Weltsozialforum 2013 in Tunis - Tag 5

Heute endet in Tunis das Weltsozialforum. Knapp tausend selbst organisierte Veranstaltungen standen auf dem Programm. 40.000 Teilnehmer aus 120 Ländern haben sich Gedanken darüber gemacht, wie wir die Welt in eine bessere verwandeln können. Doch schon über die Frage, was besser ist, ist nicht so leicht eine Übereinkunft zu erzielen. Niemand kann sagen, wie „das WSF“ gewesen ist, denn jeder erlebt naturgemäß eine andere Veranstaltung, allein schon durch die vielen unterschiedlichen Möglichkeiten, welche Workshops und Veranstaltungen man besucht. Manche waren hervorragend organisiert, manche fanden erst gar nicht statt. Die Sprache war überwiegend französisch, in einigen wurde nur arabisch gesprochen, manche fanden in Englisch statt (junge Akademiker tendieren zum Englischen, sie wollen sich von der frankophonen Dominanz lösen).

Am letzten Tag können wir noch einmal die ganze Bandbreite der Themen erleben. Es finden keine Workshops mehr statt, sondern nur mehr Zusammenkünfte, auf denen versucht wird, die Ergebnisse zusammenzutragen. Eine gemeinsame Abschlusserklärung gibt es gemäß der Idee des „offenen Raumes“ nicht. Niemand spricht für das WSF, denn damit würden sofort die anderen ausgegrenzt werden.

(Foto 1: Abschlussrunden) 

Fass meine Freiheit nicht an

Der politische Islam ist ein neues Thema auf dem Forum. Gemäß dem Selbstverständnis der Offenheit gegenüber allen Positionen konnten auch islamische Gruppen teilnehmen. Vor dem Büro der Organisatoren veranstaltet eine Gruppe religiöser Studenten nun schon seit 33 Tagen ein „Sit-In“. Männer mit den typischen Bärten sitzen getrennt von den voll mit einem Niqab verschleierten Frauen. Bei dem Niqab sieht man nur noch die beiden Augen, während beim oft getragenen üblichen Hijab das Gesicht frei ist. Sie beschweren sich darüber, dass Frauen hier an der Universität im Niqab nicht zum Examen zugelassen werden und wollen wissen, wie dies mit dem Prinzip der persönlichen Freiheit und Religionsfreiheit zu vereinbaren sei. Eine der freiwilligen Technikerinnen (im Hijab), die die Livestreams organisierte, zeigte uns ein Video, auf dem ein Workshop-Initiator versuchte, eine Teilnehmerin im Niqab an einem Beitrag zu hindern. Es entstanden ein Eklat und Tumulte.

(Foto 2: Niqab-Diskussion)

(Foto 3: Impression vom 33-tägigen "Sit in")

Demokratie und Islam

Die Workshops zum Thema Demokratie, Rechte der Frauen, Islam und Laizismus (Trennung von Religion und Staat) waren gut besucht. Unsere Einschätzung ist, dass es nicht nur unmöglich, sondern auch unsinnig ist, einen demokratischen Wertekanon auszubilden und dabei die kulturprägende Kraft des Islam auszugrenzen. Die Aufgabe ist, die Vereinbarkeit von Islam und Demokratie auch intellektuell zu fundieren, ähnlich wie die Prinzipien der Aufklärung mit christlichen Werten nicht mehr im Widerspruch stehen. Ein Gottesstaat ist nicht mit Demokratie vereinbar, aber eine verordnete laizistische Trennung von Religion und Staat genügt nicht. Eine „islamische“ rechtsstaatliche Demokratie ist genauso möglich wie eine „christliche“. Wert und Würde des Individuums lassen sich auch koranisch begründen. Siehe auch den Artikel „Die islamische Demokratie“ bei Zeit Online.

Frauen erobern die Medien

Auffällig war für uns, dass die neuen Medien hauptsächlich von Frauen organisiert wurden. Sie übersetzten, filmten, fotografierten, interviewten, stellten die Livestreamverbindungen her. Noch mag der kulturellen Zurückhaltung geschuldet sein, dass sie eher hinter als vor der Kamera stehen. Noch ist es so, dass überwiegend Männer auf den Podien saßen und in die Mikrofone sprachen. Doch junge, gut ausgebildete Frauen übernehmen offensiv die „Männerdomäne“ Technik. Die Männer verteidigen eher eine alte Art von Paschatum und vernachlässigen die Sphäre der neuen Medien und merken gar nicht, wie abhängig sie eines Tages dadurch werden können.

