Für ein friedliches Miteinander in Dresden
Wie wollen wir in Dresden miteinander leben? Diese Frage stand im Mittelpunkt des Bürgerrates "Friedensstadt Dresden". An fünf Sitzungstagen kamen 50 zufällig geloste Dresdnerinnen und Dresdner zusammen, um gemeinsam Handlungsempfehlungen für ein friedliches Miteinander zu erarbeiten. In einer feierlichen Veranstaltung in der Frauenkirche am 8. Mai 2025 wurden die Bürgervorschläge Oberbürgermeister Dirk Hilbert und Mitgliedern des Stadtrates überreicht.
Gemeinsame Werte
Der Bürgerrat hat sich auf folgende Werte geeinigt:
- Frieden bedeutet nicht nur die Abwesenheit von Krieg und die alleinige Erfüllung der Grundbedürfnisse, sondern so vieles mehr.
- Frieden bedeutet für uns, ein gerechtes, sicheres und würdevolles Leben führen zu können.
- Es bedeutet respektvolle und wertschätzende Kommunikation in der Gemeinschaft. Dazu brauchen wir Mut, um Vielfalt und Kompromisse leben zu können.
- Wir begegnen uns in Empathie, um miteinander rücksichtsvoll, wertschätzend und gewaltfrei umzugehen.
Die Losversammlung fordert in ihren 107 Empfehlungen u.a. dazu auf, für friedliche Demonstrationen Gesicht zu zeigen. „Wir dürfen das Demonstrieren nicht undemokratischen und gewalttätigen Personen überlassen, sondern wollen Demonstrationen aktiv positiv gestalten“, heißt es im Bürgergutachten der Zufallsbeteiligten.
Verhaltenskodex für Demonstrationen
Zivilgesellschaftliche Organisationen, die sich für ein gutes politisches Miteinander einsetzen, sollen deshalb einen Verhaltenskodex für Demonstrationen entwickeln und diesen „Demonstrationsknigge“ verbreiten. Das demokratische Rahmenprogramm bei Demonstrationen soll so gestaltet werden, dass es die Atmosphäre der Veranstaltung positiv beeinflusst. Mit einem Demokratiefest könnten „positive Gefühle und Bilder“ erzeugt werden.
Während laufender Demonstrationen könnten digitale Mitdemonstrantinnen und -demonstranten im Stadtbild sichtbar gemacht werden, zum Beispiel durch Projektionen an Gebäuden. Auch rein digitale Demonstrationen sind für den Bürgerrat denkbar.
Allen Dresdnerinnen und Dresdnern müsse es möglich sein, ohne Angst vor Übergriffen und ohne Vorbehalte an Demonstrationen teilzunehmen. Dafür müsse eine hohe Präsenz von Sicherheitskräften und ein schnelles Eingreifen der Polizei bei Übergriffen und Gewaltandrohung sichergestellt werden.
Ablehnung von Gewalt
Gewalt gegen politisch engagierte Personen dürfe nicht unkommentiert stehengelassen werden. Die Losversammlung regt deshalb die Erstattung von Anzeigen, Leserbriefe, Demonstrationen oder Social-Media-Beiträge dagegen an.
Dresden braucht nach Meinung der Bürgerrat-Mitglieder mehr Räume für die Begegnung zwischen unterschiedlichen Gruppen. Dafür empfehlen die Zufallsbeteiligten, „in Berührung zu treten mit anderen Kulturen, beispielsweise durch Sport oder Musik, oder auch auf Spielplätzen“. Dieser Appell richtet sich „an die Landeshauptstadt Dresden, an die vielfältigen Organisationen in der Stadt, an Schulen, Kitas, Religionsgemeinschaften und alle Einzelpersonen“.
Bei städtischen oder von Vereinen organisierte Abendessen sollen sich „interessierte Familien und Einzelpersonen mit und ohne Migrationshintergrund im kleinen Kreis nach dem Zufallsprinzip kennenlernen und gegenseitig zum Abendessen einladen“. Mit verschiedenen Maßnahmen soll die Geschlechtergerechtigkeit gestärkt und Menschen mit Behinderungen mehr Teilhabe ermöglicht werden.
Sensibilisierungskampagnen
Die Bürgerrat-Mitglieder wünschen sich eine stärkere Sensibilisierung der Öffentlichkeit für die Bedürfnisse einsamer, älterer oder hilfsbedürftiger Personen etwa durch städtische Kampagnen. Gleiches gilt für die Stärkung der Zivilcourage.
Um den Zusammenhalt zu stärken, empfiehlt der Bürgerrat, „Brückenbauer“ zwischen den Menschen zu fördern. Genannt werden Zuständige und Ansprechpartner für Stadtteilarbeit, zum Beispiel Sozialarbeiter, Stadtteilmanager, Ansprechpartner in Wohngenossenschaften. Auch sollten digitale Möglichkeiten zur Vernetzung in der Nachbarschaft genutzt werden.
In der Friedensstadt Dresden brauche es vorbeugende Maßnahmen, um Gewalt, Bedrohung und Kriminalität im öffentlichen Raum einzudämmen. Dazu gehören für den Bürgerrat eine bessere Straßenbeleuchtung und eine bessere Videoüberwachung an ausgewählten Plätzen und im öffentlichen Nahverkehr. Genannt werden auch der Einsatz von Streitschlichtern der Sächsischen Sicherheitswacht, als langfristige städtebauliche Maßnahme, eine bessere soziale Durchmischung in der Stadt und eine Belebung öffentlicher Plätze.
