Was wollen wir morgen essen?

In Polen haben ausgeloste Bürgerinnen und Bürger darüber beraten, wie gesundes und umweltfreundliches Essen zur Normalität werden könnte. Ihre Vorschläge sind erstaunlich konkret. Doch ausgerechnet die Regierung, an die sie sich richten, hatte den Bürgerrat nicht bestellt.

Es gibt Fragen, die klingen zunächst nach Privatsache. Was kommt heute auf den Teller? Kaufe ich Bio oder konventionell? Fleisch oder Gemüse? Im Supermarkt oder auf dem Wochenmarkt? Und wie viel darf gutes Essen kosten?

Dann beginnt man, diese Fragen ein wenig weiterzuverfolgen, und plötzlich führen sie mitten in die Politik. Zu Pestiziden und Antibiotika, Schulessen und Landwirtschaft, Lebensmittelkontrollen und Werbung, Subventionen und Verpackungsmüll. Zu der Frage also, wer eigentlich darüber entscheidet, welches Essen billig und überall verfügbar ist – und welches nicht.

Essen ist politisch

In Polen hat sich im Frühjahr 2024 eine Gruppe von Bürgerinnen und Bürgern genau damit beschäftigt. Die Frage, die ihnen gestellt wurde, war groß: Wie kann erreicht werden, dass die Menschen in Polen bis 2030 hochwertige Lebensmittel essen, die umweltfreundlich hergestellt werden? 

Es war der zweite landesweite Bürgerrat dieser Art in Polen. Und er fand zu einem bemerkenswerten Zeitpunkt statt. Im Frühjahr 2024 protestierten polnische Landwirtinnen und Landwirte gegen Teile der europäischen Umweltpolitik. Straßen wurden blockiert, Traktoren rollten durch Warschau. Kaum ein Politikfeld zeigte deutlicher, wie schwer es ist, Klimaschutz, bezahlbare Lebensmittel und die wirtschaftlichen Interessen der Landwirtschaft zusammenzubringen. Das Forschungsinstitut RIFS, das das europäische Projekt REAL DEAL wissenschaftlich begleitet, sieht gerade wegen dieser Proteste eine besondere politische Bedeutung des Bürgerrates. 

Ein kleines Polen in einem Raum

65 Menschen wurden landesweit ausgewählt. Die Gruppe sollte Polen nach Geschlecht, Alter, Bildung und Wohnort möglichst gut abbilden. Fachwissen mussten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nicht mitbringen. Dafür gab es Fachvorträge, die Möglichkeit zu Nachfragen und zusätzliche Informationen zwischen den beiden Beratungswochenenden. 

Beim zweiten Treffen Mitte Juni änderte sich ihre Rolle. Nun sollten die Bürgerinnen und Bürger selbst Vorschläge entwickeln, Argumente gegeneinander abwägen und entscheiden, welche Lösungen sie für sinnvoll hielten. Nur Vorschläge, die mindestens 80 Prozent Zustimmung erhielten, wurden zu Empfehlungen des Bürgerrates. 32 Vorschläge übersprangen diese ungewöhnlich hohe Hürde.

Mateusz Wojcieszak, der Vorsitzende der organisierenden Stiftung Pole Dialogu, beschreibt den besonderen Wert solcher Verfahren grundsätzlich so: Menschen lernten nicht nur neue Dinge. Für ihn sei noch wichtiger, dass sie wieder anfingen, „an die Demokratie zu glauben“. Untersuchungen von Bürgerräten zeigten, dass Menschen nach solchen Verfahren eher davon überzeugt seien, mit anderen sprechen zu können, auch wenn diese völlig andere politische Ansichten hätten. 

Mehr Kontrolle, nicht weniger

Die beiden Empfehlungen mit der höchsten Zustimmung erhielten jeweils 96,2 Prozent. Die eine verlangt mehr Ernährungsbildung und eine stärkere Förderung hochwertiger und ökologisch erzeugter Lebensmittel. Die andere fordert strengere staatliche Vorgaben für herkömmlich erzeugte Lebensmittel – insbesondere bei Rückständen von Pestiziden, Düngemitteln, Antibiotika und anderen möglicherweise gesundheitsschädlichen Stoffen. 

