Deepening Democracy

Im Arbeitsbereich Deepening Democracy beschäftigen wir uns mit der Erforschung demokratischer Innenräume. Neben Argumenten, Daten und Fakten dürfen dabei auch nicht-rationale und nicht-offensichtliche Aspekte einer Frage, eines Diskurses oder einer gesellschaftlichen Dynamik einfließen. 

Wir wünschen uns eine zukunftsfähige, lebendige und sich entwickelnde Demokratie. Eine Demokratie, die von vielen Menschen gestaltet wird, in dem Bewusstsein, Teil von etwas Größerem zu sein. Eine Demokratie, in der alle Erfahrungen wichtig sind und die Erfahrungen aller Anerkennung finden können. Eine Demokratie, mit der wir uns verbunden fühlen und in der wir selbstbewusst und kreativ Einfluss nehmen können. 

Um das zu erreichen, reicht es nicht mehr aus, nur auf das Außen, also Strukturen, Gesetze und Institutionen zu schauen. Wir müssen den Blick auch nach Innen richten, auf Vorstellungen, Gefühle, Prägungen, Traumata, Hoffnungen und nicht zuletzt auch Körperempfindungen. Es kommt nicht nur darauf an, dass wir uns für etwas einsetzen, sondern auch wie, in welchem Tonfall und mit welcher inneren Haltung wir es tun. Diese Ebene gilt es sichtbarer und erfahrbarer zu machen, denn je mehr diese unsichtbaren Faktoren bewusst werden, desto erfüllender und erfolgversprechender wird das gemeinsame Gestalten der Dinge, die uns alle angehen. 

Vier Gründe, warum wir eine Vertiefung der Demokratie brauchen

  1. Demokratie ist kein Denkmal, sondern ein sich ständig veränderndes und weiterentwickelndes System. Deshalb ist es nicht überraschend, sondern sogar notwendig, dass sie auf neue Herausforderungen und Möglichkeiten reagiert und sich anpasst. Was wir oft als „Demokratiekrise“ bezeichnen, ist tatsächlich ein deutlich spürbarer Veränderungsdruck, der durch eine immer vernetzter und komplexer werdende Welt entsteht. Politikerinnen und Politiker brauchen eine tiefere Verbundenheit mit der Demokratie, um sie von Innen heraus weiterzuentwickeln.
     
  2. Die Demokratie braucht uns – die Menschen, die in diesem Land leben und es politisch gestalten. Es ist wichtig, dass wir uns als Bürgerinnen und Bürger in gemeinnützigen Vereinigungen zusammenschließen, um etwas zu bewegen. Wenn Menschen sich als Teil der Gesellschaft erleben, dann werden sie vom Objekt zum Subjekt und damit von beobachtenden zu handelnden Personen. 
     
  3. Demokratie basiert auf Kommunikation. Und bei Kommunikation spielen nicht nur die Fakten, sondern auch Emotionen, Einstellungen, Unbewusstes usw. eine Rolle. Wir sind überzeugt, dass sie mit berücksichtigt werden müssen, damit Demokratie sich weiterentwickeln und wir anstehende Herausforderungen bewältigen können. Gerade auch verdrängte Emotionen, unbewusste Einstellungen und gefühlte Realitäten sind wichtig sind, um die Probleme tatsächlich zu verstehen.
     
  4. Um die Demokratie lebendig und zeitgemäß zu halten, ist es sinnvoll, die Demokratieinstrumente, die wir nutzen, immer wieder zu überprüfen und gegebenenfalls zu ergänzen oder anzupassen. Nicht jedes Instrument, nicht jede Institution bietet eine Lösung für jedes politische Problem, sondern es ist zu reflektieren, was der Zeit und den aktuellen Herausforderungen angemessen ist. Nicht one size fits it all, sondern jedes Verfahren hat eine eigene Qualität (Stärke und Schwäche) und deshalb muss geschaut werden, welches Verfahren für welche Herausforderung geeignet ist. Wir sehen vertiefende Techniken und Verfahren als sinnvolle Ergänzung zu erprobten demokratischen Formaten wie Wahlen, Abstimmungen, Bürgerräten…

Zugänge zu einer tieferen Demokratie


Systemaufstellungen

Unser erstes Experimentierfeld sind Systemaufstellungen, bei denen Menschen zum Beispiel für die Demokratie wichtige Elemente wie “die Gewählten”, “die Bevölkerung”, “direkte Demokratie”, “die Klima-Bewegung”, “ein politisches Ziel” verkörpern. Sie sprechen und bewegen sich stellvertretend für diese Elemente und treten in Beziehung zueinander. So werden Zusammenhänge benennbar und neue Handlungsansätze erkennbar. Wir haben dafür ein Workshop-Format zum Empowerment von politischen Akteurinnen und Akteuren entwickelt: die Politikfelderkundung. 

Mit Politikfelderkundungen schaffen wir Räume, in denen sich die Teilnehmenden offen und intuitiv ihrem Sachthema nähern können. Sie lernen ihr politisches Handlungsfeld in einer Aufstellung und einer intensiven Auswertung anders kennen und entdecken neue Perspektiven. Zum Beispiel die Sicht ihrer “politischen Gegenspieler” oder “Kooperationspartnerinnen”, aber auch die Perspektive von abstrakten Elementen wie “der Verwaltung” oder “den Medien”. Es ist das Erfahren der anderen Sichtweisen, die einen berühren oder irritieren und dadurch zum Denken und Spüren anregen. Teilnehmende berichten oft von Aha-Momenten und überraschenden Einsichten. Damit entwickeln sie neue Handlungsmöglichkeiten für ihre politische Praxis, die mehr Wirksamkeit versprechen. 

