bieten Sittlers und Leipolds Reisenotizen mit den ausführlich nachgezeichneten, zum Teil sehr philosophischen Gesprächen einen spannenden, sehr persönlichen Einblick in den Zustand europäischer Zivilgesellschaften und Demokratien. Insofern lebt das Buch auch direkt davon, was es preist: Es fragt die Betroffenen. Und so ist „Zeit, sich einzumischen“ vor allem deshalb lesenswert, weil es die Ereignisse um die direkte, persönliche Komponente erweitert und dabei Geschichten erzählt, die so viel zu selten erzählt wurden.

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