"Eine Firma sollte ihre Mitarbeiter politisieren" Interview mit Martin Hager (Retarus GmbH)

Martin Hager hat die Anfänge von Mehr Demokratie miterlebt. In unserem Interview spricht der Geschäftsführer der Retarus GmbH über diese Zeit – und darüber, welchen Platz die Politik in einer Firma einnehmen sollte.

 

Herr Hager, Sie haben die Anfangszeit von Mehr Demokratie mitgemacht. Damals hieß der Verein noch IDEE. Was haben Sie in dieser Zeit erlebt?

Das waren beinahe schon „konspirative Treffen“ im Dachgeschoss eines Hauses der Pestalozzistraße in München. Ein Hase von Joseph Beuys war das Logo der Aktion Volksabstimmung – davon hatten wir Aufkleber.

In der Öffentlichkeit herrschte eine äußerst kritische Stimmung gegenüber dem Volksentscheid. Schon der Wunsch nach Veränderung rief Ende der achtziger Jahre viel Unverständnis hervor. Wir bekamen zu hören, dass es keiner Veränderungen bedürfe, da alles gut liefe – und wurden als „linke Träumer“ abgetan. Letzteres kann ich zum Teil nachvollziehen, da die Arbeitsweise damals noch wenig pragmatisch war (lacht).

 

Wie sind Sie auf das Thema Direkte Demokratie gestoßen?

Über einen Freund: Ich war damals Mitglied bei den Grünen und der hat mich mal zu einem Treffen von IDEE e.V. mitgenommen. Weit war es nicht, die Grünen trafen sich damals im Keller des Hauses in der Pestalozzistraße. Die Grünen musste ich damals verlassen, weil ich noch nicht volljährig war.

 

Haben die Grünen nur volljährige Mitglieder akzeptiert? Das hat sich inzwischen auf jeden Fall geändert: Ich war Ende Mai auf einem Treffen der Grünen Jugend. Da waren viele sehr junge Leute.

Nein, nein, der Grund war ein anderer. Ich komme aus einem Elternhaus, das der CSU nahe steht. Mit 14 war ich Mitglied in der Schülerunion, bis ich bei den Grünen eingetreten bin. Meine Eltern haben dann eingegriffen, deswegen musste ich dort wieder austreten. Seitdem bin ich „parteifrei“ und sehr froh darüber.

 

Sie arbeiten viel im Ausland, auch in der Schweiz. Dort gibt es viele Volksabstimmungen. Wie erleben Sie das? Gibt es Unterschiede zu Deutschland?

Meine Schweizer Kollegen haben mehr Respekt vor anderen Meinungen. Viele Entscheidungen sind klarer als bei uns. Die Schweizer haben dabei ein starkes Vertrauen in Ergebnisse von Abstimmungen, die mit Mehrheit gefällt worden sind – auch wenn sie selbst anders gestimmt haben.

Im Moment sehe ich einen beängstigenden Trend in Deutschland. Aufgrund der niedrigen Wahlbeteiligung hört man schon mal, dass es wieder einen ‚starken Mann’, eine Art Juntaregierung brauche, die stark genug sei, klare Entscheidungen zu fällen. Dies wird damit begründet, dass es der Regierung am nötigen Rückhalt fehle und sie ohnehin nicht von einer Mehrheit gewählt worden sei.

Zuletzt habe ich das in Berlin in der Diskussion nach einem Vortrag gehört. Zum Glück hat der Referent heftig widersprochen; er verwies auf die USA, wo die Wahlbeteiligung oft genug bei nur 38 Prozent gelegen habe.

Und trotzdem war dieses Land lange Zeit ein Vorbild für viele Demokraten in der Welt.

 

Sie sind Geschäftsführer eines Unternehmens, das Sie aufgebaut haben. Haben Sie eine eigene Vision davon, wie Führung in einem Wirtschaftsunternehmen funktionieren soll?

Ein Unternehmen kann nicht demokratisch aufgebaut sein; die Richtlinien werden durch das Management bestimmt. Aber es ist trotzdem ein Kollektiv.

