Jahrestagung 2009

Medien – Macht – Demokratie

Zur Jahrestagung von Mehr Demokratie e.V. konnten die beiden Vorstandssprecher Claudine Nierth und Gerald Häfner rund 100 Teilnehmer im Fuldatal bei Kassel begrüßen. Das Wochenende war gefüllt mit Vorträgen und Diskussionsrunden. In diesem Jahr lag die Aufmerksamkeit auf dem Themenfeld “Medien – Macht – Demokratie”; wie sich zeigte, ein weites Feld, auf dem sich die unterschiedlichsten Meinungen begegneten.

 

So lautete die Frage des Eröffnungsvortrages von Prof. Dr. Frank Marcinkowski: “Ohne Medien keine Demokratie? – Wozu wir die Medien brauchen.” Grundsätzlich verbänden die Medien die Politik mit dem Volk. Eine ihrer wesentlichen Aufgaben dabei sei ihre Wächterfunktion innerhalb des Staates und die Wahrung seiner demokratischen Strukturen, die sie – laut Prof. Dr. Marcinkowski – nach wie vor auch erfüllen würden. Im Vergleich mit der europäischen Medienwelt böte Deutschland immer noch eine ausreichende Vielfalt an differenzierter Berichterstattung, innerhalb derer sich der Leser eine umfassende Meinung bilden könne. Marcinkowski gestand dem Leser sowie dem Zuschauer eine ausreichende Kompetenz zu, in dem vorhandenen Informationsdschungel, die relevanten Informationen herauszufiltern und beruhigte sein überwiegend skeptisches Publikum: ”Der Konsument ist nicht so beeinflussbar, wie Sie vielleicht glauben."

 

Ein Gegenbild zeichneten am folgenden Tag Tina Groll (Netzwerk Recherche), Katrin Schoelkopf (Berliner Morgenpost), Thomas Rupp (Mehr Demokratie) sowie der Medienwissenschaftler Dr. Jens Lucht während eines mehrstündigen Podiums. Die journalistische Praxis entspräche im wesentlichen der herrschenden Vorstellungen der Anwesenden über eine Presse, die ihre Bürger nur noch unzureichend informiere und jedem noch so irrsinnigen Skandal den Vorzug vor einer inhaltlich ausgewogenen und tiefer gehenden Berichterstattung gäbe. Katrin Schoelkopf berichtete über die täglichen Möglichkeiten und Unmöglichkeiten, einen guten und angemessen Recherche-Journalismus betreiben zu können: Zeitdruck bei stetem Personalabbau mit Blick auf die Auflagenzahlen konfrontierten die Lokaljournalistin mit einer Realität, die es schwer mache, dem eigenen Anspruch gerecht zu werden. Ebenso seien Vorgaben seitens der Verleger nicht von der Hand zu weisen und tendenzielle Berichte nicht auszuschließen in der Berliner Medienwelt. Thomas Rupp, der aus seinen journalistischen Erfahrungen in Brüssel und somit der Berichterstattung aus der Europäischen Union berichtete, bezeugte, dass gerade in diesem Bereich deutsche Journalisten einem Herdentrieb folgen würden. Absprachen untereinander seien die Regel und eine europafreundliche Berichterstattung die Norm, wobei europafreundlich eine unkritische Berichterstattung meint, die bereits kritische Berichte zu Verfahrensweisen und mangelnden demokratischen Elementen als europafeindlich interpretiere.

 

Verhaltenerer: Dr. Jens Lucht, der besonders die Arbeit der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten in Deutschland lobte und sich generell um einen differenzierten Blick auf die deutsche Journalistik bemühte. Ihm gegenüber bezog Tina Groll vom netzwerk recherche eine pessimistischere Position: Der bewährte Recherche Journalismus in Deutschland sei in Gefahr. Die Medien in Deutschland seien gar nicht mehr so mächtig; die Wirtschaft bestimme längst das Geschehen. Ihrem Druck werde immer häufiger nachgegeben. Unternehmen und deren Lobbyisten wirkten längst machtvoll in die Berichterstattung hinein. Da griffen auch die selbstauferlegten Kontrollmechanismen der Journalistenverbände nur bedingt.

 

Der Deutsche Presserat gelte als zahnloser Tiger, bestätigte auch Prof. Dr. Christian Schicha, der zum Thema “Medienethik, Selbstkontrolle und Nutzerverantwortung” referierte. Hans-Martin Tillack vertiefte nochmals die Problematik einer kritischen Journaille in Hinblick auf die EU-Berichterstattung. Seinem Vortrag begegneten die Teilnehmer nochmals mit hoher Aufmerksamkeit. Denn: Hans-Martin Tillack ist Reporter im Berliner Büro des Stern und spezialisiert auf Recherchen zu Korruptionsfragen und Geheimdienstthemen, zudem ist er Preissträger des Leipziger Medienpreises. Von 1999 bis 2004 war er EU-Korrespondent des Stern in Brüssel. Sein sehr persönlicher Bericht über seine Zeit in Brüssel unterstrich die düsteren Vermutungen, dass die Demokratie in Europa nicht nur an der korrumpierten Politik, sondern eben auch an der tendenziell unkritischen Berichterstattung zu scheitern drohe.

 

So unterschiedlich die bezogenen Positionen während der diesjährigen Jahrestagung auch waren, herrschte doch Einigkeit darüber, dass vor allem die Nutzer gefragt sind, der Informationsflut mit ausreichend Medienkompetenz zu begegnen und eigenverantwortlich zwischen den zahllosen Angeboten auszuwählen. Für den Nutzer wie für die Journalisten mangle es vor allem an guten Bildungsangeboten – vor allem in Fragen der Demokratie. Eine Perspektive zeichneten erste Überlegungen, auch den Bereich der Printmedien in eine öffentlich-rechtliche Form zu überführen oder in anderer Weise vom kommerziellen Druck etwa durch Stiftungsmodelle freizuhalten.

Edda Dietrich

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