
Wie zivilgesellschaftliche Erinnerungskultur die Demokratie in Argentinien stärkt
In Argentinien hält die Zivilgesellschaft mit unermüdlichem Engagement die Erinnerung an die Opfer der Militärdiktatur wach. Doch dieses Engagement steht zunehmend unter Druck. Der Kampf um Wahrheit, Gerechtigkeit und Erinnerung ist unter Milei mehr denn je auch ein Kampf um demokratische Werte.
Ein Beitrag von Lena Skrotzki aus dem demokratie!-Magazin 04/2025
La memoria no es pasado, es presente y futuro. Erinnerung ist nicht die Vergangenheit, sie ist die Gegenwart und die Zukunft. In Argentinien steckt dieser Satz voll geschichtlicher Bedeutung. Mehr als vierzig Jahre nach dem Ende der Militärdiktatur (1976–1983) ist Argentinien noch immer mit der Aufarbeitung beschäftigt. Dreißigtausend Menschen wurden damals erschleppt, gefoltert und ermordet – viele von ihnen sind bis heute verschwunden. Mit dem „Proceso a las Juntas“ im Jahr 1985 war Argentinien eines der ersten Länder weltweit, das seine eigene Milit.rführung vor einem zivilen Gericht zur Rechenschaft zog. In dem historischen Verfahren wurden führende Mitglieder der Diktatur wegen Menschenrechtsverbrechen verurteilt. Ein starkes Signal für die Unabhängigkeit der Justiz in der jungen Demokratie Argentiniens.
Politischer Kampf um die Wahrheit
Der zivilgesellschaftliche Zusammenschluss der Madres, Abuelas und Familiares de Plaza de Mayo, also den protestierenden Müttern, Großmüttern und Familien der Verschwundenen haben sich aus Solidarität immer mehr Menschen angeschlossen. Auch weitere Initiativen setzen sich bis heute mit ihnen gemeinsam unermüdlich dafür ein, das Schicksal der Betroffenen ans Licht zu bringen und die Schuldigen zu verurteilen – und damit die Grundlagen der Demokratie zu stärken: Wahrheit und Transparenz, Gerechtigkeit und kollektives Erinnern. Ihre Arbeit steht heute aber vor großen Herausforderungen. Die aktuelle rechte Bündnis-Regierung unter Javier Milei, die im Oktober erst Rückendeckung durch die Parlamentswahlen erhalten hat, schließt Orte der Erinnerung und erschwert zivilgesellschaftlichen Organisationen den Zugang zu Fördermitteln und öffentlichen Archiven. Direkt nach Amtsantritt Ende 2023 hatte Milei Gelder für Erinnerungs- und Menschenrechtsarbeit gestrichen. Er und weitere Mitglieder der Regierung relativieren oder leugnen sogar offen das Ausmaß der Verbrechen der Militärdiktatur. Mileis vermeintlich liberale Ideologie verliert spätestens hier an Glaubwürdigkeit, wo er basierend auf politischem Machtkampf systematisch begangene Menschenrechtsverletzungen verklärt. Damit ist nicht nur die historische Aufarbeitung, sondern auch die demokratische Zukunft des Landes in Gefahr. Zivilgesellschaftlich organisierte Erinnerungsarbeit wird also aktuell immer schwieriger, aber auch entsprechend wichtiger. Natalia Brite ist Kommunikationsexpertin und Spezialistin für Erinnerung, Widerstand und Menschenrechte in Mendoza, der viertgrößten Stadt Argentiniens. Ich habe mit ihr über ihre Arbeit im Raum für Erinnerung gesprochen, und was die zivilgesellschaftliche Aufarbeitung für die Demokratie des gegenwärtigen und zukünftigen Argentiniens bedeutet.
Lena Skrotzki: Wie hilft eure Arbeit dabei, die Ereignisse der Diktatur im kollektiven Gedächtnis zu bewahren und dadurch die heutige Demokratie in Argentinien zu stärken?
Natalia Brite: Seit der Rückkehr zur Demokratie im Dezember 1983 musste sich jede politische Partei, die am demokratischen Prozess teilnehmen wollte und eine Regierung angestrebt hat, definieren und zur vorherigen zivil-militärischen Diktatur Stellung beziehen. Die Entstehung der Menschenrechtsbewegung und alle Ideen, die von den Menschenrechtsorganisationen entwickelt und vertreten wurden, waren von diesem Moment an und bis heute so etwas wie ein Maßstab für die Qualität der Demokratie. Alle Aktionen, Interventionen und Bedeutungskonstruktionen der Menschenrechtsbewegung und somit die von ihnen organisierten Gedenkstätten, stellen eine Form der Auseinandersetzung und einen dauerhaften Beitrag zum Aufbau, zur Aufrechterhaltung und zur Stärkung demokratischer Werte dar. Sie sind eine Möglichkeit, eine direkte, konkrete Aktion an den jeweiligen Orten mit der Gemeinschaft und für die Gemeinschaft zu schaffen, wo täglich über die gegenwärtige Demokratie diskutiert wird, während man die diktatorische Vergangenheit reflektiert.
Lena Skrotzki: Welche Rolle spielt die Erinnerung an die Verschwundenen in der argentinischen Gesellschaft heute, insbesondere für jüngere Generationen, die die Diktatur nicht selbst erlebt haben?