Mehr Sicherheit im öffentlichen Raum
Die Sicherheit im öffentlichen Raum soll durch Maßnahmen wie öffentliche Notrufsysteme, Buzzer und Schutzräume erhöht werden. Ängsten ist nach Meinung des Bürgerrates u.a. mit Resilienz-Trainings zu begegnen. Vorgeschlagen wird, bestehende Konfliktberatungsstellen besser zu kennzeichnen und zu bewerben und eine umfassende Aufklärung zum Thema sexuelle Belästigung anzugehen.
Bei großen Bauvorhaben fordert die Losversammlung eine frühzeitige Bürgerbeteiligung, etwa beim Wiederaufbau der im September 2024 eingestürzten Carolabrücke. Mit verschiedenen Maßnahmen soll die Sicherheit im Dresdner Straßenverkehr erhöht werden. „Klare und breit bekannte Regulierungen und höhere Geldstrafen können als Erziehungsmaßnahmen dafür sorgen, dass verkehrsbehinderndes Verhalten vermindert wird“, heißt es im Bürgergutachten.
Der Bürgerrat beklagt auch die Verdrängung von einkommensschwächeren Menschen und Familien aus der Stadt durch steigende Mieten. Durch bezahlbaren Wohnraum, alternative Wohnmodelle und ein gemeinschaftsförderndes und naturbelassenes Wohnumfeld könne ein friedliches Miteinander unterschiedlicher Menschen sowie die Vernetzung von Familien gefördert werden. Lärmkonflikte sollen u.a. durch Lärmschutzmaßnahmen und Dialogforen gelöst werden.
Digitale Menschenkette
Das Gedenken an die Opfer des Zweiten Weltkriegs betreffend kann eine digitale Plattform nach Auffassung des Bürgerrates eine faktenbasierte Auseinandersetzung fördern und eine ganzjährige Teilnahme am Gedenken an den 13. Februar durch mehr Menschen ermöglichen. Am 13. Februar 2045 starben bei Luftangriffen auf Dresden bis zu 25.000 Menschen.
Das Angebot soll die bisher bestehende Menschenkette ergänzen. Die Stadt soll deshalb eine neue Internetseite zur digitalen Menschenkette aufzubauen, auf der die historischen Fakten und Quellen zum 13. Februar und die Opferzahlen eingebettet werden. Auf der Website soll ein Diskussionsforum eingerichtet werden, das den konstruktiven Austausch zum Thema ermöglicht.
Dresden als Friedensstadt etablieren
Nicht zuletzt sollten Veranstaltungen und Einrichtungen dazu genutzt werden, Dresden lokal, national und international als Friedensstadt zu etablieren. „Dazu gehört für uns, Partnerschaften und Netzwerke aufzubauen und auszuweiten sowie Dresden als Friedensstadt sichtbarer zu machen“, schreiben die Bürgergutachterinnen und -gutachter.
Die Vorschlagsliste der Bürgerrat-Mitglieder endet mit der Erklärung „Uns ist die Ehre zugekommen, am Bürgerrat Friedensstadt teilzunehmen. Die Erfahrungen waren so konstruktiv, dass wir uns weitere Bürgerräte wünschen.“
3.000 Menschen eingeladen
Für den Bürgerrat "Friedensstadt Dresden" wurden 3.000 zufällig ausgewählte Einwohnerinnen und Einwohner der Stadt angeschrieben und zur Teilnahme eingeladen. Aus den 183 Rückmeldungen wurde eine Gruppe von 50 Personen gebildet, die die Vielfalt der Stadtgesellschaft widergespiegelt hat - mit Menschen unterschiedlicher Altersgruppen, Bildungshintergründe und Lebensbiografien sowie aus verschiedenen Stadtteilen. Damit wurden viele Sichtweisen und Erfahrungen eingebunden.
Der Bürgerrat war am 7./8. März erstmals zusammengetreten. Weitere Bürgerrat-Sitzungstage folgten am 19., 28. und 29. März.
Diskussion im Stadtrat
Der Dresdner Stadtrat hatte am 28. August 2025 über die Empfehlungen des Bürgerrates "Friedensstadt Dresden" diskutiert. Dabei lobten die Grünen den Bürgerrat als Instrument für Bürgerbeteiligung, das es auch in Zukunft geben sollte. Der Stadtrat solle die Vorschläge ernst nehmen.
Manche Vorschläge seien gut gemeint, aber fragwürdig, so die FDP/FB-Fraktion. Etwa der Ausbau der Videoüberwachung. Das Gremium sei nicht repräsentativ und demokratisch legitimiert. Man werde aber Impulse mitnehmen. Auch die AfD kritisierte die Auswahl der Gruppe, sprach von "linksliberalen und grün angehauchten Themen". Einzelmaßnahmen zur Sicherheit bekämpften zudem die Ursache nicht.
Empfehlungen fuhren Straßenbahn
Die Stiftung Frauenkirche Dresden hat zu den Themen und Empfehlungen des Bürgerrates Veranstaltungen organisiert und Beteiligte, Experten, Verantwortliche und Interessierte eingeladen, an den Ideen und deren konkreten Umsetzung weiterzudenken. Mit dem Demokratieprojekt metro_polis wurden in den Straßenbahnen der Stadt Dresden die Empfehlungen des Bürgerrates in die Stadt hineintragen und Rückmeldungen eingesammelt.
Die Erfahrungen aus diesem Bürgerrat sollen genutzt werden, um weitere Beteiligungsformate zu entwickeln und langfristig zu etablieren und im besten Falle einen weiteren Bürgerrat auf den Weg zu bringen.