
Weltsozialforum 2013 in Tunis - Tag 1
Tag 1 (Szene 1) – 26. März 2013, 10 Uhr
Salaam,
die erste Veranstaltung auf dem Weltsozialforum ist von Frauen für Frauen - hier sind im Saal sicher 1000 junge und alte, dynamische, selbstbewusste Frauen und vielleicht 100 Männer versammelt. Die jungen Frauen sind alle bestens und modern gekleidet, sehen blendend aus und haben nichts „altfeministisches“ mehr an sich. Es folgend kraftvolle Reden über die weltweite Ausbeutung und die epidemischen Vergewaltigungen von Frauen (Zitat: „The cold truth is that today there is not a single place on the planet where it is safe to be a female“), Frauenhandel, Prostitution, Pornographie.

Globalisierung trifft die Frauen am härtesten
Das „imperialistisch-kapitalistische System“ und ältere patriarchale vorkapitalistische Strukturen in der Dritten (und auch islamischen) Welt treffen sich genau an dieser Stelle und wirken zusammen. Nur wenn Frauen dies durchbrechen und zusammenarbeiten wird sich etwas ändern… Zwischendrin wird dem vor kurzem erschossenen tunesischen Oppositionspolitiker Chokri Belaïd Anerkennung gezollt… Eine der häufigsten Parolen ist: „La lutte continue!“, „Der Kampf geht weiter!“. Die Reden werden schreiend gehalten, skandierende Sprechgesänge, wie wenn der Einsatz für weibliche Themen auf männliche Art weitergeführt wird. Fahnen schwingen. Wer singt am lautesten und hat die meisten Fahnen… Im Fußballstadion geht’s auch nicht anders zu.
Dennoch ist eine einende Kraft im Raum zu spüren, viele leuchtende Augen. Vermutlich ist das für viele, gerade aus absolut männlich dominierten Kulturen stammenden Frauen ein besonderes Ereignis, wenn überwiegend Frauen da sind und vor allem ausschließlich Frauen gestalten, die Inhalte definieren und selbst das zentrale Thema sind.
Dies alles als Mann zu schreiben ist an sich schon etwas unpassend.
Salam! - Roman und Michael
Tag 1 (Szene 2) – 26. März 2013, 16 Uhr
Am symbolträchtigen Platz des 14. Januars an der berühmten Pracht-Avenue Habib Bourguiba in Tunis versammeln sich geschätzt 20.000 Menschen zum offiziellen Auftakt des Weltsozialforums 2013. Am 14. Januar 2011 floh der Kleptokrat Ben Ali nach 23 Jahren an der Macht aufgeschreckt durch die sogenannte Jasminrevolution aus Tunesien. Der Mythos sagt, dass die Selbstverbrennung eines jungen Obsthändlers der Zündfunken für die Revolution war, auch wenn es Bedenken gibt, dass der Mann tatsächlich ein Märtyrer war.
Video vom WSF-Auftaktkonzert mit brasilianischer Musik
Habib Bourguiba, der Staatsgründer und „geniale“ Diktator (so sagten es uns einige Tunesier) baute Tunesien von 1957 bis 1987 als Nation auf. Schon seit 1933 setzte er sich für die Unabhängigkeit seines Landes ein, nachdem er an der Sorbonne Politik und Jura studiert hatte. Er errichtete das Schulsystem in Tunesien, schaffte die Polygamie ab und sah ähnlich wie Atatürk, der Begründer der Republik Türkei, die größte Gefahr für sein Land im fundamentalistischen Islam, betrieb konsequent die Säkularisierung des Staates und die Orientierung nach Europa. Er verweigerte Islamisten den Zugang zu politischer Macht und war dabei auch nicht zimperlich. Ben Ali setzte ihn 1987 ab, weil er offensichtlich krank und nicht mehr regierungsfähig war.

Der WSF-Marsch zog zwei Stunden durch die Stadt und endete vor der palästinensischen Botschaft - unserer Meinung nach nicht ganz mit der Themenneutralität des Weltsozialforums zu vereinigen, aber in einem arabischen Land verständlich. Auf dem Marsch präsentieren sich viele Gruppen mit Sprechgesängen und Transparenten und vermutlich bekommen dadurch erst die Menschen in Tunesien mit, dass das WSF in Tunis überhaupt stattfindet. Wir haben in der Woche zuvor in Tunesien niemanden getroffen, der wusste, dass das WSF stattfindet. Zwei Begegnungen exemplarisch herausgegriffen: Gregor, ein Mönch vom Comboni-Orden, erzählt aus dem Südsudan, wo er lebt und wirkt. Der Staat, der erst durch ein Referendum im Juli 2011 entstanden ist, liegt im Grunde darnieder. „Alles, was funktioniert, wird von ausländischen Organisationen gemacht.“ Es gibt keinerlei Infrastruktur, gerade mal 100 km asphaltierte Straßen in einem Land so groß wie Frankreich. Sogar die Ölförderung, durch deren Gewinne die gesamte Armut im Land erlöst werden könnte, wurde eingestellt. Der Grund: Die einzige existierende Pipeline läuft über den Sudan und man konnte sich nicht über die Konditionen einigen. (Hieran kann man sehen, wie wichtig für ein Land der Zugang zum Meer oder zumindest befreundete Nachbarstaaten ist.).
Gregor überraschte mit ziemlich praktischen Argumenten für das Zölibat: man kann leichter und besser versetzt werden, hat nicht so viel Angst entführt oder erschossen zu werden und kann besser sein Leben für seine Mitmenschen einsetzen. Viele seiner Brüder und Schwestern seien schon umgekommen. Ein lebensfroher und authentischer Mensch. Mohammed, ein ehemaliger tunesischer Marineoffizier, erzählte uns eine – der nicht nur im Morgenland beliebten – Verschwörungsgeschichten nach der anderen und wusste dabei jedoch in vielen historischen Details erstaunlich gut Bescheid. Wir kennen jetzt mindestens zwei Versionen der Geschichte des Nahen Ostens seit der Gründung der Muslimbrüder im Jahr 1928 - die offizielle Geschichte und eine Geschichte dahinter, getrieben durch Kolonialmächte, Geld und CIA-Machenschaften. Am Abend fand das Auftaktkonzert mit einer tollen brasilianischen Band statt (siehe das obige Video).