Mülltrennung in Mazar-e Sharif

<typohead type=1>Rupert Neudeck über den Einsatz der Bundeswehr und die Arbeit der Grünhelme</typohead>

Seit vielen Jahren leistet er wichtige Arbeit, um Menschen in Not zu helfen: Durch die Rettung tausender vietnamesischer Flüchtlinge wurde Rupert Neudeck bekannt. Heute leitet er den Verein Grünhelme e.V. Er wird am 21. Mai auf unserer Jahrestagung mehr über seine Arbeit berichten.

 

Mehr Demokratie: In welchen Ländern sind die Grünhelme aktiv? Welche Projekte werden dort umgesetzt?

Rupert Neudeck: Wir machen in Afghanistan Schulprojekte. Dort sind wir bisher in 32 Schulen in Dörfern der Provinz Herat aktiv. In Palästina bauen wir eine Solaranlage für ein Begegnungszentrum, das ständig vom Abriss durch die Israelische Besatzungsbehörde bedroht ist – es liegt auf dem Weinberg Daher zwischen Bethlehem und Hebron. Und in Mauretanien betreiben wir eine Solaranlage zur Ausbildung der jungen Migranten aus einigen afrikanischen Ländern. In Ruanda sind wir am Aufbau und Weiterführung bis 2012 des Nelson Mandela Educational Centre beteiligt und in der Demokratische Republik Kongo errichten wir Dorfschulen in der Provinz Süd-Kivu.

 

In Afghanistan ist die Bundeswehr zusammen mit Militärverbänden aus anderen Staaten präsent, um zu verhindern, dass die Taliban wieder an die Macht kommen. Ist dieser Einsatz eine Voraussetzung für die dortigen Projekte der Grünhelme? Wären Sie auch ohne Präsenz der ausländischen Truppen vor Ort?

Wir Grünhelme waren weit vor der Bundeswehr an den Orten und haben uns anfangs nie in irgendeiner Weise unsicher gefühlt; Die Gefahr des Wiedererstarkens der Taliban wurde durch die zu starke und zu lange Anwesenheit ausländischer Truppen zumal der US-Truppen entscheidend gefördert. Ohne die viel zu lange Anwesenheit der ausländischen Soldaten wäre die Präsenz der Taliban nie so stark geworden.

 

‚Alle Menschen sind gleich.‘ Das ist eine Grundlage des westlichen Demokratieverständnisses. Vom Islam hört man oft, dass dort zwischen den Gläubigern und Ungläubigen unterschieden wird. Sind Ihrer Erfahrung nach die beiden Denkweisen miteinander vereinbar?

Eindeutig ja, aber alle haben ihre religiösen Krankheiten. Die Katholiken, deren Subkultur ich weiter angehöre, halten sich für die alleinseligmachende Kirche, die Muslime nicht minder. Aber die Mehrheit der vernünftigen Gläubigen macht aus dieser Auserwähltheit keine Krone. Deshalb können sich wirkliche Fromme und Gläubige immer gut verstehen. Bei der Religion gilt es wie bei allen großen Menschheitsfragen: Wahr ist immer auch das Gegenteil.

Die Dhimmis, das sind die Andersgläubigen, hatten im osmanischen Reich den weltgeschichtlich größten Schutz, das galt für die Juden wie für die Christen.

 

Es gibt die böse These, dass das 20. Jahrhundert das Jahrhundert der Demokratie war – und deren Zeit nun abgelaufen ist. Die aktuellen Ereignisse aus Nordafrika scheinen dies aber zu widerlegen. Wie beurteilen Sie die Aufstände in Tunesien, Ägypten und anderen Ländern? Ist die Demokratie für die Menschen dort attraktiv? Und wenn nicht, wie können wir erreichen, dass dies wieder dazu kommt?

Demokratie wird immer da attraktiv, wo sie nicht ein westliches und schon gar nicht ein US- oder gar NATO-Exportschlager ist. Von Westminster wollen die mutigen Leute in Tunesien, Libyen und Ägypten eigentlich nichts hören. Sie haben ihre eigenen Traditionen. Auch für die Iraker ist die Demokratie ein attraktives Modell, aber sicher erst, wenn die US-Armee da verschwunden ist.

 

Was halten Sie von der Idee, den bundesweiten Volksentscheid einzuführen? Sollte Ihrer Meinung nach das Volk auch über die Auslandseinsätze der Bundeswehr entscheiden dürfen?

Da bin ich ganz dagegen, weil ich nicht mal weiß, ob die Bundeswehr in ihrer derzeitigen Verfassung so was schaffen kann. Sie sitzt in Afghanistan, Kunduz, Mazar-e Sharif und Feyzabad vergattert und führt ein Leben in ausgegrenzten Enklaven, ein Leben eins zu eins wie in Deutschland: Mit Müll-Trennung und Tüv, deutscher Post und deutschem Bier. Man wird da abziehen und hat nichts bewirken können außer für die Politiker, die da scharenweise zu Besuch kommen, einen guten Eindruck gemacht zu haben. Die Soldaten können da nichts für, sie müssen ja Einsatzbefehlen des Bundestages folgen.

Durch Volksentscheide verschlimmert man so etwas.

 

Sie kennen viele Länder aus eigener Anschauung und wissen um die Probleme vor Ort. Denken Sie, dass dort auch über wichtige Sachfragen Abstimmungen stattfinden könnten?

Ich weiß, dass alle Völker dieser Welt, die ich bisher kennengelernt habe ihre eigenen Regelungsmechanismen haben und wir aufgerufen sind, in unserer Lebenszeit den Respekt vor den Abstimmungsmechanismen dieser Völker zu lernen (Loja Dschirga in Afghanistan, Pastoral Democracy in Somalia).

 

Vielen Dank für das Gespräch.

<typohead type=4>Interview: Ronald Pabst</typohead>

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