Hamburg: Stinte, St. Pauli und neue Erkenntnisse...

Unsere Aktionsurlauber kommen an neue Orte, lernen neue Speisen kennen und erkennen neue Weisheiten. All dies in dieser Folge des Aktionsurlauber-Tagebuches von Anne Dänner.

Es ist schon erstaunlich, wohin einen die direkte Demokratie so verschlägt. In meinem Fall war es heute das St.Pauli-Stadion. Fast hätte ich dort mein erstes Fußballspiel erlebt - meine Gastgeberin Astrid, bei der ich seit gestern wohne, hatte eine der begehrten Karten zu verschenken. Aber die habe ich dann doch lieber einer anderen Aktionsurlauberin überlassen, die sicher sagen kann, welche Mannschaft auf welches Tor schießt. Statt drinnen zu jubeln (oder auch zu fluchen, denn St. Pauli hat 3:0 verloren) habe ich draußen geschrieen: "Volksbegehren…Schon unterschrieben fürs Volksbegehren…Faires Wahlrecht für Hamburg…Volksbegehren." Und habe mich mutig dem Strom der langhaarigen und schwarzgekleideten Menschen entgegengestellt, die aus der U-Bahn Richtung Stadion strömten. Und siehe da: Astrids Loblied auf die toleranten und politisch interessierten und überhaupt ganz tollen St. Pauli-Fans hat sich bestätigt. Wenn man mitten in die Rockergruppe hineinrief, blieben immer zwei bis drei Leute, die einem mit freundlichem "Na dann gib mal her" das Klemmbrett aus der Hand nehmen. Ein langhaariger Bierflaschenträger läuft mir sogar nach: "Hey, Du hast mich vergessen. Oder soll ich nicht unterschreiben?" Da sag ich natürlich nicht Nein.

Während des Spiels wärmen wir uns im Café auf. Und Stefan gelingt es, die etwas skeptische, aber äußerst freundliche Kellnerin zu überzeugen, dass direkte Demokratie nicht so gefährlich ist, wie es scheint. Sie unterschreibt bei ihm. Eine Gruppe Jungs vom Nachbartisch mit Perücken und Radlerhosen, die offensichtlich gerade Junggesellen-Abschied feiern, rufen uns zu, sie hätten auch schon und wünschen viel Glück.

Leider macht sich heute ein kühler Hamburger Wind bemerkbar, so dass wir Aktionsurlauber alle mehr oder weniger durchgefroren sind. Gegen Abend fängt es an zu hageln, dann fallen mal zur Abwechslung ein paar Tropfen. Wir geben nicht auf und versuchen es in den Kneipen, wo die Fans die Niederlage gegen Greuther Fürth verarbeiten. Zwischen Bier und Rauchbarem aller Art gelingt es uns noch, ein paar Unterschriften zu sammeln. Und wieder gibt es Niedersachsen und Schleswig-Holsteiner, die bedauern, dass sie nicht unterschrieben dürfen. Was mir wiederum zeigt, dass es wirklich Zeit wird für bundesweite Volksentscheide…) Dann geht es zurück ins Hostel, anschließend verschlägt uns die direkte Demokratie an einen weiteren ungewöhnlichen Ort. Den Wasserturm in Moorburg, wo wir mit ca. 60 anderen Direktdemokraten Stinte essen gehen. Für alle, die etwas ferner von der Waterkant aufgewachsen sind: Es handelt um gebackene und äußerst köstliche kleine Fische, die man quasi komplett ist (entgegen anders lautender Gerüchte allerdings ohne Kopf). Manfred verkündet derweil den momentanen Unterschriftenstand: 40.000. Es ist knapp, wir müssen jetzt um jede Unterschrift kämpfen. Es wäre ja eine Schande, wenn die CDU für ihren Wahlrechtsraub auch noch durch ein gescheitertes Volksbegehren belohnt würde. Also auf zur morgigen Pressekonferenz und zum Straßeneinsatz - verstärkt durch neue Aktionsurlauber, die sich ganz spontan auf den letzten Newsletter gemeldet haben. Mit den vielen Hundert Menschen im Rücken, die uns auf der Straße Glück wünschen ("Ich hoffe auch, dass es endlich klappt") und versprechen, die schon lange zu Hause liegenden Unterschriftenlisten jetzt endlich zurückzuschicken, kann es eigentlich gar nicht schief gehen.

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