600 Stimmen für die Corona-Aufarbeitung

Mehr als sechs Jahre nach Beginn der Corona-Pandemie will der Deutsche Bundestag Bürgerinnen und Bürger nach ihren Erfahrungen fragen. Vier ausgeloste Bürgerräte mit jeweils 150 Teilnehmerinnen und Teilnehmern sollen im Herbst 2026 zusammentreten. Der erste Termin steht inzwischen fest: Am 10. Oktober beginnt die Reihe in Wolfsburg.

Offiziell nennt der Bundestag die Veranstaltungen „regionale Dialogforen“. Die Bürgerinnen und Bürger werden zufällig ausgewählt, sollen unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen abbilden, miteinander beraten und Empfehlungen für die Enquete-Kommission „Aufarbeitung der Corona-Pandemie und Lehren für zukünftige pandemische Ereignisse“ erarbeiten.

Auftakt in Wolfsburg

Der Bürgerrat in Wolfsburg soll einen Tag dauern. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer werden über ihre Erfahrungen während der Pandemie sprechen und daraus Empfehlungen entwickeln. Ein Dokumentationsteam hält die Ergebnisse fest. Anschließend bestimmen die Bürgerinnen und Bürger Vertreterinnen und Vertreter für eine gemeinsame Abschlussveranstaltung im Bundestag.

Für die drei weiteren Bürgerräte sind bislang weder Städte noch Termine veröffentlicht. Fest steht lediglich, dass insgesamt je eine Veranstaltung im Norden, Osten, Süden und Westen Deutschlands vorgesehen ist. Auch Uhrzeit, Tagungsstätte und Programm des Wolfsburger Bürgerrates sind noch nicht bekannt.

Einladungen nach dem Zufallsprinzip

Mit der Auswahl und Ansprache der Bürgerinnen und Bürger ist das Erfurter Marktforschungsinstitut drei.fakt befasst. Auf seiner Internetseite erklärt das Institut: „Ziel ist es, Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen und Perspektiven zusammenzubringen und einen ausgewogenen Querschnitt der Bevölkerung abzubilden.“ Die Auswahl erfolge nach einem statistischen Zufallsverfahren, die Teilnahme sei freiwillig.

Wie die erste Auswahlstufe aussieht, zeigt eine Mitteilung aus der Stadt Warin in Mecklenburg-Vorpommern. Dort wurden 244 volljährige Bürgerinnen und Bürger per Zufall ausgewählt und persönlich angeschrieben.

Wie viele Bürgerinnen und Bürger insgesamt eingeladen werden und nach welchen Merkmalen die endgültigen Gruppen zusammengestellt werden, ist noch offen. Jeder Bürgerrat soll 150 Personen umfassen und die gesellschaftliche Vielfalt abbilden. Von der Pandemie besonders betroffene Gruppen sollen zusätzlich berücksichtigt werden.

„Verstehen, nicht verurteilen“

Die Bürgerräte befassen sich mit Erfahrungen, die bis heute unterschiedlich bewertet werden: Schulschließungen, Kontaktbeschränkungen, Impfungen, die Situation in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen sowie die wirtschaftlichen, sozialen und psychischen Folgen der Pandemie.

Franziska Hoppermann, die bis September 2026 den Vorsitz der Enquete-Kommission führte, beschrieb den Anspruch der parlamentarischen Aufarbeitung mit den Worten: „Wir wollen verstehen, nicht verurteilen.“ Politische Entscheidungen, gesellschaftliche Folgen und die Rolle der Wissenschaft müssten differenziert untersucht werden. Ziel sei eine konstruktive Aufarbeitung und keine Schuldzuweisung.

Ihr Nachfolger Michael Hose erklärte, die Pandemie habe tiefe Spuren hinterlassen. Die Kommission habe die Aufgabe, „Brücken zu bauen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt wieder zu stärken“.

Der Alltagsverstand soll in den Bundestag

Bürgerrat-Fachleute hatten bereits vor der Einsetzung der Enquete-Kommission eine Beteiligung der Bevölkerung gefordert. Jacob Birkenhäger begründete dies im Juli 2025 mit den unmittelbaren Folgen der politischen Entscheidungen: „Die Bürgerinnen und Bürger sollten einbezogen werden, denn die Pandemie-Maßnahmen hatten und haben noch heute einen massiven Einfluss auf ihr Leben.“

Roman Huber, geschäftsführender Bundesvorstand von Mehr Demokratie, formulierte seine Forderung so: „Es kann nicht sein, dass Politik und Wissenschaft alleine aushandeln, was Politik und Wissenschaft falsch gemacht haben.“

nexus und Mehr Demokratie hatten in einem Konzeptpapier einen mehrstufigen Beteiligungsprozess vorgeschlagen. Dieser sollte regionale Beratungen, eine Beteiligung über das Internet und eine anschließende Übergabe der Ergebnisse an die Enquete-Kommission verbinden. Der nun vom Bundestag vorbereitete Ablauf sieht vier regionale Bürgerräte und eine spätere gemeinsame Abschlussveranstaltung vor. Eine öffentliche Beteiligung über das Internet wird in den bisher veröffentlichten Verfahrensinformationen nicht genannt.

Übergabe im Januar 2027

Im Januar 2027 sollen Vertreterinnen und Vertreter der vier Bürgerräte zu einer Abschlussveranstaltung im Bundestag zusammenkommen. Dort sollen sie die erarbeiteten Ergebnisse an die Enquete-Kommission übergeben.

Die Enquete-Kommission will die Erfahrungen und Ansichten der Bürgerinnen und Bürger für ihre Arbeit nutzen. Ihr Abschlussbericht soll bis Ende Juni 2027 vorliegen und Empfehlungen für die Vorbereitung und Bewältigung künftiger Pandemien enthalten.

Eine verbindliche Zusage, bestimmte Empfehlungen der Bürgerräte in den Abschlussbericht zu übernehmen, gibt es bislang nicht. Noch offen ist auch, ob und in welcher Form die Enquete-Kommission später erläutern wird, welche Vorschläge sie aufgreift oder nicht aufgreift.

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