Ständiger Bürgerrat zu Artenvielfalt gefordert

Am 8. März 2026 hat ein europäischer Jugend-Bürgerrat in Brüssel Empfehlungen zum Schutz von Bestäuberinsekten beschlossen. Zu den empfohlenen Maßnahmen gehören die Verringerung des Einsatzes und der Giftigkeit von Pflanzenschutzmitteln, der Schutz und die Wiederherstellung von Lebensräumen für Bestäuber auf dem Land und in den Städten sowie die Umstellung auf eine bestäuberfreundlichere Landwirtschaft.

Die jungen Bürgerinnen und Bürger fordern außerdem eine strengere Überwachung und Durchsetzung bestehender Umweltpolitiken, eine Aufstockung der Mittel für Naturschutzmaßnahmen sowie Initiativen, die einen kulturellen und Verhaltenswandel in der Art und Weise fördern, wie Gesellschaften mit Land und biologischer Vielfalt umgehen.

Ständiger Bürgerrat gefordert

Zu den Vorschlägen gehört auch die Einrichtung eines ständigen Bürgerrates junger Menschen zum Thema Artenvielfalt, um mehr Bürgerinnen und Bürger in die Umweltpolitik auf EU-Ebene einzubeziehen.

Von September 2025 bis März 2026 waren im Rahmen des Bürgerrates 100 junge Menschen aus der gesamten Europäischen Union zusammengekommen, um über den Rückgang wildlebender Bestäuber-Insekten zu beraten und zu diesem Thema Handlungsempfehlungen für die EU-Institutionen zu erarbeiten. Vor dem Bürgerrat und während des Verfahrens konnten sich alle EU-Bürgerinnen und -Bürger in einer Online-Debatte einbringen.

Junge Menschen am stärksten betroffen

In den letzten Jahren haben sich viele Menschen durch Proteste, Kampagnen und bei Wahlen für die Lösung von Umweltproblemen eingesetzt. Auch in Meinungsumfragen unter Jugendlichen stehen die Themen Klima und Artenvielfalt immer ganz oben auf der Prioritätenliste.

Das ist nicht überraschend. Während die dreifache planetarische Krise aus Klimawandel, Verlust der biologischen Vielfalt und Umweltverschmutzung für die gesamte Menschheit von existenzieller Bedeutung ist, werden junge Menschen und zukünftige Generationen am stärksten von den Auswirkungen betroffen sein. Sie müssen mit den Folgen des aktuellen Handelns und Nichthandelns leben müssen. Das ist vielleicht auch der Grund dafür, dass Umweltfragen (darunter vor allem Klimaschutz) so häufig als Themen in Bürgerräten sind. Immer mehr dieser Verfahren widmen sich speziell der Jugend.

Unter den vielen drängenden Problemen steht der Schwund blütenbestäubender Insekten (neben Honigbienen auch Hummeln, Motten, Schwebfliegen, Schmetterlinge und andere) im Zentrum der Krise. Die Lösung des Problems ist von grundlegender Bedeutung, obwohl immer noch nur sehr wenige Menschen genug darüber wissen.

Gründe für Artenschwund

Der gut dokumentierte Artenschwund in den letzten Jahrzehnten wird unter anderem durch Klimawandel, Umweltverschmutzung, Landwirtschaft, eingewanderte Arten und Krankheiten verursacht. Aufgrund der grundlegenden Rolle von Bestäubern bei der Pflanzenvermehrung wird ihr anhaltender Schwund Auswirkungen auf die gesamte belebte Welt sowie auf die menschliche Gesellschaft haben und das Funktionieren von Ökosystemen und Landwirtschaft beeinträchtigen. Wie soll also mit den komplexen praktischen, politischen und ethischen Fragen im Kern dieser Krise umgegangen werden?

Die EU-Initiative für Bestäuber, die erstmals einen EU-weiten Rahmen zur Bekämpfung des Rückgangs wildlebender bestäubender Insekten schafft, weist den Bürgerinnen und Bürgern eine bedeutende Rolle bei dieser Aufgabe zu. Eine der drei Prioritäten konzentriert sich auf die „Mobilisierung der Gesellschaft“. Dazu gehören Beteiligungsverfahren, um „kontroverse Themen und Maßnahmen“ sowie „Spannungen zwischen verschiedenen Akteuren, einschließlich der Bürgerinnen und Bürger“, anzugehen.

Neue Wege der Bürgerbeteiligung

Die Europäische Kommission will dieses Ziel in die Praxis umzusetzen und gleichzeitig die besondere Energie und die Herausforderungen der Jugend wertschätzen. Deshalb lief vom 26. September 2025 bis zum 8. März 2026 ein Jugend-Bürgerrat zum Thema Bestäuber. Diese Losversammlung sollte neue Wege aufzeigen, wie Bürgerbeteiligung in die Arbeit der EU-Institutionen integriert werden kann.

Der Bürgerrat hatte junge Menschen zwischen 18 und 29 Jahren aus der gesamten EU zusammengebracht. Sie hatten sich im September und Dezember 2025 sowie im März 2026 in Brüssel und online getroffen. Die geloste Bürgerversammlung hat jungen Menschen Raum und Zeit geboten, gemeinsam zu lernen, Wissen, Visionen und Erfahrungen auszutauschen und über die wichtigsten Probleme im Zusammenhang mit dem Schwund der Bestäuber-Insekten zu beraten.

