Spätestens seit der nordafrikanischen Revolution, die unter dem Begriff „Arabischer Frühling“ bekannt wurde, wissen wir, welch wichtige Rolle das Internet bei politischen Protesten spielt. So haben wir es einzig und allein dem Internet zu verdanken, dass bei den Protesten in Tunesien, Ägypten, Syrien, Libyen und noch einigen anderen arabischen Staaten, überhaupt weitgehend unzensierte Nachrichten an die breite Öffentlichkeit gelangen konnten. Die „offizielle“ Presse hatte zu diesem Zeitpunkt bereits kläglich versagt.
Es ist auch längst kein Geheimnis mehr, dass soziale Medien wie Twitter oder Facebook nicht mehr nur im rein privaten Bereich Anwendung finden. Die Vernetzungsplattformen werden zunehmend auch als politische Werkzeuge verstanden, die es den Anwendern ermöglicht, sich zu informieren und vor allem zu organisieren.
Dennoch sind diese „Tools“ wie sie sich im englischen Sprachgebrauch nennen, nur der Anfang einer schier endlosen Reihe an Möglichkeiten sich das Internet als zensurfreies und neutrales Medium zweckdienlich zu machen. Welch wichtige Rolle gerade die Vernetzung und Informationsübermittlung bei politischen Protesten spielt, zeigte die spanische Democracia Real Ya-Bewegung. Die Bewegung organisierte sich vor allem über Facebook und schaffte es so in rasender Schnelligkeit, zu einer großen Protestinitiative heranzuwachsen. Aber selbst hier gibt es Grenzen und auch im Internet kann das geschriebene Wort nur ein Teil des Informationsflusses sein, was nicht immer gleich erkannt wird. Und daher bedarf es von Zeit zu Zeit auch weiterer Ideen, die eben jenen Übergang vom geschriebenen Wort zum laufenden Bild ermöglichen. Damit war das Livestreaming geboren. Livesteaming ist die zeitgleiche Übertragung von Videobildern direkt von politischen Events.
Was zunächst, wie Twitter, Facebook und Co. im weitgehenden privaten Gebrauch war, stellt sich immer mehr, als fast perfektes technisches Hilfsmittel heraus. So kann mit dem Livestreaming dem Betrachter das Gefühl vermittelt werden, unmittelbar am Geschehnis Teil zu haben. Überzeugende Vorteile sind, dass jeder, der über ein Mobiltelefon mit Internetzugang verfügt, mit ein paar kleinen Handgriffen zum Berichterstatter, also quasi zum Reporter wird. Jeder, der über einen Computer mit Internetanschluss verfügt, kann diese Übertragungen in Echtzeit sehen. Das hat es in dieser Form bis jetzt noch nicht gegeben. Es tun sich damit völlig neue Möglichkeiten auf. So wurden z. B. Webseiten entwickelt, die Livestreamings ganzer Protestbewegungen zusammenfassten und so einen Überblick über die Geschehnisse landesweit ermöglichte. Es gründeten sich ganze Nachrichtenkanäle und Sender, die ausschließlich über Livestreamings aus Krisengebieten wie z. B. Libyen berichtet und so aktueller in Ihrer Berichterstattung sind, als alle konventionellen TV-Sender zusammen.
Aber die Möglichkeiten des Internets bergen auch Nachteile, die vielleicht nicht von jedem auf den ersten Blick zu erkennen sind. So sehr sich die Protestbewegungen die Chancen des Internets zunutze machen können, so sehr können das auch die politischen, und oftmals diktatorischen, Instanzen der Gegenseite. So gibt es, um beim einschlägigen Beispiel zu bleiben, in Syrien von Zeit zu Zeit eine tageweise Freischaltung des Internets und vor allem von Facebook und anderen Vernetzungsplattformen. Dies hat einzig und allein zum Zweck, Dissidenten und Sympathisanten der Protestbewegungen zu animieren, sich „online“ negativ über das herrschende System zu äussern und oftmals genügt sogar schon eine Anmeldung in den entsprechenden Systemen um verhaftet, gefoltert und sogar getötet zu werden.
Dieser Weg muss durchaus mit höchster Vorsicht gegangen werden. Aber er führt direkt zum Ziel, denn über kurz oder lang, und das haben die Beispiele in Tunesien und Ägypten gezeigt, dass keine Staatsmacht den Freiheitsgedanken eines unterdrückten Volkes beherrschen kann. Schon gar nicht, wenn es informationstechnisch vollkommen neue Wege geht.