94,2 Prozent verlangten häufigere und umfassendere Lebensmittelkontrollen. Die Ergebnisse sollten veröffentlicht werden. 92,3 Prozent wollten strengere Kontrollen der Lebensmittelkennzeichnung und höhere Strafen bei Verbrauchertäuschung. Ebenso viele verlangten steuerliche Erleichterungen für Lebensmittelspenden an Bedürftige. 

Der Staat soll hinschauen

Das Bild, das daraus entsteht, ist bemerkenswert. Die Bürgerinnen und Bürger wollten nicht in erster Linie den einzelnen Menschen erziehen, damit er vor dem Supermarktregal die moralisch richtige Entscheidung trifft. Sie wollten die Bedingungen verändern, unter denen diese Entscheidung getroffen wird.

Das lässt sich schon an der Sprache ihrer Empfehlungen erkennen. Eine der am stärksten unterstützten Forderungen beginnt mit den Worten: „Ich empfehle dringend“, dass die zuständigen Ministerien die Vorschriften für die Qualität herkömmlicher Lebensmittel verschärfen. Dabei sollen nicht nur einzelne Pestizide betrachtet werden, sondern auch deren Zusammenwirken. 

Essen lernen

Besonders wichtig war den Bürgerinnen und Bürgern die Schule. 92,3 Prozent stimmten dafür, Kindern bereits in Kindergärten sowie Grund- und weiterführenden Schulen mehr über gesunde Ernährung und die Herstellung von Lebensmitteln beizubringen. Dazu könnten Schulgärten gehören: säen, ernten, Lebensmittel verarbeiten, vielleicht die Erzeugnisse auf einem Schulfest verkaufen. 

Eine weitere Empfehlung geht noch einen Schritt weiter. Schulen sollten eine Ernährung erproben, die nicht nur gesund, sondern auch möglichst schonend für die Umwelt ist. Dafür sollen zunächst Modellvorhaben eingerichtet werden. Und öffentliche Einrichtungen sollen ihre Marktmacht nutzen: Kindergärten, Schulen und andere Gemeinschaftsküchen sollten beim Einkauf stärker auf ökologische Lebensmittel und Erzeugnisse aus der Umgebung setzen. 

So wird aus dem Mittagessen in einer Schulkantine plötzlich Landwirtschaftspolitik.

Nicht gegen die Landwirtschaft

Der Bürgerrat verlangte allerdings nicht einfach höhere Anforderungen an die Landwirtschaft. Viele seiner Empfehlungen drehen sich darum, wie Landwirtinnen und Landwirte bei einer Veränderung unterstützt werden könnten.

Kleine Familienbetriebe und Ökohöfe sollen finanziell und bei der Vermarktung unterstützt werden. Regionale Märkte und Markthallen sollen gestärkt und damit die Wege zwischen Erzeugerinnen und Erzeugern und Verbraucherinnen und Verbrauchern verkürzt werden. Für umweltfreundliche Technik soll es mehr finanzielle Unterstützung geben. Landwirtinnen und Landwirte, die auf biologische Pflanzenschutzverfahren und andere Verfahren mit weniger Chemie umstellen, sollen ebenfalls Hilfe bekommen. 

Ein Land im Streit um seine Bauern

Wie empfindlich dieses Thema in Polen ist, zeigte sich genau zur Zeit des Bürgerrates. Landwirtschaftsminister Czesław Siekierski lobte im Juni 2024 die Entwicklung der polnischen Landwirtschaft seit dem EU-Beitritt. Man könne sehen, sagte er, „wie gut die polnischen Landwirte die Chance genutzt haben“, die ihnen die gemeinsame europäische Agrarpolitik geboten habe. Polen habe trotz vieler Schwierigkeiten eine starke Stellung in Europa und weltweit erreicht.

