Schalke 04, Fußball und Demokratie

Manchmal ist es überraschend, in welchen Lebensbereichen es demokratische Strukturen gibt. Wenn Sie einmal in die Satzung eines Fußballvereines blicken, werden Sie feststellen, dass die Mitglieder in einer Versammlung die wichtigen Beschlüsse fällen. Doch was bedeutet das in Praxis? Wir haben die Vorsitzende der Schalker Fan-Initiative, Suanne Franke, gefragt.

 

Der Kampf und die Macht auf Schalke

Mehr Demokratie: Beim Fußball gibt es viel Emotionen, es geht oft heiß her. Und das sind nicht immer nur die Auseinandersetzungen zwischen den Fans verschiedener Vereine. Auch unter Verantwortlichen, Spielern und den Fans kann es Konflikte geben. Schalke hat das erlebt, als Felix Magath Trainer war. Was war da los?

Susanne Franke: Es ging um die Kontrolle im Verein. Magath hatte neben dem Traineramt noch die Funktion des Sportvorstands inne. In der Politik nennt man das Ämterhäufung. Eine erste Eskalation gab es aus Magaths Sicht auf einer Mitgliederversammlung.

Durch seine Art der Amtsführung gab es viele Konflikte mit den Spielern und den Mitarbeitern des Vereins. Die Fans waren ebenso gespalten. Auf der Nordkurve gab es Plakate für, mehr allerdings gegen ihn zu sehen.

Worum gibt es bei der Versammlung? Wie muss ich mir eine Mitgliederversammlung auf Schalke vorstellen? Und was macht die überhaupt?

Dort können alle Mitglieder an den Abstimmungen teilnehmen; jedes Mitglied kann im Vorfeld Anträge stellen und sich an den Wahlen zum Wahlausschuss und zum Aufsichtsrat beteiligen. Manchmal wird sie auch Jahreshauptversammlung genannt. Das macht mich wütend, denn das stimmt nicht. Eine Jahreshauptversammlung findet bei einer Aktiengesellschaft statt, nicht in einem Verein.

Bei der Versammlung, die ich angesprochen habe, ging es um eine Satzungsänderung. Magath wollte durchsetzen, dass er allein über alle Transfers entscheiden kann. Denn laut unserer Satzung braucht es dazu die Genehmigung des Aufsichtsrates, wenn ein neuer Spieler mehr als 300.000 Euro kostet. Diese Hürde sollte fallen; angeblich verhinderte sie wichtige Transfers. Das war für mich nicht nachvollziehbar. Es fanden in dieser Zeit viele Transfers statt; und es gibt ja den zweiköpfigen Eilausschuss; es reicht aus, sich die Genehmigung von seinen zwei Mitgliedern einzuholen.

Und wie verlief dann die Versammlung?

Das Ambiente war bizarr. Die Veranstaltung war abends in der Arena auf Schalke. Es war sehr kalt – weil zuvor irgendein Wintersport-Wettbewerb stattgefunden hatte. Knapp 1.500 Mitglieder waren da – es war unmöglich, per Handzeichen abzustimmen. Als das endlich klar wurde, konnten endlich die Stimmzettel genutzt. Der Antrag auf Satzungsänderung wurde dann abgelehnt. Sicherlich haben Magath und einige Vertreter der Geschäftsstelle damit nicht gerechnet....

 

Mitreden in einem Fußballverein

Das klingt ja alles recht gesittet. Wie ist denn dein Eindruck von anderen Versammlungen? Wird da nicht vor allem darüber gestritten, ob dieser oder jener Spieler am Samstag auflaufen soll?

Nun, die Fans haben ein großes Interesse daran, dass kompetente Leute die Geschicke des Vereins lenken. Es werden von den Mitgliedern oft kritische Fragen zu wirtschaftlichen Entscheidungen gestellt; dabei kommen die Verantwortlichen schon mal ins Schwitzen. Sportliches wird nicht diskutiert, das findet allenfalls am Rande Erwähnung. Ich finde, dass die Diskussionen unter aktiven Fans oft ein hohes Niveau haben.

Du hast gerade davon gesprochen, dass die Fans Interesse an diesen Fragen haben. Wer sind diese Fans?

Es gibt natürlich die Gruppe, die ihr Interesse auf das Geschehen auf und um das Spielfeld richten, auch, weil sie etwas erleben wollen. Aber es gibt Fans, deren Engagement weit größer ist. Die besitzen meist eine Dauerkarte für die Spiele in Gelsenkirchen, fahren zu Auswärtsspielen und sind Vereinsmitglied. Die haben dann Interesse, die Möglichkeiten der Mitbestimmung zu nutzen. Und sie können das auch. Das ist einer der Gründe, warum die Bindung an diesen Fußballverein so stark ist. Eine Aktiengesellschaft kann das nicht leisten.