Wichtig ist, dass nicht zu lange über Entscheidungen debattiert wird. Eine Entscheidung kann richtig oder falsch sein, das ist ihr Wesen. Ich spreche hier von „Risikoübernahme“. Damit wir schnell entscheiden können, übernimmt der Mitarbeiter die Verantwortung. Das heißt aber nicht, dass er ‚geschlachtet’ wird, wenn eine Entscheidung falsch war. Wir wollen damit sicherstellen, dass wir die richtigen Schlussfolgerungen aus solchen Fällen ziehen, dass wir daraus lernen.

Für das Management ist es wichtig, dieses Risiko zu akzeptieren. Außerdem müssen die Hintergründe von Entscheidungen erläutert werden – und die Fehler müssen offen eingestanden werden.

Außerdem bin ich der Überzeugung, dass eine Firma ihre Mitarbeiter politisieren sollte.

 

Was meinen Sie damit?

Die herrschende Lehrmeinung sagt, dass man Politik aus einer Firma heraushalten soll - genauso wie Emotionen. Wenn man dies zu Ende denkt, dann hat man ja nur noch Humankapital in der Firma und keine vollständigen Menschen.

Es ist wichtig, dass Menschen ihre Meinung äußern und Gefühle zeigen. Das kann sich zum Beispiel so äußern, dass man beim Mittagessen auch mal über aktuelle politische Fragen spricht. Dabei darf man auch ruhig einmal mit Nachdruck seine Meinung vertreten.

 

Auf der Homepage Ihrer Firma steht, dass die Mitarbeiter zwei Tage im Jahr für ausgewählte soziale Projekte arbeiten können und dafür bezahlt werden. Warum bieten Sie das an?

Dies ist Teil unserer Urlaubsregelung: Es gibt zusätzlich zwei Tage, die wir hierfür zur Verfügung stellen. Mir ist der Lerneffekt wichtig. Wir haben eine geringe Fluktuation, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bleiben lange in unserer Firma. Deswegen ist es wichtig, dass sie auch mal andere gesellschaftliche Bereiche kennenlernen, gerade in den Niederungen, wo das Leben nicht ganz so einfach ist. Das erdet. Übrigens: Frauen nehmen dieses Angebot viel häufiger an als Männer.

 

Haben Sie praktische Beispiele, wie Sie diese Hilfe leisten?

Wir haben einige Projekte ausgewählt, die unsere Unterstützung nötig haben. Einmal haben wir einen sehr noblen Kicker als Geschenk bekommen – und an eines der Projekte weitergegeben. In eine Notschlafstelle ist ein Tischfußballspiel sicher besser aufgehoben als bei uns. Diese Einrichtung bietet Schlafplätze für Jugendliche, die sich in schwierigen Situationen befinden.

Einer anderen Einrichtung habe ich einmal geholfen, in dem ich Texte für die Öffentlichkeitsarbeit geschrieben habe.

 

Welche Sicht haben Sie auf Mehr Demokratie und die Arbeit unseres Vereins?

Der Verein ist sehr wichtig. Mit den Aktionen wird die Diskussion über die Einführung des bundesweiten Volksentscheids am Leben gehalten. Sonst macht das ja niemand, außer vielleicht ab und an einmal die Grünen.

Nach wie vor sieht der Artikel 20 des Grundgesetzes Wahlen und Abstimmungen vor. Es ist wichtig, dass es jemanden gibt, der dies der Öffentlichkeit bewusst macht.

 

Was würden Sie mit dem Volksentscheid ändern wollen?

Zunächst ist es mir wichtig, dass er eingeführt wird. Das würde zu besseren Entscheidungen führen. Es würde weniger gefühlt-autokratische Entscheidungen geben. Denn sicher: Wir wählen unsere Volksvertreter, aber trotzdem fühlen sich viele Entscheidungen so an, als ob man bevormundet wird.

 

Und als letzte Frage: In Bayern gibt es dieses Jahr einen Volksentscheid zum Nichtraucherschutz. Verraten Sie uns, wie Sie sich entscheiden werden?

Ich werde gegen die Initiative stimmen: Ich finde, dass die Vorschläge viel zu wenig Freiräume lassen. Das ist eine Überregulierung.

Sehr gut fand ich das Ergebnis des Volksentscheids zum Bayerischen Senat. Hier wurde ein überflüssiges Gremium abgeschafft. Das hat dem Steuerzahler viel Geld gespart. Die etablierte Politik hätte niemals den Mut dazu gehabt.

 

Herr Hager, vielen Dank für das Gespräch.

Interview: Ronald Pabst

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