Die Empfehlungen des Bürgerrates stehen deshalb nicht einfach für einen ökologischen Umbau gegen die Landwirtschaft. Eher suchen sie nach einem Tauschgeschäft: höhere Anforderungen an Lebensmittel und Umwelt – aber zugleich mehr Unterstützung für diejenigen, die diese Lebensmittel herstellen.

Auch die Forschung soll mehr Geld erhalten. Die verschiedenen Beratungs- und Forschungseinrichtungen sollen besser zusammenarbeiten, damit Wissen leichter bei den Betrieben ankommt. Und die Vorschriften für die Verarbeitung von Lebensmitteln direkt auf Bauernhöfen sollen vereinfacht werden. 

Wem kann man beim Einkauf vertrauen?

An mehreren Stellen zieht sich ein weiterer Gedanke durch die Empfehlungen: Der Staat soll dafür sorgen, dass Menschen Lebensmitteln vertrauen können.

Die Bürgerinnen und Bürger wünschen sich ein verständliches Gütesystem, staatliche Informationen über Biolebensmittel und hochwertige Produkte sowie eine wirksamere Lebensmittelüberwachung. Auch die Verschreibung von Antibiotika in der Tierhaltung soll stärker kontrolliert werden. 

Weil selbst die beste Kennzeichnung wenig nützt, wenn niemand sie versteht, schlagen sie ein einheitliches, leicht lesbares Kennzeichnungssystem vor. Denkbar wäre auch eine Anwendung für das Smartphone, mit der Verbraucherinnen und Verbraucher Informationen über ein Lebensmittel einfach abrufen können. 

Was uns zum Kaufen bringt

Die Bürgerinnen und Bürger beschäftigten sich nicht nur damit, was hergestellt wird. Sondern auch damit, was Menschen zum Kaufen bringt. Sie forderten gesetzliche Beschränkungen für Werbung für stark verarbeitete Lebensmittel. Eine weitere Empfehlung verlangt eine Kampagne für Obst und Gemüse, das zwar nicht den üblichen Schönheitsvorstellungen des Handels entspricht, aber vollkommen genießbar ist. 

Gegen Lebensmittelverschwendung soll außerdem moderne Technik helfen. Eine kostenlose Anwendung könnte Einkäufe planen, an Ablaufdaten erinnern und Informationen über Herkunft, Zusammensetzung und Umweltverträglichkeit liefern. Verpackungen sollen wiederverwendbar, biologisch abbaubar oder aus anderen umweltschonenderen Stoffen hergestellt werden. 

Man kann über jeden dieser Vorschläge streiten. Über Kosten, Vorschriften, Zuständigkeiten und darüber, wie viel der Staat Menschen und Unternehmen vorschreiben sollte. Aber gerade das macht das Ergebnis interessant: Diese Forderungen stammen nicht aus dem Programm einer Umweltorganisation. Sie stammen von einer ausgelosten Gruppe polnischer Bürgerinnen und Bürger.

Und was macht die Politik damit?

Hier beginnt das eigentliche Problem dieses Bürgerrates. Er wurde nicht von der polnischen Regierung und nicht vom Parlament in Auftrag gegeben. Organisiert wurde er von der Stiftung Pole Dialogu gemeinsam mit dem Institut für nachhaltige Entwicklung und dem europäischen Forschungsverbund REAL DEAL. Der Bürgerrat hatte keine förmliche Verbindung zur polnischen Regierung oder zum Parlament. 

Das unterscheidet ihn von Bürgerräten, bei denen eine Regierung schon vor der Auslosung verspricht, sich mit den Ergebnissen zu beschäftigen. Die Organisatoren kündigten lediglich an, den Bericht mit den Abstimmungsergebnissen und Empfehlungen an Politikerinnen und Politiker sowie Medien weiterzugeben. 

Eine Stimme ohne Auftraggeber

Das ist nicht nur ein polnisches Problem. Es berührt eine Grundfrage von Bürgerräten: Was nützt die sorgfältigste Beratung, wenn niemand verpflichtet ist, auf das Ergebnis zu antworten?