(Foto 4: Frauen erobern die Medien)

Ungelöst: Das Flüchtlingsproblem

Nach Tunesien flohen hunderttausende Menschen, viele aus Libyen, Algerien und den Subsahara-Staaten. Das wären für Deutschland Millionen von Flüchtlingen. Wir sind so schnell dabei mit der Aussage „natürlich können wir nicht alle Flüchtlinge der Welt aufnehmen“ ... und bauen fleißig weiter an der Festung Europa und rüsten Frontex kräftig auf.

(Foto 5: Flüchtlinge vor dem WSF-Gelände)

Abschlusskundgebung

Auf dem Abschlussmarsch waren noch mehr Teilnehmer als beim Auftakt. An den letzten beiden Tagen haben sich offensichtlich auch tunesische Familien auf dem WSF umgesehen, um zu verstehen, was hier geschieht. Nun folgend ein paar Impressionen von der Kundgebung… sie war den palästinensischen Menschen gewidmet… Teil der Sprechgesänge und Lieder, den wir verstanden haben, war „Palestina – Arabiya“… „Palestina – Arabiya“

(Foto 6: Kundgebung auf der Avenue Habib Bourguiba)

(Foto 7: Kundgebung mit palästinensischen Flaggen)

(Foto 8: Palästinensische Frauen)

(Foto 9: Kundgebung mit Berberflagge)

Das Polizeihauptquartier und noch mehr die französische Botschaft, die beide am zentralen Boulevard Habib Bourguiba liegen, sind mit Natodraht und starken Polizeisondereinheiten gesichert. Seit dem Militäreinsatz in Mali befürchten die Franzosen verstärkt Anschläge…

(Foto 10: Natodraht und Friedenstaube)

Für ausgelassene Stimmung sorgten mehrere Trommel-Combos, Tanzgruppen und viele Kinder…

(Foto 11: Trommler am Platz des 14. Januar)

(Foto 12: Kinder auf der Kundgebung)

Ob die herrschenden Strukturen tiefer in Frage gestellt werden, wird sich zeigen…

(Foto 13: Vor der Bank l'Habitat)

(Foto 14: Polizeisondereinheit)

Abends wurde in mehreren Fernsehsendern, z.B. bei Nessma TV (der von Tunesien bis Mauretanien sendet) und im tunesischen Fernsehen, ausführlich berichtet. Wir haben es natürlich nicht verstanden, aber es gab viele Interviews mit Teilnehmern der Kundgebung. Auffällig war, dass nur gut gekleidete Menschen gezeigt wurden, ältere Herren im Anzug und junge, hübsche Frauen, also eher eine Positiv-Auswahl im Vergleich zum Durchschnitt der Teilnehmer.

(Foto 15: Die Revolution ist nicht zu Ende)

Zum Ausklang…

Als zentrales Thema des Weltsozialforums haben die Organisatoren „Würde“ gewählt. Es entspreche dem Lebensgefühl vieler Bürgerinnen und Bürger, dass sie trotz aller Schwierigkeiten der Demokratieprozesse in der Region ihre Würde wieder erlangt haben. Für die tunesische Bürgergesellschaft, die sich nach der Revolution im Aufbruch befindet, wird das Weltsozialforum bestimmt eine nachhaltige Wirkung haben. Die vorher unfreie, aber auch „sichere“, weil verlässliche Struktur, hat sich in eine freie und damit auch instabilere Situation verwandelt. Die mögliche Selbstbestimmung verlangt nach selbst ergriffener Verantwortung. Geschieht dies nicht, setzen sich die alten Beharrungskräfte wieder durch. Wir haben junge Menschen getroffen, die bereit sind, IHR Land aufzubauen - auf ihre Kraft und Visionen kommt es an.

"Eine andere Welt ist nicht nur möglich, sie ist bereits im Entstehen. An einem stillen Tag kann ich sie atmen hören." (Zitat aus der Rede der indischen Schriftstellerin Arundhati Roy, gehalten auf der Schlußkonferenz "Kampf dem Empire" im Gigantinho am 27.01.2003)

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