Hamburg: "Endlich finde ich jemand, wo ich unterschreiben kann..."

In unserem Sammlertagebuch erfahren Sie, wie die Stimmung in der Stadt eine lange Unterhose ersetzt - und warum das Wahlrecht unbedingt geändert werden muss.

10:30 Niendorfer Markt Hamburg

Premiere: mein erster Tag als Aktionsurlauberin... Nachdem mich die Stadt gestern mit Sonne und frühlingshaften Temperaturen empfangen hat, ist es heute windig und kühl und ich bereue schon fast, nicht die allseits empfohlene lange Unterhose angezogen zu haben. Doch dann kommen die erste Leute auf MICH zu „Endlich finde ich jemanden, wo ich unterschreiben kann“ – eine völlig neue Erfahrung…Die Briefe mit Flyern und weiteren Unterschriftenlisten gehen weg wie warme Semmeln. Die gefühlte Temperatur steigt. Ein älteres Ehepaar kommt mir entgegen. "Moin" rufe ich ihnen entgegen (das hab ich mir von den anderen Sammlern abgeschaut) "Haben Sie schon unterschrieben fürs Wahlrechts-Volksbegehren?" "So ein Quatsch" murmelt die Frau und zieht den Mann weiter. Wenige Sekunden später steht der ältere Herr wieder vor mir. "Wahlrecht? Na klar unterschreib ich da. Das wollte ich schon die ganze Zeit. Meine Frau hatte Sie nicht richtig verstanden." Seine Begleitern in guckt noch etwas skeptisch, lässt sich aber schließlich doch überzeugen. Die beiden nehmen noch eine Liste für ihre Bekannten mit. Die gefühlte Temperatur steigt weiter.

 

13:oo Uhr immer noch Niendorfer Markt

Es nieselt und meine Unterschriftenlisten wellen sich. Trotzdem bleiben immer wieder Leute stehen. "Ich war selbst Wahlhelfer bei der letzten Wahl", erzählt mir ein älterer Mann (heute ist bei mir Seniorentag) und ist wirklich empört. "Da hab ich gesehen, wie das läuft bei der Stimmauszählung. Immer wieder kam derselbe Name und dann kam doch jemand mit weniger Stimmen rein." Natürlich gibt es auch Absagen und den Standardspruch "Hat doch eh alles keinen Zweck. Die machen doch was sie wollen." Einmal passiert es mir, dass sich zwei Passanten in ein solches Gespräch einmischen. "Wollen Sie wirklich alles die da oben entscheiden lassen? Oder wollen sie Volksbegehren und mehr Mitbestimmung?" fragen sie provozierend die Frau, die gerade eilig an mir vorbeigerannt ist. Und brechen eine Diskussion mit ihr vom Zaun. Ein gutes Gefühl, wenn die Leute erkennen, dass es hier nicht um irgendeine Kampagne geht, sondern um ihren eigenen Alltag. Am schönsten ist es, wenn man jemanden von den "Keinen-Zweck"-Leuten überzeugen kann. "Also ich glaub ja nicht dran...", murmelt eine ebenfalls nicht mehr ganz junge Dame, bleibt aber trotzdem stehen und hört sich an, was ich über die jetzt verbindlichen Volksentscheide erzähle. "Na ja", meint sie, "ist wohl besser, ich unterschreib. Sonst ärgert man sich dann." Ich freue mich. "Und irgendjemand muss ja was tun", ruft sie mir nach.

16:30 U-Bahnhof Wandsbek

Zusammen mit Murat spreche ich die vorbeirauschenden Leute an. "Ey Meister" sagt einer (das kling für meine Berliner Ohren lustig, scheint aber in Hamburg so zu sein) und kommt auf Murat zu, um bei ihm zu unterschreiben. Ich habe derweil zwei Jungs aus Schleswig-Holstein erwischt. Ob sie wahlberechtigte Leute aus Hamburg kennen, frage ich und drücke ihnen zwei unserer "Wundertüten" in die Hand. "Ja klar, gib her, die geben wir in der Schule rum. Und viel Erfolg!"

18:00 Hostel Instant Sleep

Mit kalten Füßen und glühenden Gesichtern trudeln die Aktionsurlauber wieder ein. Die Stimmung ist super. Bei den meisten lief es gut, manche haben über 40 Unterschriften pro Stunde gesammelt. Der Sammelrekord vom letzten Samsatg (2.571) ist geknackt. Erschöpft aber zufrieden lasse ich mich auf das mit Sandwitches und Unterschriftenlisten bepackte Sofa fallen, Laptotp auf dem Schoß, und beginne zu tippen...

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