Weiße Flecken in NRW: Ahaus
In jedem Ort in NRW soll mindestens ein Mensch Mitglied bei Mehr Demokratie werden. Dieses Ziel hat sich Fabian Hanneforth gesetzt. Markus Schmidgen und Edda Dietrich haben ihn auf seine Reise nach Ahaus begleitet.
Bericht von Edda Dietrich
Klirrende Kälte. Die Welt schläft. Nur wenige Menschen sind jetzt schon wach. zwei junge Menschen jedoch machen sich in diesen frühen Morgenstunden auf zu einer Expedition der besonderen Art: Weiße Flecken in NRW. Unberücksichtigt von den großen Entdeckern vergangener Zeiten, existieren noch im Jahr 2009 weiße Flecken auf der Landkarte von Nordrhein-Westfalen: Jungfräuliche Städte und Gemeinden, die von dem Wittener Demokratieforscher Fabian Hanneforth systematisch erfasst und katalogisiert wurden und nun Ziel seiner Forschungsreisen in Sachen “Mehr Demokratie wagen” sind. Unterstützung erfährt der Initiator von Markus Schmidgen aus dem Demokratie-Stützpunkt in Köln. Ihr erstes Etappenziel ist Ahaus, eine kleine Gemeinde nahe der holländischen Grenze.
Die beiden Abenteurer fahren durch die Nacht. Routenpläne auf dem Schoß und Navigationsgeräte eingestellt, die ihnen helfen sollen, das anvisierte Ziel innerhalb des ausgemachten Zeitplans zu erreichen. Gedankenversunken reisen sie in den Sonnenaufgang. Was wird sie in der geschichtsträchtigen Kleinstadt im Westen des Landes erwarten? Die Einwohner haben als berüchtigte Widerstandskämpfer und Gegner der Castor-Transporte von sich reden gemacht.
Die Anreise verläuft für Markus Schmidgen in seinem erprobten Automobil ohne größere Schwierigkeiten. Fabian Hanneforth jedoch, der sich für die Bahn als Transportmittel entschieden hat, sieht seine Expedition gefährdet: Streckensperrung. So erreicht der Kölner Aktivist Schmidgen das Basislager im Café Essmann pünktlich, während sein Gefährte auf sich warten lässt. Schmidgen ist beunruhigt: "Was ist schief gelaufen? Droht die Expedition bereits zu diesem frühen Zeitpunkt zu scheitern?" Die Kommunikationsmittel versagen. So bleibt ihm nur: abwarten und Kakao-Trinken. Endlich klingelt das Handy. Die beiden Forscher finden sich Minuten später zur ersten Lagebesprechung.
Fabian Hanneforth schlägt die Landkarte auf. "Inzwischen haben wir Kontakt zu einem Einwohner der Stadt. Er hat sich mit uns in Verbindung gesetzt und uns erste Berichte über die Lebensgewohnheiten der Ahauser übermittelt. Heute halten sie ihren Markt ab. Eine gute Möglichkeit für uns, sich ihnen bei dieser Gelegenheit vorsichtig zu nähern. Die Ahauser gelten als kritisches Völkchen, sollen aber von friedlicher Natur sein. In Sachen Mehr Demokratie sind sie allerdings noch unerfahren. Allein unser Kontaktmann hat jüngst seine Mitgliedschaft bei Mehr Demokratie erklärt."
Markus Schmidgen rät zur Strategie, die Einwohner zunächst freundlich über die Aktion Volksabstimmung zu informieren und bei Interesse und wachsendem Vertrauen über die Aufgaben und Ziele von Mehr Demokratie aufzuklären. "Ich glaube nicht, dass wir mit kurzfristigen Erfolgen rechnen können. Wir sollten langfristig denken und erst einmal das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger gewinnen."
