Topfschlagen in Chile
Mit einer für uns ungewöhnlichen Aktionsform schaffen sich Demonstranten in Chile Gehör: Die Menschen ziehen mit Töpfen, Pfannen und Kochlöffeln gewappnet durch die Straßen; benutzen diese als Trommel. Seit Mitte Mai gehören Proteste nun schon zum chilenischen Alltag. Die Studenten haben ihre Forderungen zuerst auf den Strassen kundgegeben. Doch nun weiten sich die Demonstrationen aus.
Seit Mitte Mai wehren sich mehrere zehntausend Studenten und Schüler gegen ein unfaires Bildungssystem. Es sind die größten Proteste seit 1989; dem Jahr, in dem Chile zur Demokratie zurück gekehrt ist. In den vergangenen Wochen versammelten sich allein in der Hauptstadt Santiago de Chile 100.000 Studenten. Ihre Hauptforderung ist die grundlegende Reformierung des Bildungssystem. Das chilenische Bildungssystem ist zum großen Teil privatisiert. Die kostenlose Hochschulbildung wurde bereits 1981 abgeschafft. Es wurde weiterhin angeordnet, dass Städte und Gemeinde die Finanzierung tragen. Jedoch sind die Haushaltskassen überfordert; die öffentliche Finanzierung kann gerade einmal für 25 Prozent der Bildungskosten aufkommen. Aus diesem Grund boomt der Markt für Privatuniversitäten. Bis zu 60 Prozent der Studenten sehen sich gezwungen, ein Studium an einer teuern Privatinstitution aufzunehmen. Die monatlichen Studiengebühren liegen gewöhnlich bei 900 US$. Die meisten Studenten sind gezwungen, mit einem Schuldenberg von 60.000 US$ ins Berufsleben zu starten.
Die chilenische Wirtschaft kann ein stetiges Wachstum aufweisen. Nun verlangen Studenten, dass die Politik in den Rohstoff Bildung investiert. Die Demonstranten sehen eine hochwertige Bildung als demokratisches Recht an, welches nicht dem privaten Profit dienen darf.Inzwischen unterstützt ein großer Teil der Bevölkerung die Anliegen der Studenten. Die Proteste weiten sich dabei aus; die Liste mit Forderungen wächst kontinuierlich. Ein regelrechter Schneeballeffekt ist im Gange. Das Bildungssystem steht weiterhin im Mittelpunkt, jedoch entfachen auch rege Diskussionen um die Themen Rente, Gesundheit, Sicherheit und Wohnbedingungen. Es zeichnet sich dabei deutlich eine Unzufriedenheit mit der Regierung ab. Zudem kann man beobachten, dass sich die Bürger mehr als eine Notlösung wünschen. Die Demonstranten verlangen nachhaltige Reformen, die eine soziale Gerechtigkeit gewährleisten. Auch an dem Beispiel Chile kann man erkennen, dass Bürger verstärkt ihre Forderungen an die Politik herantragen.
Der Dialog zwischen den Demonstranten und der Politik verläuft schleppend. Die Forderung kostenlose und hochwertige Bildung für jeden Chilenen zugänglich zu machen, weist Regierungspräsident Sebastián Piñera zurück; diverse Zeitungsberichte zitieren ihn mit der Aussage: “Nichts im Leben ist kostenlos.” Die ausweitenden Proteste bringen die Regierung jedoch immer weiter in Bedrängnis. Der Regierungschef erklärt sich zu ersten Eingeständnissen bereit. So soll zum Beispiel eine Behörde gegründet werden, die die Qualität der Bildung sicher stellt. Die meisten Demonstranten lehnen den Kompromissvorschlag jedoch ab. Sie bezeichnen den Plan als reine Kosmetik, der die strukturellen Probleme nicht lösen kann.
Die Proteste werden leider von Ausschreitungen begleitet. Oft prallen gewaltbereite Demonstranten mit der Polizei aufeinander. Auch die Polizei schreckt vor Gewalt nicht zurück. Tränengas, Wasserwerfer und Schlagstöcke kommen vermehrt zum Einsatz. Bei einem Massenprotest letzte Woche wurde ein 16 Jahre alter Schüler tödlich von einer Polizeikugel getroffen. Die Regierung leitete sofort Untersuchungen ein; mehrere Polizisten wurden suspendiert. Trotzdem bleibt die Gefahr vor weiteren Ausschreitungen bestehen.
Vanessa Eggert, 02.09.2011