Sammelerlebnisse aus Schleswig-Holstein

von Katrin Tober...

Es sind oft die ganz kleinen Erlebnisse mit wildfremden Menschen, die für viel positive Energie und Freude beim Unterschriftensammeln sorgen. Ein einfaches „Danke, dass Sie das hier machen“, eine geschenkte Tomate auf dem Wochenmarkt, ein spendierter Kaffee oder zugesteckte Bonbons. Eine einzige positive Begegnung mit einem wildfremden Menschen kann ausreichen, um den Sammler-Alltag zu retten. Das schönste aber neben den vielen Unterschriften am Ende eines Tages ist ein schönes Gespräch.

Denn die liebsten Passanten sind gar nicht immer diejenigen, die gleich unterschreiben. Die Qualität der direkten Demokratie erlebe ich vor allem in Begegnungen mit Menschen, mit denen sich ein tolles Gespräch ergibt und ein reger Austausch von Argumenten stattfindet. Nimmt das Gegenüber danach nur einen einzigen neuen Gedanken mit nach Hause oder überdenkt die eigenen Bedenken, ist das ein tolles Gefühl.

Ich bin mir außerdem sicher, dass unsere Arbeit Spuren hinterlässt. Dass andere Menschen beeindruckt davon sind, mit welcher Selbstverständlichkeit, Ausdauer und Überzeugung wir auf der Straße unterwegs sind. Es wäre viel gewonnen, wenn sich andere davon anstecken lassen würden und selbst anfangen: mit Veränderungen vor ihrer eigenen Haustür.

Eins noch zum Schluss. Ein Vorstandskollege hat einmal gesagt: „Ausnahmslos jeder ist es wert, angesprochen zu werden“. Beherzigt man dies, läuft das rund mit dem Sammeln. Eine Erkenntnis, die vermutlich jede und jeder beim Sammeln von Unterschriften irgendwann gewinnt. Auch Marco, der für uns ganz viele gesammelt hat...

... und Marco Schott

Nach zwei Wochen Praktikum im Bremer Büro von Mehr Demokratie hieß es, für zwei Wochen nach Schleswig-Holstein zu fahren, um dort Unterschriften für den bundesweiten Volksentscheid und die Vereinfachung von Bürgerbegehren und Bürgerentscheid sammeln. Mein Ziel war Elmshorn. Meine bisherigen Erfahrungen mit dem Thema und dem Sammeln von Unterschriften waren gleich null. Meine Erwartungen: ebenfalls null. Auf dem Weg nach Elmshorn fragte ich mich: "Wie soll das funktionieren? Wie bekomme ich die Menschen auf der Straße überhaupt zum Anhalten bei so einem abstrakten Thema? Wie reagieren die Menschen auf mich? Und was zur Hölle soll ich ihnen erzählen?"

Aber das erste Problem, das sich mir stellte, war, das Kampagnenbüro von Mehr Demokratie zu finden. Die Wegbeschreibung von Claudine Nierth war recht einfach. "Wenn du am Bahnhof bist, geh rechts durch den Park und folge dem Weg bis zu einer Ampel, dann bist du auf der Hamburger Straße, geh bis zur Hausnummer 12, wir sind in einem Container auf dem Gelände von RedCar." Klang ziemlich einfach. Nach fast 40 Minuten wilden Umherirrens sah ich eine kleine Straße weiter und siehe da: Am Ende stand ein großer roter Reisebus auf einem Hof. Das musste es sein.

Der Container war eher ein ziemlich großer Wohnwagen, der ein spärlich eingerichtetes Büro enthielt. Nach einer kurzen und herzlichen Begrüßung von Claudine und Britta, die die Kampagne leiten, wurde ich kurz ins Thema eingeführt, mir meine Sammlertasche gepackt und kurz darauf saß ich schon im Zug nach Rendsburg. Ich sollte mich dort mit einer weiteren Sammlerin treffen und schon mal üben. Nach einer kurzen Begrüßung und Erläuterung der Ansprechtaktik ("Sind Sie aus Schleswig-Holstein?") ging es dann auch schon los. Ich war eigentlich überrascht, wie schnell ich jetzt schon auf der Straße stehe und Menschen anspreche, so dass ich für die Zweifel und Sorgen gar keine Zeit hatte. Nach den ersten drei Abfuhren: "Ja schon, aber leider keine Zeit", dachte ich: Ein neuer Spruch muss her. Direkter und provokant muss er sein: "Sind Sie für Mehr Demokratie und Mehr Mitbestimmung durch die Bürger"? Und siehe da, es funktionierte besser.

