Interview: Der ägyptische Frühling
Die Bilder vom Protestcamp am Tahrir Platz in Kairo sind um die Welt gegangen. In nur 18 Tagen haben Demonstranten ein Regime gestürzt und somit ihre Forderung nach Demokrtaie geltend gemacht. Wir haben mit M. Boktor gesprochen, der in Kairo lebt und an den Protesten teilgenommen hat. M. Boktor teilt mit uns seine persönliche Erfahrung und seine Bedenken für die Zukunft.
Wie haben Sie zuerst auf die Proteste reagiert?
Für mich persönlich waren die Proteste keine große Überraschung. In den letzten fünf Jahren hat sich die wirtschaftliche Situation zunehmend verschlechtert. Korruption war allgegenwärtig; insbesondere in der Politik und Wirtschaft. Natürlich hatte die Bevölkerung bald genug! Wir haben eingesehen, dass die Regierung den Bürgern gegenüber in der Pflicht steht; die Regierung muss unsere Rechte respektiert und unsere Forderungen wahr nehmen. Das Regime hat unsere Würde jedoch lange Zeit mit Füßen getreten! Wir haben uns entschlossen zu kämpfen. Über Jahrzehnte hinweg wurde unser Land geführt als wäre es ein wirtschaftliches Unternehmen. Politiker haben alle sozialen Aspekte ignoriert und sich nur auf persönlichen Profit konzentriert. Damit sollte Schluss sein; deswegen sind wir auf die Straße gegangen und haben unseren Zorn gezeigt.
Man darf natürlich die Geschehnisse in Tunesien nicht außer Acht lassen. Die tunesische Bevölkerung ist auf die Straße gegangen, um ihre Wut zum Ausdruck zu bringen. Die Bürger hatten Erfolg: nach einem Monat der Proteste wurde die Regierung gestürzt! Eine große Inspiration, die meiner Meinung nach viele Ägypter veranlasst hat, Proteste zu organisieren.
Wie haben Sie die Proteste erlebt? Was ist ihre beste Erinnerung an die Revolution?
Die Revolution hat viel Kraft und Willen gekostet, jedoch waren die Menschen bereit, Opfer zu leisten. Der Sturz Mubaraks ist zweifellos der Höhepunkt der Revolution gewesen; wir haben unsere Hauptforderung durchgesetzt! Sobald sich die Nachricht auf den Straßen herum gesprochen hat, ist eine unbeschreibliche Freunde ausgebrochen. Überall konnte man strahlende Gesichter sehen. Wir haben die ganze Nacht lang gefeiert.
Natürlich war auch ich erfreut über den Sturz Mubaraks, jedoch begann ich bald, mir Sorgen zu machen. Ich gehöre einer Minderheit an; oft ein Erschwernis im nahen Osten. Ich habe Angst, dass sich eine Theokratie, ein Gottesstaat entwickeln wird. In diesem System werden Minderheiten häufig unterdrückt. Der Sturz Mubaraks hat zwar eine Diktatur beendet; es gibt jedoch keine Garantie, dass sich nun eine stabile Demokratie entwickeln wird. Eine Revolution muss einer Evolution ähneln: das System muss sich verbessern. Diese Aufgabe ist jedoch weitaus schwieriger als die Revolution an sich.
Inwieweit hat die Revolution das alltägliche Leben beeinflusst? Was hat sich verändert?
Ich glaube die Bevölkerung ist durch einen gemeinsamen Gedanken vereint: Wir sind stolz auf unsere Revolution! Wir gehen mit hoch erhobenen Hauptes durch die Straßen. Es ist eine Genugtuung, dass viele Amtspersonen sich nun vor Gericht verantworten müssen. Nach all den Verbrechen werden die Täter endlich zur Verantwortung gezogen; das Vertrauen in unser Land wird somit ein wenig gestärkt. Es ist zudem sehr wichtig, dass Mubarak und seiner Familie der Prozess gemacht wird. Ägypten will ein Schlussstrich unter seine Amtszeit ziehen. So werden zum Beispiel staatliche Gebäude, die seinen Namen tragen, umbenannt. Das selbe gilt für Einrichtungen, die nach seiner Ehefrau benannt sind.
Meiner Meinung nach ermöglicht dieses neue Vertrauen eine stärkere Bürgerbeteiligung. Das Konzept der ehrenamtlichen Arbeit ist für die meisten Ägypter noch recht neu, aber es wird immer mehr angenommen. Als wir auf dem Tahrir-Platz ein Protestcamp errichtet haben, war ehrenamtliches Engagement sehr wichtig: Wir haben uns selbst organisiert und so den Platz strukturiert und sauber gehalten. Dieser Gedanke wurde in den Alltag übernommen; zum Beispiel fegen Leute nun selbst die Straßen. Bürger zeigen einen größeren Willen einen öffentlichen Raum zu schaffen. Auf diese Weise treten Bürger auch verstärkt in Kontakt.
Glauben Sie, dass sich in Ägypten eine Demokratie abzeichnen wird? Inwiefern unterstützen Bürger diese Entwicklung?