65 Menschen werden ausgelost. Sie verbringen Wochen damit, sich Wissen anzueignen. Sie hören einander zu, wägen Interessen ab und einigen sich mit Mehrheiten von mehr als 80, manchmal mehr als 90 Prozent auf Vorschläge. Und am Ende hängt ihre politische Wirkung davon ab, ob jemand in einem Ministerium beschließt, ihnen zuzuhören.

Wojcieszak von Pole Dialogu sieht in solchen Verfahren trotzdem etwas, das über die einzelnen Empfehlungen hinausgeht. Menschen lernten dabei, dass ein Gespräch mit jemandem möglich sei, „der andere, unterschiedliche Ansichten“ habe. Für ihn liegt darin eine Wirkung auf die Demokratie selbst.

Zwischen Ernährung und Sicherheit

Die politische Debatte ging unterdessen weiter. Landwirtschaftsminister Siekierski rückte Ende 2024 einen anderen Begriff in den Mittelpunkt: Ernährungssicherheit. Sie sollte nach seinen Worten zu den Grundlagen der polnischen EU-Ratspräsidentschaft 2025 gehören. 

Auch der Warschauer Bürgermeister Rafał Trzaskowski sprach im November 2024 über eine neue Lebensmittelpolitik. Menschen in den Großstädten wollten ebenfalls gesunde polnische Produkte zu erschwinglichen Preisen, sagte er. Polen brauche eine vernünftige Lebensmittelpolitik, bei der Produkte möglichst „vom Feld auf den Tisch“ gelangen, ohne unnötige Zwischenstationen. 

Das klingt erstaunlich ähnlich wie manche Empfehlung des Bürgerrates: regionale Kreisläufe, kürzere Wege, gute Lebensmittel, wirtschaftliche Sicherheit für die Landwirtschaft. Einen Beleg dafür, dass Trzaskowski oder die Regierung diese Positionen wegen des Bürgerrates übernommen hätten, gibt es allerdings nicht.

Eine Demokratie auf Probe

Polen hat inzwischen einige Erfahrung mit Bürgerräten. Städte wie Gdańsk, Warschau, Kraków oder Rzeszów haben ausgeloste Bürgerinnen und Bürger über politische Fragen beraten lassen. Auf nationaler Ebene bleibt das Verfahren dagegen jung. Der Bürgerrat zur Lebensmittelpolitik war erst der zweite landesweite Bürgerrat des Landes. 

Vielleicht liegt darin die wichtigere Geschichte dieses Bürgerrates. Über Ernährung wird in Polen wie anderswo meist zwischen organisierten Interessen gestritten: Landwirtschaft, Lebensmittelwirtschaft, Umweltverbände, Handel, Verbraucherorganisationen, Ministerien. Jede Seite kennt ihre Zahlen, ihre Argumente und ihre roten Linien.

Der Bürgerrat fügte dieser Runde eine Gruppe hinzu, die normalerweise nicht gemeinsam am Tisch sitzt: Menschen, die Lebensmittel kaufen, essen und bezahlen.

Was bleibt?

Das Ergebnis ist weder besonders radikal noch besonders zaghaft. Die Bürgerinnen und Bürger verlangen strengere Kontrollen, weniger Pestizide und Antibiotika, bessere Kennzeichnungen, mehr ökologische Landwirtschaft und eine andere Ernährung in Schulen. Zugleich wollen sie kleine Bauernhöfe unterstützen, regionale Märkte stärken und den Umbau der Landwirtschaft staatlich fördern. 

Darin steckt vielleicht die interessanteste Erkenntnis des Experiments. In der öffentlichen Auseinandersetzung erscheinen Umweltschutz, günstiges Essen und die Interessen der Landwirtschaft häufig als Gegensätze. Die ausgelosten Bürgerinnen und Bürger versuchten stattdessen, sie zusammenzudenken.

Ob daraus Politik wird, entscheidet allerdings nicht der Bürgerrat.

Und so endet das Experiment mit einer Frage, die weit über das Essen hinausgeht: Was geschieht, wenn Bürgerinnen und Bürger Zeit bekommen, sich gründlich mit einem politischen Problem zu beschäftigen – und die Politik anschließend nicht verpflichtet ist, ihnen zuzuhören?

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