Interview: Der Protest in Valencia

Die beste Erfahrung, die ich je gemacht habe!“ So beschreibt Alberto Pascuale die politischen Demonstrationen in Spanien. Mitte Mai hat sich die Bürgerbewegung 'M15' gebildet, die in zahlreichen Städten zu Protesten, Zeltlagern und diversen anderen Aktionen aufruft. Alberto Pascuale beteiligt sich in seiner Heimatstadt Valencia an den Protesten. Wir haben mit ihm ein Interview geführt.

Die ersten Demonstrationen haben am 15. Mai 2011 stattgefunden. Seitdem sind drei Monate vergangen. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Die letzten Monate waren sehr aufregend. Als ich den Aufruf zur ersten Demonstration in den sozialen Medien gelesen habe, war ich recht skeptisch. Es hatte den Anschein, eine kleine Demonstration zu sein, die nur wenig bewirken würde. Doch schon bald konnte man den Medien entnehmen, dass sich die Proteste fortsetzten. An öffentlichen Plätzen wurden Protestlager gebildet. Meine Neugier war geweckt! Deswegen besuchte ich das Protestcamp in meiner Heimatstadt Valencia. Die Atmosphäre hat mich überwältigt. Ich habe auf der Stelle beschlossen, in der Bewegung mit zu wirken.

Die ersten Wochen waren sehr erlebnisreich; es gab vieles zu organisieren. Verschiedene Kommissionen wurden ins Leben gerufen, es gab täglich mehrere Versammlungen und natürlich haben wir verschiedene große Demonstrationen organisiert. Ich kann mich gut an meinen ersten Protest erinnern. Am 20. Mai planten wir die Banken zu „erobern“. Es war eine symbolische Geste, die zeigen sollte, dass wir den Finanzmärkten widersprechen. Zuerst war ich sehr zurückhaltend. Trotzdem bin ich nach vorne getreten und habe plötzlich lautstark angefangen zu protestieren. Die Einstellung der Leute um mich herum, die vielen verschiedenen Menschen und die gesamte Begeisterung...es war unbeschreiblich! Die Stimmung hat mich mit gerissen: Der Zusammenhalt um ein gemeinsames Ziel zu erreichen, war unglaublich. In dieser Situation stand für mich fest: Ich bin ein 'indignado'.

Was ist ihrer Meinung nach der Grund, dass die Menschen die Bewegung mit so viel Begeisterung unterstützen?

Ich war mir der kritischen Lage meines Land und meiner Stadt bewusst. Dennoch wusste ich nicht wie ich mich der Probleme annehmen sollte. Wie wird man Teil einer sozialen Bewegung? Ich glaube, dass viele Leute ein vergleichbare Zurückhaltung gespürt haben. Dann kam die Bewegung 'M15' zu Stande. Eine flache Hierarchie und schlichte Organisation haben den Menschen den Zugang vereinfacht. Jeder war willkommen! Ich glaube, viele Menschen haben M15 gewartet.

M15 hat eine ganze Generation aufgeweckt, die nun viel Energie aufwendet, um ihren Forderungen Gehör zu verschaffen. Die spanische Jugend wird oft als „ni-nis“ bezeichnet („ni estudia, ni trabaja“ - weder lernen noch arbeiten). Die Jugend wird als faul abgestempelt! Die Medien beschreiben uns oft als eine Generation, die sich nur für Party und Spaß interessiert und auf Kosten der Eltern lebt. Nun ja, natürlich gibt es Jugendliche, die ihren Alltag so verbringen; dies gilt aber nicht für die Mehrheit unserer Generation. Die spanische Jugend ist vielmehr in einer Krise gefangen! Obwohl viele junge Menschen einen guten Universitätsabschluss besitzen, sind die Chancen auf dem Arbeitsmarkt sehr schlecht. Diese Generation hat sich nun entschieden zu kämpfen; für einen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandel. Außerdem müssen die wahren Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden.

Die Solidarität begeistert mich. Ich identifiziere mich mit dem Personen um mich herum: Wir wissen, dass man mit Klagen und Beschwerden alleine keinen Zustand verbessern kann. Wir müssen handeln! Die unterschiedlichen Versionen der verschiedenen Menschen sind dabei eine große Inspiration. Eine kleine Anekdote spiegelt vielleicht die Stimmung und den Aufbruch wieder: Während einer der ersten Versammlungen hat eine ältere Frau das Megafon an sich genommen und uns erzählt, dass sie an der 68er Bewegung teilgenommen hat. Sie verglich unsere Bewegung mit den damaligen Protesten, fand jedoch dass wir besserer aufgestellt sind und realistischere Forderungen stellen. Wir waren überwältigt! Für ein paar Momente war es auf dem Platz ganz still.

Ende Juli hat Premierminister Zapatero vorzeitige Neuwahlen für November angekündigt. Glauben Sie, dass M15 einen Einfluss auf diese Entscheidung hatte?

Diese Frage ist schwer zu beantworten. Ich glaube schon, dass M15 eine gewisse Rolle im Entscheidungsprozess gespielt hat, aber die Proteste alleine waren nicht ausschlaggebend. Die Regierung hat mit vielen Problemen zu kämpfen. Daher glaube ich, dass es nur eine Frage der Zeit war bis Neuwahlen notwendig bekamen. In den letzten Monaten hat sich der Druck von allen Seiten erhöht. Natürlich haben die Proteste Zapatero unter Druck gesetzt, aber die schlechte Wirtschaftslage und die hohe Arbeitslosigkeit sind weitere wichtige Faktoren.