Natalia Brite: Unser Ort der Erinnerung empfängt jedes Jahr Tausende von Jugendlichen. Jedes Mal, wenn diese Gruppen an einer Führung durch den Raum für Erinnerung teilnehmen, auf Mitglieder der Organisationen treffen und auf Zeitzeugen, denn wir haben noch lebende Zeitzeugen, sprechen wir über die Spuren der Vergangenheit. Jedes Mal, wenn wir das repressive System beschreiben, wie es im Land und in unserer Provinz funktioniert hat, geben wir den Menschen Werkzeuge an die Hand, um die Gegenwart zu reflektieren. Auch wir, die wir zur Zeit der Diktatur nicht dabei waren, haben uns weitergebildet und arbeiten im Dienste der Erinnerung. Wir sprechen über die Menschenrechte, die während der Diktatur massiv und systematisch verletzt wurden, und gleichzeitig aktivieren wir die Wahrnehmung und Wertschätzung der Menschenrechte in Bezug auf die Gegenwart. Jedes Mal, wenn junge Menschen mit den Erlebnissen Gefangener in geheimen Haftanstalten konfrontiert werden, denken sie über institutionelle Gewalt nach. Und auch wenn wir über die Unterdrückung von Frauen in der Diktatur sprechen, regen wir Debatten über die Unterschiede und Besonderheiten der Anwendung von Gewalt gegen Frauen an, und denken über die heutige Geschlechterperspektive nach. All das führt dazu, dass wir ganzheitlich reflektieren, in welchen Demokratien wir leben. Das ist ein großer Beitrag der Menschenrechtsorganisationen im Allgemeinen und der Maßnahmen in den Gedenkstätten im Besonderen.
„Alle Aktionen [...] der Menschenrechtsbewegung [...] stellen eine Form der Auseinandersetzung und einen dauerhaften Beitrag zum Aufbau, zur Aufrechterhaltung und zur Stärkung demokratischer Werte dar.“
Lena Skrotzki: Welche Herausforderungen begegnen euch bei der Suche nach Wahrheit und Gerechtigkeit – sowohl juristisch als auch gesellschaftlich – und wie geht ihr damit um?
Natalia Brite: Juristisch geht es darum, eine Grundlage für Erinnerungspolitik zu schaffen beziehungsweise zu stärken, die unabhängig von politischen Schwankungen besteht und den Staat klar verpflichtet, zu handeln. Dazu gehören auch Fragen neuer oder angepasster Gesetze, etwa zur Leugnung von Verbrechen und zu Hassrede, besonders für Personen mit öffentlicher Verantwortung. Gesellschaftlich wird es zunehmend schwieriger, das Interesse an den historischen Verbrechen aufrechtzuerhalten, da der zeitliche Abstand wächst und Zeitzeuginnen und -zeugen sterben. Es braucht dauerhafte Strategien, um Erinnerungen und Wissen zu erhalten und weiterzugeben. Zeugnisse von Betroffenen und Menschenrechtsorganisationen sind zentral, dürfen aber langfristig nicht die einzige Wissensquelle bleiben. Daher müssen Dokumentation, Archivierung und Forschung ausgebaut werden.
Lena Skrotzki: Wie reagieren die Politik und Regierung in Argentinien aktuell auf Initiativen der Erinnerungskultur? Gibt es Widerstand oder Unterstützung?
Natalia Brite: Die Haltung der argentinischen Regierung gegenüber Initiativen der Erinnerungskultur hängt immer stark vom politischen Lager und den jeweiligen Regierungsprogrammen ab. Seit der Rückkehr zur Demokratie 1983 müssen politische Akteure sich zur jüngsten Vergangenheit positionieren – sei es zur Diktatur, zu Staatsterrorismus oder zur Einstufung als Völkermord. Eine neutrale Haltung gibt es nicht, jede Regierung nimmt automatisch eine Stellung ein. Linke oder progressive Parteien, die soziale Gerechtigkeit, Ausweitung der Rechte und wirtschaftliche Souveränität fördern, unterstützen in der Regel Erinnerung, Wahrheit und Gerechtigkeit. Sie sehen die Aufarbeitung der Vergangenheit als Grundlage für ein gerechteres Argentinien. Konservative oder wirtschaftsliberal orientierte Parteien hingegen neigen eher zu Leugnung, Verharmlosung oder sogar Verherrlichung des Staatsterrorismus.
Lena Skrotzki: Wie kann Erinnerungskultur in Zukunft gestaltet werden, um nicht nur an die Opfer zu erinnern, sondern auch demokratische Werte und Menschenrechte langfristig zu schützen?
Natalia Brite: Die Kultur der Erinnerung in Argentinien war nie nur die Erinnerung an die Opfer. In der Tat gab es oft Debatten darüber, die einzelnen Opfer zu nennen oder nicht zu nennen. Als Opfer werden Ermordete, Verschwundene oder Enteignete gesehen. Wir verstehen aber, dass das Opfer auch die Gemeinschaft war und die sozialen und solidarischen Verbindungen, die sie geschaffen hat. Nicht nur die Menschen, die sich für bessere politische Bedingungen eingesetzt haben, sondern ihre Netzwerke. In diesem Zusammenhang orientieren wir uns an dem Konzept des Völkermordes und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Der Feind, der durch den Staatsterrorismus angegriffen wurde, war ein Teil der Gesellschaft, deren Gedanken und deren kollektive Teilhabe. Wenn man diese Menschen physisch tötet, dann tötet man das System von Werten. An die Opfer zu erinnern, bedeutet in Argentinien auch, deren Ideen zu erinnern und ihre Gemeinschaft, die zerstört werden sollte, zu bewahren und auszubauen.
Dieser Artikel stammt aus unserem demokratie!-Magazin. Wenn Ihnen die Inhalte gefallen und Sie mehr Analysen, Einblicke und Perspektiven rund um Demokratie und Beteiligung lesen möchten, abonnieren Sie das Magazin hier.