In den nächsten Tagen verfeinerte sich meine Ansprache und auch mein Wissen über die Vor- und Nachteile des bundesweiten Volksentscheids nahm zu. Ich führte hitzige Diskussion über die Fähigkeit der Bürger sich zu informieren, über den Sinn und Zweck eines Volksentscheids, darüber, dass der Volksentscheid nur funktioniert, wenn die Bild-Zeitung abgeschafft wird, schöne Gespräche über die Träume und Wünsche, die der Volksentscheid bei vielen auslöst.

Anfang August - Power-Sammeln im Sammelcamp

Abgesehen von ein paar Ausnahmen waren die Menschen (obwohl die meisten sehr in Eile schienen) sehr aufgeschlossen und interessiert an dem Thema. Nach der ersten Woche gemütlichen Sammelns wurde die zweite Woche eine „Power-Woche“. Am 1. August startete das Aktionscamp in Elmshorn. Die knapp 20 Sammler waren für eine Woche in einem Tourbus der Firma RedCar untergebracht. Neben dem Kampagnenbüro wurden zwei Bauwagen für Regentage und Biertischgarnituren aufgebaut. Eine kleine offene Hütte diente als Küche, das war echte Camping-Stimmung. Die ersten Tage verliefen super, jeden Tag strömten wir um 8 Uhr morgens aus und kamen abends mit unserer Beute von knapp 1.000 Unterschriften ins Camp zurück und fielen über das Essen von Wiebke (die neben Claudine sehr viel Arbeit in die Organisation und den reibungslosen Ablauf der Woche gesteckt hat) her. Trotz schlechten Wetters konnten wir auch am dritten Tag die 1000 Unterschriften locker knacken. Es entfalteten sich eine wahnsinnige Motivation und ein großer Zusammenhalt in der Gruppe. Mir kam es vor, als würde ich die noch vor drei Tagen wildfremden Menschen schon ein Leben lang kennen. Genau diese Stimmung war ausschlaggebend für den Erfolg dieser Woche. Alle gaben jeden Tag Vollgas und das Ziel der 10.000 Unterschriften kam von Tag zu Tag näher. Am Ende der Woche standen die 10.000 Unterschriften für beide Volksinitiativen fest. Noch zwei Wochen zuvor lag die Zahl bei knapp 2.000 Unterschriften!

Die Zeit im Camp und auf der Straße verging wie im Flug. Mit jeder Unterschrift wurde ich selbstbewusster und offener für die Passanten. Am Anfang sprach ich nur bestimmte Menschengruppen an, doch nach ein paar Tagen sprach ich jeden an. Ich dachte, wenn das schon Demokratie ist, dann kann das auch jeder entscheiden.

Für mich persönlich war die Sammel-Zeit sehr lehrreich. Ich habe gelernt, wieviel Spaß, aber auch wie viel Anstrengung mit der Arbeit bei Mehr Demokratie verbunden ist. Es war eine tolle Möglichkeit auch in die „aktive“ Arbeit einer NGO rein zu schnuppern. Zum Unterschriftensammeln selbst lässt sich sagen, dass die Menschen auf der Straße meist sehr positiv reagiert haben und auch viele „Komplimente“ verteilt haben. Viele finden das Engagement von jungen Menschen bewundernswert und waren sehr begeistert.

 

... das nächste Sammelcamp findet vom 27. August bis 4. September wieder in Elmshorn statt.

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Mehr über unsere zwei Volksinitiativen erfahren Sie auf der Internetseite des Landesverbandes Schleswig-Holstein.

Katrin Tober kommt aus Bremen und ist Mitglied im Bundesvorstand von Mehr Demokratie e.V.

Marco Schott kommt aus Mannheim und hat im Sommer ein sechswöchiges Praktikum bei Mehr Demokratie in Bremen und in Schleswig-Holstein absolviert.

 

 

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