600 Stimmen für die Corona-Aufarbeitung

Am 10. Oktober 2026 fand in Wolfsburg das erste von vier Bürgerforen zur Aufarbeitung der Corona-Pandemie statt. Bis zum 21. November folgen Foren in Halle (Saale), Ingolstadt und Düsseldorf. Insgesamt 600 zufällig ausgewählte Bürgerinnen und Bürger tauschen sich über ihre Erfahrungen mit den Pandemiejahren aus und entwickeln Empfehlungen für den Umgang mit künftigen Krisen. 

Die Veranstaltungen, die der Deutsche Bundestag offiziell als „regionale Dialogforen“ bezeichnet, sollen die Enquete-Kommission bei ihrer Arbeit unterstützen. Bereits 2025 hatte Mehr Demokratie ein ähnliches Verfahren vorgeschlagen.

Abschlussveranstaltung im Bundestag

Die Veranstaltungen dauern jeweils einen Tag. Ein Dokumentationsteam hält die Ergebnisse fest. Anschließend wählen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Vertreterinnen und Vertreter für eine gemeinsame Abschlussveranstaltung im Bundestag.

Der Vorsitzende der Enquete-Kommission, Michael Hose (CDU), erklärte zum Auftakt: „Der Umgang mit der Corona-Pandemie hat Gräben zwischen den Menschen gerissen.“ Die Dialogforen sollten dazu beitragen, diese Gräben zu überwinden. Er erhoffe sich von den Erfahrungen und Empfehlungen der Bürgerinnen und Bürger wichtige Anregungen für die parlamentarische Aufarbeitung.

Einladungen nach dem Zufallsprinzip

Mit der Zufallsauswahl und Ansprache der Bürgerinnen und Bürger war das Erfurter Marktforschungsinstitut drei.fakt befasst. Das Institut sollte Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen und Perspektiven zusammenbringen und einen möglichst ausgewogenen Querschnitt der Bevölkerung erreichen.

Die angesprochenen Bürgerinnen und Bürger konnten sich für die Teilnahme bewerben. Das Sekretariat der Enquete-Kommission achtete auf eine ausgewogene Verteilung unterschiedlicher Berufs- und Altersgruppen. Für das Detailkonzept und die Umsetzung der Dialogforen ist IKU – Die Dialoggestalter zuständig.

Geschützter Raum für schwierige Gespräche

Die Bürgerforen befassen sich mit Erfahrungen, die bis heute unterschiedlich bewertet werden: Schulschließungen, Kontaktbeschränkungen, Impfungen, die Situation in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen sowie die wirtschaftlichen, sozialen und psychischen Folgen der Pandemie.

Dabei geht es nicht allein um die Bewertung vergangener Entscheidungen. Die Enquete-Kommission möchte auch erfahren, welche Lehren die Bürgerinnen und Bürger für künftige Krisen ziehen.

Michael Hose betont, dass die Gespräche in einem geschützten Rahmen stattfinden sollen. Deshalb sind die vier Bürgerforen nicht öffentlich.

Der Kommissionsvorsitzende verwies darauf, dass die Pandemie nicht nur gesundheitliche, sondern auch erhebliche gesellschaftliche Folgen gehabt habe. Die Kommission wolle dazu beitragen, dass Menschen wieder miteinander ins Gespräch kommen, die sich während der Pandemie zerstritten hätten.

Zu den Fragen, mit denen sich die parlamentarische Aufarbeitung beschäftigt, gehören der künftige Umgang mit Impfungen und mögliche Schulschließungen bei einer erneuten Pandemie.

Erfahrungen junger Menschen als Vorbild

Ermutigt sieht sich die Enquete-Kommission durch eine bereits durchgeführte Gesprächsrunde mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Die dort erarbeiteten Empfehlungen seien sehr ernsthaft und konkret gewesen, erklärte Hose. Vergleichbare Ergebnisse erhoffe sich die Kommission nun von den vier regionalen Bürgerforen.

Die Erfahrungen der Bevölkerung sollen die wissenschaftliche und parlamentarische Untersuchung ergänzen. Der Enquete-Kommission gehören 14 Bundestagsabgeordnete und 14 externe Sachverständige an.

Hose betonte, dass die Kommission auch die unterschiedlichen Sichtweisen auf die Pandemie und ihre Folgen aus der Bevölkerung abbilden müsse. Die Erfahrungen der Bürgerinnen und Bürger im Alltag seien dafür ebenso wichtig wie die Einschätzungen der Sachverständigen.

Der Alltagsverstand soll in den Bundestag

Mehr Demokratie hatte bereits vor der Einsetzung der Enquete-Kommission eine Beteiligung der Bevölkerung gefordert. Bundesvorstandsmitglied Jacob Birkenhäger begründete dies im Juli 2025 mit den unmittelbaren Folgen der politischen Entscheidungen: „Die Bürgerinnen und Bürger sollten einbezogen werden, denn die Pandemie-Maßnahmen hatten und haben noch heute einen massiven Einfluss auf ihr Leben.“

Der geschäftsführende Bundesvorstand Roman Huber formulierte seine Forderung so: „Es kann nicht sein, dass Politik und Wissenschaft alleine aushandeln, was Politik und Wissenschaft falsch gemacht haben.“

Mehr Demokratie und das nexus Institut hatten in einem Konzeptpapier einen mehrstufigen Beteiligungsprozess vorgeschlagen. Dieser sollte regionale Beratungen, eine Online-Beteiligung und eine anschließende Übergabe der Ergebnisse an die Enquete-Kommission verbinden.

Übergabe im Januar 2027

Im Januar 2027 sollen Vertreterinnen und Vertreter der vier Bürgerforen zu einer Abschlussveranstaltung im Bundestag zusammenkommen. Dort sollen sie die erarbeiteten Ergebnisse an die Enquete-Kommission übergeben.

Die Kommission will die Erfahrungen und Ansichten der Bürgerinnen und Bürger für ihre Arbeit nutzen. Ihr Abschlussbericht soll bis Ende Juni 2027 vorliegen und Empfehlungen für die Vorbereitung und Bewältigung künftiger Pandemien enthalten.

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