Ich denke, dass das ägyptische Volk eine Demokratie herbeisehnt. Jedoch wir dieses Streben durch fehlende Informationen und Wissen beeinträchtigt. Bildung, inbesonders die politische Bildung, ist schwach; Menschen haben oft nicht die nötigen Informationen, um bedachte Entscheidungen zu treffen. Es ist daher äußerst wichtig, dass wir das Bildungsangebot verbessern. Natürlich ist Bildung wichtig für Kinder und Jugendliche, aber man darf die ältere Generation nicht außer Acht lassen. Workshops, Vorträge und Diskussionen müssen verstärkt angeboten werden. Die sozialen Medien sind ein guter Weg um die jüngere Generation anzusprechen. Während der Revolution war das Internet ausschlaggebend; viele Ideen wurden im Internet zuerst diskutiert und weiterentwickelt, man hat dann Unterstützer gefunden und so die Verwirklichung der Ideen vorangetrieben. Dieser Kommunikationsweg sollte daher auch in Zukunft genutzt werden.
Demokratie ist für uns eine neue Vorstellung. Demokratie kann man nicht von oben herablassen; das System muss sich entwickeln und immer weiter wachsen. Dieser Prozess wird einige Zeit in Anspruch nehmen. Ich bin jedoch der festen Ansicht, dass die Bevölkerung sich bemühen wird, ein demokratisches System aufzubauen.
Welche Hindernisse und Hürden sehen Sie für die demokratische Entwicklung Ägyptens?
Während der Übergangsphase wir die Armee wichtige Aufgaben übernehmen. Es ist natürlich wichtig, einen friedvollen Übergang zu gewährleisten, jedoch bin ich der Armee gegenüber skeptisch eingestellt. Das Militär war eng mit dem früheren Regime verknüpft. Aufgrund dessen ist die Sorge berechtigt, dass das Militär versucht, den demokratischen und gesellschaftlichen Fortschritt zu verhindern. Zum Beispiel hat die Armee junge Demonstrantinnen auf dem Tahrir-Platz auf ihre Jungfräulichkeit hin untersucht um Tradition und die Gesellschaftsordnung zu schützen. Diese Vorgehensweise hat viel Wut unter den Demonstranten und Bürgern hervorgerufen.
Zudem sehe ich in der ehemaligen politischen Elite ein Hindernis. Die Nationaldemokratische Partei (NDP), die frühere Regierungspartei, ist aufgelöst. Ein notwendiger, dennoch großer Einschnitt in die politische Landschaft Ägyptens. Trotzdem stellt sich die Frage: Was passiert mit den ehemaligen Parteimitgliedern? Viele müssen sich gegenüber einem Gericht verantworten, andere jedoch nicht. Viele Demonstranten haben die Befürchtung, dass die Parteimitglieder sich andere Wege suchen, um in die Politik zurückzukehren. Politiker haben sich an der Korruption bereichert; diese besteht weiterhin. Aufgrund dessen muss das neue politische System Korruption so stark wie möglich eingrenzen. Damit kann man eventuell vermeiden, dass Menschen in die Politik gehen, um ihre Geldgier zu stillen.
Das sind in der Tat berechtigte Sorgen. Wie beteiligen sich die Demonstranten am politischen Entwicklungsprozess?
Viele neue Parteien haben sich aus der Revolution entwickelt, zum Beispiel die 'Revolution's Youth Coalition' oder die 'National Association for Change'. Die Bildung neuer Parteien ist ein großer Fortschritt für Ägypten. Natürlich müssen diese Parteien erst einmal reifen: man muss Organisationsstrukturen erlernen, eine Agenda erarbeiten, Mitglieder schulen und neue Mitglieder ansprechen.
Es zeichnet sich zudem ein verstärktes politisches Engagement ab. Am 19.März 2011 hat ein Verfassungsreferendum stattgefunden. Die Wahlbeteiligung lag bei 41 Prozent; das heißt über 18 Millionen Menschen haben am Referendum teilgenommen. Ein beachtliches Ergebnis! Ich glaube, dass Bürgerbeteiligung durch die Revolution als wirkungsvoll angesehen wird und deswegen viele Menschen am Referendum teilgenommen haben. Mehr als 14 Millionen (77 Prozent) stimmten für eine Verfassungsreform. Ein wichtiger Fortschritt, da die Reform grundlegende demokratische Instrumente zur Verfügung stellt. Die Präsidentschaft ist nun beispielsweise auf zwei Amtszeiten von jeweils sechs Jahren begrenzt. Wahlen unterliegen strengen Auflagen und Kandidaten können sich nun einfacher zur Wahl aufstellen. Nach den Wahlen im Herbst soll eine neue Verfassung verabschiedet werden. Das Referendum hat gezeigt, dass Bürger ihre politischen Recht nutzen, um zukünftig die Politik mitzubestimmen.
Danke für das Interview!
M. Boktor ist ein lizenzierter Reiseführer, spezialisiert in Ägyptologie. Er wohnt in Kairo und hat einen Bachelor von der Helwan University.
Das Interview wurde von Vanessa Eggert geführt.