Hilfreich ist die Politikfelderkundung für alle politisch Aktiven, also zivilgesellschaftlich Engagierte und Menschen aus Politik und Verwaltung. Immer wenn sie das Gefühl haben, festzustecken, mit ihren bisherigen Assoziationsketten und Denkgewohnheiten nicht weiter zu kommen, oder auch wenn sie ahnen, dass ihr Handlungsfeld auch ganz anders sein könnte, dann kann eine Politikfelderkundung wertvolle Bewegungsimpulse liefern.

Wir haben das Instrument nach wissenschaftlichen Kriterien in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Georg Müller-Christ (Universität Bremen) entwickelt und kooperieren zur Evaluierung mit Dr. Salome Scholtens (Universität Groningen). Ein Bericht der Pilotphase ist in der Fachzeitschrift Bewusstseinswussenschaften - Transpersonale Psychologie und Psychotherapie im Dezember 2021 erschienen (ab Juli 2022 online abrufbar). 

Merk, J., & Socher, S. (2021). Demokratie aus einer psychologisch-systemischen Perspektive entwickeln. Zeitschrift Bewusstseinswissenschaften. Transpersonale Psychologie und Psychotherapie, 27(2), S. 29–43.

Gesprächsräume

Angesichts der Corona-Krise ist die Idee entstanden, Räume zum Sprechen und Zuhören zu öffnen. Bei diesen besonderen Online-Veranstaltungen geht es ausdrücklich nicht um politische Debatten, sondern eher um gegenseitige Wahrnehmung und im besten Fall Verständnis für andere Positionen. Im Zentrum steht die Frage “Wie bin ich mit den Geschehnissen verbunden?” - Neben der Meinungsebene (“Ich denke dazu…”) spielen hier auch die Gefühlsebene (“Mir geht es damit…”) und die biographische Ebene (“Ich habe Freunde/Verwandte, die…” oder “In meiner Familiengeschichte ist xy passiert…”) eine Rolle. Während wir noch ganz berührt vom Erfolg unseres ersten Gesprächsraums mit rund 40 Teilnehmenden waren, hat sich die Welt durch den Kriegsbeginn in der Ukraine über Nacht verändert und sieht sich mit einer weiteren großen Krise konfrontiert. Wir haben daher spontan beschlossen, die nächsten Gesprächsräume diesem Thema zu widmen. Die Hoffnung ist, dass solche Gesprächsräume helfen, auch in Krisen eine innere Verbindung zu anderen und andersdenkenden Menschen aufrecht zu erhalten. Das ist die Ausgangsbasis, damit wir als Menschen gemeinsam an der Weiterentwicklung und dem Schutz der Demokratie arbeiten können.

Ganzheitlicher Zugang zu Demokratie-Fragen

Musik und Kunst können uns neue Zugänge zu Themen eröffnen. Sie machen neugierig und regen zur tieferen Beschäftigung an. Ganz aktuell haben wir 2021 im Rahmen unserer Debatten- und Informationsplattform “Die Klimadebatte” ein politisches Musik-Experiment gestartet.

Denn die Klima-Debatte wird nicht nur auf der intellektuellen Ebene und mit rationalen Argumenten geführt, sondern sie berührt uns alle auch emotional. Wir erleben Angst, Wut, Abwehr, aber auch Hoffnung, Tatendrang, Mitgefühl… All das wird oft nicht direkt angesprochen, schwingt aber bei der Diskussion um die Klimakrise unüberhörbar mit. Wir fanden: Es lohnt sich, innezuhalten und zuzuhören. Daher haben wir mit einem Team von professionellen Musikerinnen und Musikern diese verborgenen Aspekte der Klimadebatte hörbar gemacht: Wir haben vier unterschiedliche gesellschaftliche Positionen ausgewählt, abgebildet in Statements von Personen des öffentlichen Lebens. Jede Position wird durch ein eigens komponiertes Musikstück verkörpert. Die Veranstaltung wurde von mehr als 1.000 Menschen miterlebt.

Link: https://die-klimadebatte.de/stop-and-listen

Darüber hinaus haben wir in den vergangenen Monaten bei Veranstaltungen Atem- und Vorstellungs-Übungen ausprobiert, um uns auf den Austausch mit anderen und auf die konzentrierte Beschäftigung mit politischen Themen einzustimmen. Gelegentlich beziehen wir auch die Körperebene mit ein, um Wohlbefinden, Konzentration und Präsenz zu steigern, Stichwort “Kongress-Yoga”.

Übrigens: “Jeder Mensch ist ein Künstler” - mit diesem Satz hat Joseph Beuys das Konzept der “Sozialen Plastik” beschrieben. Aus der tiefen Überzeugung heraus, dass jeder Mensch seinen Fähigkeiten entsprechend die Gesellschaft mitgestalten und dadurch schöpferisch tätig sein kann, hat Beuys 1971 in Düsseldorf die „Organisation für Direkte Demokratie durch Volksabstimmung“ gegründet. Mit unserer Partner-Organisation, dem OMNIBUS für direkte Demokratie, der bis heute im Sinne von Beuys unterwegs ist, teilen wir die Überzeugung, dass alle Menschen frei und gleichberechtigt die Gesellschaft mitgestalten können und sollten.

Kontakt

Dr. Josef Merk
Projektleitung
"Deepening Democracy"
josef.merkmaps on@mehr-demokratie.de

 

 

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