Gespräch zu Glyphosat mit Pflanzenschutz-Expertin

Prof. Dr. Maria Finckh,
Professorin für Pflanzenschutz in der Ökologischen Landwirtschaft an der Uni Kassel-Witzenhausen. Zusammen mit zwei Kolleg/innen hat sie dazu das weltweit erste internationale Lehrbuch herausgegeben.

MD: Wie schätzen Sie die Gefahren von Glyphosat ein?

Prof. Dr. Finckh: In einem internationalen Forschungsteam haben wir 220 Studien zu den Auswirkungen von Glyphosat ausgewertet. Unter anderem kam raus: Die beliebte Chemikalie verändert die Gemeinschaft der Mikroorganismen in den Böden massiv. Für Menschen erhöht Glyphosat nicht nur das Risiko für Krebs, sondern auch für neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer oder Parkinson. Und: Es führt zu Kreuzresistenzen gegen Antibiotika. Das bedeutet: Bakterien, die gegenüber Glyphosat tolerant sind, sind dies meist auch gegenüber einer Reihe von Antibiotika.

MD: Aber ist Glyphosat nun konkret giftig für Menschen?

Prof. Dr. Finckh: Man muss unterscheiden zwischen akuter und chronischer Toxizität. Akut ist Glyphosat ziemlich harmlos, vor allem für Menschen. Das Problem sind die langfristigen Auswirkungen, wenn Lebewesen dem Mittel chronisch und auch in sehr geringen Dosen ausgesetzt sind. Hier wird von Wirkungen auf Neurotransmitter und auch anderen Pseudohormonaktivitäten berichtet.

MD: Und wegen dieser Wirkung entsteht das erhöhte Risiko für neurodegenerative Erkrankungen von Alzheimer und Parkinson oder auch für Autismus?

Prof. Dr. Finckh: Das ist sehr gut möglich. Es ist schon sehr beängstigend, wenn man Berichte von Menschen hört, deren Kinder anfangen, Autismus zu entwickeln – und die dann sagen, diese Symptome seien verschwunden, nachdem sie auf rückstandsfreie Nahrung umgestellt hätten. Es gibt Hinweise, dass Glyphosat und AMPA (das ist ein Zwischenprodukt in der Abbaukette von Glyphosat durch Mikroorganismen) am Glutamat-Rezeptor im Gehirn andocken, die überprüft werden müssen. Es ist also vorstellbar, dass wir hier mit einer Kombination von Stoffen konfrontiert sind, die möglicherweise synergistische Effekte haben. Das ist immer das Problem mit Gefahren in der Umwelt: Es ist nicht machbar, alle Interaktionen zu testen. Ich fände es aber angezeigt, die Wechselwirkungen von Glyphosat und Glutamat in der Ernährung insbesondere mit Blick auf das Gehirn zu untersuchen.

MD: Halten Sie es für sinnvoll über die Anwendung von Glyphosat in Deutschland nach einer mehrmonatigen öffentlichen Debatte einen Volksentscheid abzuhalten?

Prof. Dr. Finckh: Nicht wirklich. Erstens fürchte ich, dass trotz der hohen Wellen, die Glyphosat geschlagen hat, der Großteil der Bevölkerung (noch) nicht an der Sache interessiert ist und entweder gar nicht abstimmt oder im Sinne, was hält die Kosten niedrig. Zweitens: da vor solchen Befragungen genau wie bei Wahlen die Werbemaschine oft die Meinung der Menschen beeinflusst, könnte die Entscheidung eher das Ergebnis bringen: wer hatte mehr Geld um die bessere Werbung zu machen. Das ist eine große Gefahr. Es sind durchaus Kräfte am Werk, die gezielt Missinformation streuen, wie z.B. die Organisation Consumer Choice Center (siehe taz-Artikel), und die sicherlich finanzkräftige Sponsoren haben.

Hinweis: Die Antworten basieren zum Teil auf einem ausführlicheren Interview mit Frau Finckh in der Frankfurter Rundschau.

 

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