Ich stehe schon jetzt der zukünftigen Regierung skeptisch gegenüber. In der nächsten Regierungsperiode müssen harte und wichtige Entscheidungen gefällt werden. Die Politik muss Spanien aus der Krise retten. Die politische Linie wird konservative sein und Opfer fordern. Daher ist es für mich nicht ausschlaggebend welche Partei die Wahl gewinnt. Mehr bedeutsam ist es, dass wir eine Regierung wählen, die den Bürgerwillen annimmt und sich nach diesem richtet. Eine Regierung, die nur um eigene Interessen und Profit bedacht ist, kann Spanien nicht aus der Krise befreien. Die politische Einstellung der Menschen ist dabei entscheidend. Ich wünsche mir mehr Bürgerbeteiligung. Die Bevölkerung kann der Politik nicht passiv gegenüber stehen! Der Bürger darf der Politik nicht blind folgen, sondern muss sich beteiligen und seine politischen Rechte nutzen. Auf diese Weise kann man ineffektive Politik verhindern. M15 setzt sich für eine wahre, direktere Demokratie ein!

Auf welche Art und Weise spricht M15 die Bürger an? Inwiefern verändert sich die politische Einstellung der Bürger?

Unser Ziel ist es, die Bürger zu einer Reaktion herauszufordern. Durch die zahlreichen Proteste und Aktivitäten haben die Bürger verstärkt die Möglichkeit sich zu beteiligen und mitzureden. Diese neue Bürgerbeteiligung kann man überall erleben: bei politischen Versammlungen, in den Medien, auf den Straßen, fast überall...Die Menschen haben angefangen Politik zu überdenken und zu diskutieren. Nicht alle stimmen mit unserer Bewegung überein; manche mögen uns, andere mögen uns nicht, aber wir schaffen Reaktionen! Das ist uns wichtig.

Aus meiner Sicht ist dies unser Hauptanliegen. Bürger sollen Politik wertschätzen und sich engagieren; es reicht nicht aus, alle 4 Jahre aus einem Winterschlaf zu erwachen und an Wahlen teilzunehmen. Daher wollen wir die Menschen ansprechen und zu politischen Diskussionen herausfordern. Politik kann nicht bewegungslos sein; es soll eher Teil des Alltags sein. M15 organisiert daher viele Aktivitäten, wie zum Beispiel Proteste und politische Aktionen, aber auch gemeinsame Mahlzeiten in der Nachbarschaft. Wir heißen alle Bürger in unserer Bewegung willkommen. Auf diese Weise hoffen wir, Beteiligung und Engagement zu stärken und so die politische Stimmung nachhaltig aufzuhellen.

Was erhoffen Sie sich persönliche aus ihrem Engagement in der Bewegung?

Ich hoffe auf einen politischen Umbruch in meiner Heimatstadt Valencia. Es gibt zahlreiche, dringende Probleme, die Spanien und die gesamte Welt plagen, aber für mich ist es ein erster, wichtiger Schritt, mich den Problemen meines Wohnortes anzunehmen. Ein Hauptproblem ist die Korruption; Valencia ist bekannt als Hochburg der Korruption. Die Bürger müssen gegen Korruption und Politiker kämpfen, die nur um ihr persönliches Profit bedacht sind. Ein weiteres Anliegen ist der Tourismus. Natürlich ist der Tourismus eine wichtige Einnahmequelle für die Stadt. Die Politik darf jedoch nicht den Ausbau des Tourismus vor dem Wohl der Bürger setzen. Dennoch glaube viele Politiker, sie können sich alles erlauben; zum Beispiel den Abriss historischer Gebäude ohne sich vorher die Zustimmung der Einwohner einzuholen. Die kommunal Politik ist dem Bürger gegenüber verantwortlich. Aus diesem Grund fordern wir ein stärkeres Mitbestimmungsrecht in der Kommunalpolitik. Es wäre insbesondere ein großer Gewinn, wenn die Bürger Mitspracherechte im Bezug auf große Investitionen erhalten. Meine Hoffnung ist, dass zukünftig der Bürgerwille nicht ignoriert wird; schließlich ist die Stadt unser!

Wie ich mich persönlich an der Bewegung M15 beteilige? Ich bin Mitglied der audiovisuellen Kommission in Valencia. Wir erstellen Fernseh-Clips und Radiobeiträge. Podcast-Beiträge sind für uns eine wichtige Kommunikationsquelle. Podcast ist eine Mediendatei, die man im Internet abonnieren und herunterladen kann. Auf diese Weise informieren wir die Menschen über M15 und unsere Aktivitäten. Natürlich nutzen wir auch die sozialen Medien. Facebook, Twitter und Youtube sind dabei wichtige Kanäle, insbesondere um die jüngere Generation anzusprechen. Zudem nehme ich an den Protesten und anderen Aktivitäten teil und bereite diese auch mit vor. Es gibt vieles zu tun und deswegen sind freiwillige Helfer notwendig. Die Arbeit lohnt sich aber; M15 ist die beste Erfahrung, die ich je gemacht habe!

Danke für das Interview!

Das Interview wurde von Vanessa Eggert geführt.

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