Handlungsempfehlungen für EU-Institutionen

Während des gesamten Verfahrens wurden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in die Themenfindung einbezogen. Sie haben die Bedingungen der Debatte über strittige Fragen zur Artenvielfalt formuliert und Handlungsempfehlungen für das Europaparlament, den Europäischen Rat und die EU-Kommission beschlossen.

Neben dieser thematischen Dimension hatte der Bürgerrat aber auch eine methodische Aufgabe, da er ein Pilotprojekt für ein mögliches ständiges Beteiligungsverfahren war. Die Losversammlung ist Teil des Europaparlament-Pilotprojekts „Jugend für Bestäuber-Insekten - Förderung des Engagements junger Menschen und der partizipativen Regierungsführung beim Schutz von Bestäubern“. Das Projekt zielt darauf ab, die Jugend zu befähigen, sich bei einem der Schlüsselthemen der Biodiversitätskrise zu engagieren.

Beirat gegründet

Nach einer öffentlichen Ausschreibung hatte das Kompetenzzentrum für partizipative und deliberative Demokratie der Europäischen Kommission einen Beirat für die Bürgerversammlung zusammengestellt. Der Beirat hatte die Arbeit des Bürgerrates unterstützt, indem er in drei Schlüsselbereichen Beratung und Unterstützung leistete:

  • Wissensvermittlung - Unterstützung bei der Entwicklung der Strategie zur Wissenspräsentation und Vermittlung von Kontakten zu wichtigen Fachleuten und Interessengruppen.
  • Bearbeitung von Beschwerden - als neutraler Vermittler fungieren, wenn von Bürgerrat-Mitgliedern oder Beobachter/innen Bedenken hinsichtlich des Verfahrens geäußert werden.
  • Überwachung der Integrität des Verfahrens und Gewährleistung seiner Transparenz.

Mitglieder des Beirats waren

  • Eva Mackeviča, Leiterin der Abteilung für Partizipation, Stiftung „Fundacja Pole Dialogu”
  • Glen Millot (Vorsitzender des Beirats), Koordinator, Sciences Citoyennes
  • Dr. James Moran, Dozent für Ökologie und Biologie, Atlantic Technological University
  • Dr. Nabila Abbas, Forschungsleiterin, Federation for Innovation in Democracy Europe (FIDE)
  • Sofia Guedes Vaz, Wissenschaftlerin, Nova-Universität Lissabon und und Gründerin und Geschäftsführerin von S.714 - Sustentabilidade e Ética

Von Tür zu Tür

Im Mai 2025 hatte die Sortition Foundation die Gewinnung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Losversammlung abgeschlossen. In Zusammenarbeit mit lokalen Partnern in der gesamten EU haben sie an Türen geklopft und junge Bürgerinnen und Bürger auf den Straßen von 100 zufällig ausgewählten Orten in allen EU-Ländern angesprochen. Aus dem ursprünglichen Pool interessierter Menschen wurde eine endgültige Gruppe von Bürgerrat-Mitgliedern nach dem Zufallsprinzip ausgewählt, die die Vielfalt der jugendlichen Bevölkerung der EU unter Berücksichtigung von Geschlecht, Bildung, Beruf und dem Spektrum zwischen ländlichen und städtischen Gebieten repräsentiert hat. Die Organisatoren haben dabei auch zwei Einstellungsfaktoren berücksichtigt: die Einstellung zur EU und zu Umweltfragen.

Im Sommer 2025 wurden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Rahmen einer Einführung dabei unterstützt, sich kennenzulernen, sich mit dem Beratungsverfahren, an dem sie teilnehmen werden, vertraut zu machen und erste Schritte in die Welt der Bestäuber zu unternehmen.

Dauerhafte Jugendbeteiligung als Ziel

Als Pilotprojekt hat der Bürgerrat die Durchführbarkeit und den Wert eines gelosten Jugend-Bürgerrates als Teil des EU-Regierungshandelns in Sachen Artenvielfalt testen. Ziel ist es, ein dauerhaftes Verfahren zur Jugendbeteiligung zu schaffen. Daher hat der Bürgerrat viele Mitgestaltungelemente beinhaltet. In deren Rahmen haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auch Empfehlungen dazu erarbeitet, wie eine ständige Bürgerbeteiligung aussehen sollte.

Der junge Bürgerrat hat auf der mehrjährigen Zusammenarbeit zwischen dem EU-Kompetenzzentrum für partizipative und deliberative Demokratie und der Generaldirektion Umwelt der EU-Kommission aufgebaut: In deren Rahmen wurde eine Reihe von Beteiligungsverfahren zum Bestäuberschwund durchgeführt. Dabei wurde das Projekt auch mit Expertinnen und Experten in Sachen Jugendbeteiligung diskutiert.

Einbindung von Zivilgesellschaft und Interessengruppen

Im Rahmen seiner Lernarbeit hat der Bürgerrat sich auch mit künstlerischen Methoden und Werkzeugen befasst. Durch die Einrichtung eines beratenden Ausschusses wurde eine engere Einbindung der Zivilgesellschaft und von Interessengruppen angestrebt. Außerdem wurde in der Arbeit des Bürgerrates neue Wege zur Integration der Plattform für Bürgerbeteiligung begangen. Ziel war es, allen Einwohnerinnen und Einwohnern der EU die Arbeit der Losversammlung bekannt zu machen.

In drei Online-Debatten vor dem Bürgerrat und während der Losversammlung ging es um eine Erweiterung der Diskussionsgrundlage um Erfahrungen und Bedenken von Bürgerinnen und Bürgern,  um ein Nachdenken über Ideen und das Sammeln von Beispielen sowie um Überlegungen zu den ursprünglichen Vorschlägen der Versammlung.

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