Gegen 10 Uhr wird die Ausrüstung ein letztes Mal überprüft. Die Sandwiches sitzen gut, die Klemmbretter sind bereit, alle Unterlagen ausreichend vorhanden. So machen sich die beiden auf die Suche nach einem günstigen Standort. Erste Kontaktaufnahme zur Bevölkerung werfen schnell jegliche Bedenken über Bord. Die Ahauser sind bester Laune, kommen paarweise oder gar im Familienverband zum Marktplatz. "Es scheint hier ein Überschuss an weiblichen Bewohner zu herrschen. Das könnte allerdings nur so erscheinen, weil in dieser Region das Marktleben noch überwiegend vom weiblichen Geschlecht gestaltet wird."
"Darf ich Sie einladen, an unserer Aktion Volksabstimmung teilzunehmen?" beginnt Fabian Hannefort erste Gespräche. Zunächst: Leichte Skepsis, aber in der Regel überwiegt die Neugier der Ahauser und so entwickeln sich bald lebendige Dialoge über das Wesen der Direkten Demokratie und die Sinnhaftigkeit einer Volksabstimmung.
Fabian Hanneforth zieht eine erste Bilanz. Seine Annahmen wurden bestätigt: "Die Ahauser nehmen uns freundlich auf und sind unserer Aktion gegenüber sehr aufgeschlossen. Mehr Mitbestimmung gegenüber der Regierung, größere Bürgernähe seitens der Politiker und eben mehr Mitbestimmung aller, dieser Idee gegenüber sind sie äußerst offen."
Stunden vergehen. Erste Erfrierungserscheinungen zwingen die beiden Abenteurer zu einer Pause. Heiße Getränke und Pizza sind jetzt das Mittel der Wahl, um den herben Wetterverhältnissen in Ahaus zu begegnen.
Sie haben einen weiten Weg vor sich. "In NRW sind es 206 Städte und Gemeinden, in denen niemand Mitglied von Mehr Demokratie ist. Demgegenüber stehen erst 200 Gemeinden, in denen mindestens ein Einwohner seine Mitgliedschaft bezeugt hat. Das sind 206 weiße Flecken in Sachen Mehr Demokratie." Für das kommende Jahr haben die Aktivisten daher geplant, eine Gemeinde nach der anderen für die Ziele von Mehr Demokratie zu gewinnen. Ahaus macht einen viel versprechenden Anfang. Aber die beiden wissen: "Das wird ein hartes Stück Arbeit und sicher werden wir auf Unterstützung angewiesen sein. Heute bilden wir so etwas wie die Vorhut. Wenn wir uns weiter ins Land begeben, müssen wir Fehlerquellen ausschließen, unsere Vorgehensweise optimieren und weitere abenteuerlustige Demokratie-Entdecker für unserer Sache gewinnen. Davon wird der Erfolg unserer Expedition ganz entscheidend abhängen."
Bis zur völligen Erschöpfung nutzen sie die verbleibende Zeit bis zum Sonnenuntergang, um Menschen für die Idee von Mehr Demokratie zu gewinnen. Im Dunkel machen sie sich auf die Heimreise und planen doch schon die nächste Etappe.
Das nächste Ziel wird am 14. und 15. Februar die verschlafene Stadt Kierspe im Sauerland sein. Im Rahmen der Veranstaltung des Ateliers für Soziale Skulptur "Wer regiert die Welt: Wir oder das Geld?" mit Gerald Häfner, dem Vorstandssprecher von Mehr Demokratie e. V. wird auch die dortige Bevölkerung eingeladen sein, ihre Mitgliedschaft bei Mehr Demokratie zu bekunden -
Information zu dieser Veranstaltung.
Abenteuerlustige Menschen sind herzlich eingeladen, sich an der Expedition Weiße Flecken in NRW zu beteiligen. Vielleicht möchten Sie als Teilnehmer an einer der nächsten Expeditionen teilnehmen oder zählt Ihre Gemeinde zu einem der weißen Flecken und Sie möchten das ändern?
Informationen erhalten Sie direkt bei Markus Schmidgen (Tel. 02203 - 10214-75).