Die Stadt zuerst für die, die dort leben

Kopenhagen gehört zu den meistbesuchten Städten Nordeuropas. Doch wie soll sich der Tourismus entwickeln, damit die dänische Hauptstadt nicht nur für ihre Gäste attraktiv bleibt, sondern vor allem für die Menschen, die dort leben? Mit dieser Frage beschäftigte sich ein Bürgerrat aus 36 Einwohnerinnen und Einwohnern.

Am 22. September 2026 übergab der „Borgersamling om Fremtidens Turisme“ seine Empfehlungen im Kopenhagener Rathaus an Kultur-, Freizeit- und Bürgerservicebürgermeister Christopher Røhl und Søren Tegen Pedersen, den Geschäftsführer der Tourismusorganisation Wonderful Copenhagen. Der 95 Seiten umfassende Bericht enthält fünf übergeordnete Empfehlungen und 31 Vorschläge für die künftige Tourismuspolitik der Stadt. 

36 Menschen beraten über den Tourismus

Im Januar 2026 verschickte die Stadt Einladungen an 40.000 zufällig ausgewählte Einwohnerinnen und Einwohner. Rund 500 von ihnen meldeten ihr Interesse an. Aus dieser Gruppe wurden 36 Personen so ausgewählt, dass sie die Kopenhagener Bevölkerung möglichst gut abbildeten.

Der Bürgerrat traf sich zwischen März und Mai 2026 zu vier jeweils vierstündigen Sitzungen. Am 14. April fand zusätzlich eine öffentliche Versammlung statt, bei der weitere Einwohnerinnen und Einwohner sowie Vertreterinnen und Vertreter aus Tourismus und Stadtentwicklung ihre Perspektiven einbringen konnten. Veranstaltet wurde das Verfahren von der Stadt Kopenhagen und Wonderful Copenhagen im Rahmen des europäischen Projekts CULTIGEN. Die Durchführung und Moderation übernahm We Do Democracy.

“Viele gute und wichtige Fragen”

Die Leitfrage lautete: Wie soll der Tourismus im Jahr 2030 aussehen, wenn er Kopenhagen zu einem besseren Ort zum Leben und Besuchen machen, die ökologische Transformation fördern, positive Begegnungen ermöglichen und die Interessen der Einwohnerinnen und Einwohner berücksichtigen soll?

Der Tourismusforscher Matias Thuen Jørgensen von der Universität Roskilde gehörte zu den Fachleuten, die den Mitgliedern Rede und Antwort standen. Er berichtete von „vielen guten und wichtigenrelevanten Fragen über die Möglichkeiten und Grenzen des Tourismus“. Das zeige, dass das Verfahren funktioniere. Es sei „ein ambitionierter demokratischer Aufbau – und das ist im Raum zu spüren“.

We Do Democracy beschrieb den Grundgedanken so: „Wir glauben, dass wir eine wesentlich bessere Hauptstadt schaffen können, wenn mehr Menschen den Raum betreten dürfen, in dem wir abwägen, wie die richtige Balance aussehen soll.“ 

Mehr Nutzen für die Stadtviertel

Der Bürgerrat fordert eine Tourismuswirtschaft, deren Einnahmen stärker den Kopenhagener Stadtvierteln und ihren Bewohnerinnen und Bewohnern zugutekommen. Die Entwicklung des Tourismus soll die Eigenart und Identität der Stadt respektieren. Klima-, Umwelt- und Nachhaltigkeitsfragen sollen nicht nachträglich ergänzt, sondern von Anfang an berücksichtigt werden. 

Zu den konkreten Vorschlägen gehören eine allgemeine Übernachtungsabgabe, ein Stopp weiterer Hotelneubauten in den innerstädtischen Bezirken København K und København V sowie ein entschiedeneres Vorgehen gegen die illegale Vermietung von Ferienwohnungen. Neue Hotels sollen höchsten Nachhaltigkeitsstandards entsprechen.

Gegen mehr Flugverkehr

Zudem spricht sich der Bürgerrat gegen einen weiteren Ausbau des Flugverkehrs am Flughafen Kastrup aus. Stattdessen soll Kopenhagen gezielt Gäste ansprechen, die mit der Bahn anreisen, und ihnen besondere Vorteile anbieten. Weitere Vorschläge betreffen die Kreuzfahrtschifffahrt, die Zahl und Ausrichtung von Souvenirläden sowie eine jährliche Veranstaltung zur neuen nordischen Klimaküche.

Bürgerratsmitglied Lars Kjerulf Petersen fasste zentrale Gedanken des Berichts so zusammen: Kopenhagen solle „in erster Linie für diejenigen da sein, die in der Stadt leben“. Nach seiner Einschätzung habe der Bürgerrat „gute grundlegende Prinzipien, Empfehlungen und Ideen“ entwickelt. Ob diese umgesetzt würden, sei allerdings „eine andere Geschichte“. 

Alltagserfahrung trifft Fachwissen

Für ihre Beratungen erhielten die Mitglieder Informationen von Fachleuten aus Tourismusforschung, Stadtentwicklung und Zukunftsforschung. Zur Expertengruppe gehörten unter anderem Carina Ren und Anette Therkelsen von der Universität Aalborg, der Zukunftsforscher Carsten Beck sowie Matias Thuen Jørgensen von der Universität Roskilde und dem Zentrum für Tourismusforschung. 

Die Mitglieder mussten ihre unterschiedlichen Erfahrungen und politischen Vorstellungen in gemeinsame Empfehlungen übersetzen. Teilnehmerinnen und Teilnehmer beschrieben bei der Übergabe gerade dies als den schönen, aber schwierigen Teil des Verfahrens: Menschen mit verschiedenen Ansichten mussten einander zuhören, ihre eigenen Positionen hinterfragen und sich schließlich auf gemeinsame Vorschläge verständigen. 

Übergabe ist noch keine Umsetzung

Christopher Røhl und Søren Tegen Pedersen hatten den Bürgerrat zu Beginn des Verfahrens gemeinsam begrüßt. Die Zukunft des Tourismus erfordere „Engagement, Dialog und gemeinsame Verantwortung – und Raum für mehr Perspektiven als jene, die in der Debatte gewöhnlich am meisten Platz einnehmen“, erklärten sie.

Die Stadt Kopenhagen und Wonderful Copenhagen haben zugesagt, mit den Empfehlungen zu arbeiten. Die Übergabe des Berichts ist jedoch kein politischer Umsetzungsbeschluss. Die vorgeschlagenen Maßnahmen – darunter Übernachtungsabgabe, Hotelstopp und Begrenzung des Flug- und Kreuzfahrttourismus – müssen erst von den jeweils zuständigen politischen und staatlichen Stellen beraten und beschlossen werden.

Damit hat der Bürgerrat keinen neuen Tourismusplan verabschiedet. Er hat vielmehr einen Maßstab formuliert, an dem sich die künftige Politik messen lassen muss: Tourismus soll der Stadt wirtschaftlich, sozial und ökologisch dienen – und Kopenhagen soll zuerst eine Stadt für die Menschen bleiben, die dort leben.

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