Manche Fußballvereine werden ja mittlerweile als Aktiengesellschaft betrieben. Gibt es solche Pläne auf Schalke?

Das ist eine wichtige Streitfrage. Für mich wäre das eine Katastrophe. Aber es wurde von Seiten der Vereinsführung auf der letzten Mitgliederversammlung erneut ausgeschlossen. Aktuell gibt es auf Schalke solche Pläne wohl nicht.

Warum lehnst du das ab? Was wäre so schlimm daran?

Diese Frage muss andersherum gestellt werden: Was soll denn eine Aktiengesellschaft besser machen als ein Verein? Ich sehe keinen Grund, warum sie besseres Personal bekommen sollte. Zudem stellt in ein Wirtschaftsbetrieb den finanziellen Erfolg in den Vordergrund; diese Gewinnorientierung gefährdet die Fußballkultur. Die Verantwortlichen müssten sich nur noch dann kritischen Fan-Fragen stellen, wenn sie dies wollten; das verbindliche Recht gäbe es nicht mehr.

Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass sich die Fans im gleichen Maß mit dem Verein identifizieren würden. So gibt es zu Beginn von Spielen aufwendige Choreografien im Fanblock, an denen viele Tausend Menschen teilnehmen. Ich bezweifele, dass für eine Aktiengesellschaft der gleiche Aufwand betrieben werden würde.

 

Internet: Wird alles besser?

Zurück zu Felix Magath. Er hat ja eine Facebookseite eingerichtet, um mit den Fans zu kommunizieren. Hat das zu einem engeren Kontakt geführt?

Nein. Ich halte das für eine kosmetische Maßnahme. Es gibt regelmäßig Treffen zwischen Geschäftsführung und den engagierten Fans. Dort ist er nach seinem ersten Auftritt nicht mehr erschienen. Der „Gefällt-Mir“-Knopf auf Facebook kann das nicht ersetzen. Dieses Medium taugt nicht für eine vertiefte Diskussion.

Hat sich durch das Internet die Fankultur geändert? Kennst du die Versuche, die Fans übers Internet an wichtigen Entscheidungen teilnehmen zu lassen?

Durch das Internet kommen die Aktiven aus verschiedenen Städten oder Ländern leichter in Kontakt. Das hilft uns ungemein bei der internationalen Arbeit oder bei der Werbung für Veranstaltungen.

Es gab in der Tat Versuche bei Fortuna Köln oder MyFootbalClub.org, Fans sehr weitgehende Entscheidungen treffen zu lassen. Das schloss Entscheidungen über neue Spieler mit ein. Aber ich finde das schwierig. Bei einem Transfer sind viele Dinge zu beachten. Es geht darum, das Budget des Vereins so aufzuteilen, dass eine gute Mannschaft entsteht. Zugleich darf bei Neuverpflichtungen das Gehaltsgefüge nicht gestört werden; und die Spieler müssen miteinander auskommen. Das muss sorgfältig abgewogen werden, das kann nicht im Internet entschieden werden.

Für gelungen halte ich aber die Versuche, nach dem Einstieg ungeliebter Investoren von Seiten der Fans eigene Vereine auf die Beine zu stellen. Das gab es in Wimbledon (AFC), Manchester (FCUM) und Salzburg (SV Austria). Damit stemmen sich die Macher dem Trend zum Kommerz im Fußball entgegen. Aber in diese Projekte ist natürlich viel Arbeit reingeflossen – und dies nicht am heimischen PC.

In der Gesellschaft wird viel über mehr Beteiligung gesprochen. Erreicht dieser Trend auch den FC Schalke 04?

Wenn unsere Satzung bleibt und gelebt wird, funktioniert der Verein. Die Geschehnisse um die Satzungsänderung von Magath haben ja gezeigt, dass demokratische Kontrollen bei uns greifen. Die Presse berichtet natürlich dann, wenn Konflikte auftreten. Aber Mitsprache und Diskussion sind bei uns alltäglich.

Interview: Ronald Pabst

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Die Schalker Fan-Initiative e.V. wurde unter anderem mit dem Förderpreis für Demokratie des Deutschen Bundestages ausgezeichnet. Im Vordergrund der Arbeit stehen der Kampf gegen diskriminierende Tendenzen im Fußball, die Jugendarbeit und natürlich der FC Schalke. Die Initiative gibt das Fan-Magazin "Schalke Unser" heraus, nimmt regelmäßig an internationalen Veranstaltungen teil und betreibt einen Fanladen, der sich als Treffpunkt etabliert hat. Alles über die Arbeit und die weiteren Projekte finden Sie auf der Homepage der Schalker Fan-Initiative.

 

 

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