Bürgerrat macht Schule

In den Niederlanden zieht die Losdemokratie jetzt in Schulen ein. Ein Projekt der Organisation „Bureau Burgerberaad“ macht es möglich.
Die sogenannten Schulräte folgen dabei denselben Grundsätzen wie ein Bürgerrat: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer werden per Losverfahren ausgewählt und spiegeln gemeinsam die Schulgemeinschaft wider. Mitglieder eines Schulrats können Schülerinnen und Schüler oder Studierende sein, manchmal auch Lehrerinnen und Lehrer und anderes Personal.
Probleme demokratisch angehen
Die Schulrat-Mitglieder arbeiten im Auftrag der Schulleitung an einem komplexen Problem, das diese alleine nicht lösen kann. Die Leitung der Schule nimmt die Vorschläge des Schulrates zur Lösung des Problems an, solange dabei vorher festgelegte Regeln eingehalten werden. Auf diese Weise können Schulen ihre Probleme demokratisch angehen.
Während der Sitzungen des Schulrates lernen Schülerinnen und Schüler oder Studierende, sich Gehör zu verschaffen. Dies stärkt ihr demokratisches Selbstbewusstsein. Sie lernen, dass ihr Beitrag zur Diskussion, zu Entscheidungen und zur Demokratie zählt. Sie erfahren, dass sie gehört werden, aber auch, dass sie gefordert und dass sie gemeinsam für das Ergebnis verantwortlich sind. Um zu guten Ratschlägen zu gelangen braucht es Zeit. Deshalb dauert ein Schulrat etwa fünf Tage, die sich auf zwei bis drei Monate verteilen.
Erste Pilotprojekte
Bureau Burgerberaad hat 2024 in berufsbildenden Schulen die ersten Schulrat-Pilotprojekte gestartet. Drei weitere solche Schulen nehmen an dem Projekt teil. Die Schulräte finden von Februar bis Juni 2025 statt.
Das Ziel ist, langfristig in allen Bildungsbereichen Schulräte zu ermöglichen. Das Pilotprojekt „Schulrat“ konzentriert sich nur auf die berufliche Sekundarbildung, aber Grund- und Sekundarschulen haben bereits Interesse an der Einführung von Schulräten bekundet.
Demokratie-Fitness
Im Rahmen der Schulräte kann auch das Programm „Democracy Fitness“ eingesetzt werden, also das Training der demokratischen Muskeln wie etwa aktives Zuhören, Widerspruch, Kompromisse eingehen und Maßnahmen ergreifen. Für jeden Muskel gibt es eine leicht zugängliche und effektive 30-minütige Trainingseinheit. Gruppen von bis zu 150 Personen können gleichzeitig trainieren.
Die Reaktionen auf das Projekt sind positiv. „Es war wunderbar zu sehen, wie offen und enthusiastisch alle diesem ziemlich aufregenden Abenteuer gegenüberstehen“, schrieb Eva Rovers, Mitgründerin von Bureau Burgerberaad nach der Vorstellung der Schulrat-Idee in einer Firda-Berufsschule.
Verantwortungsvolle Rolle in der Gesellschaft beibringen
„Es passt perfekt zu dem, wie wir die Schüler behandeln wollen und was wir ihnen beibringen wollen, wenn es um eine verantwortungsvolle Rolle in der Gesellschaft geht“, sagte der Firda-Vorsitzende Remco Meijerink.
Thematisch ging es dort um den Umgang mit Handys an der Schule. „Dieses Thema ist etwas anderes als beispielsweise die Farbe des Schuleingangs“, so Meijerink.
„Wer A sagt, muss auch B sagen“
Wenn es darum geht, was in der Firda-Schule mit Handys gemacht wird, können die Meinungen sehr unterschiedlich sein. Aber Meijerink hatte versprochen, dass der Vorstand des Bildungsträgers das Ergebnis der fünftägigen Diskussionen, in denen das Thema von Fachleuten aus allen Blickwinkeln beleuchtet wurde, ernsthaft berät. Bureau Burgerberaad stand dabei beratend zur Seite.
„Wir sind immer damit bereit, auch zu prüfen, ob eine Empfehlung rechtlich, finanziell und praktisch durchführbar ist. Unser Betriebsrat und der Schülerrat werden ebenfalls ein Mitspracherecht haben. Aber klar: Wer A sagt, muss auch B sagen“,
Schulrat gegen generelles Handyverbot
Der Schulrat bei Firda hatte sich am Ende gegen ein generelles Handyverbot an der Schule, aber für klare Einschränkungen während des Unterrichts ausgesprochen. Die wichtigste Empfehlung lautete: Wenn eine Lehrkraft erklärt oder Unterrichtsinhalte vermittelt, gehören die Handys in die Tasche. Außerhalb solcher Erklärungs- und Gesprächsphasen dürfen die Geräte grundsätzlich benutzt werden – etwa als Lernmittel oder in den Pausen.
Interessant ist dabei, dass die Fragestellung bewusst offen angelegt war. Bei Firda – einer großen Berufsschulorganisation mit rund 20.000 Schülerinnen, Schülern bzw. Studierenden und Beschäftigten – beschäftigten sich etwa 100 Studierende und 20 Lehrkräfte in verschiedenen Gruppen mit der Frage, wie mit Smartphones und anderen mobilen Geräten im Unterricht umgegangen werden sollte. Sie hörten Fachleute an und entwickelten anschließend ihre Empfehlungen.
Dabei standen sehr unterschiedliche Möglichkeiten zur Diskussion – von einem vollständigen Handyverbot über technische Lösungen bis hin zur Idee, den Unterricht so attraktiv zu gestalten, dass Studierende weniger zum Smartphone greifen. Das Ergebnis fiel deutlich moderater aus: kein Totalverbot, sondern situationsabhängige Regeln.
Unterricht interessanter gestalten
Die rund 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer stimmten am letzten Beratungstag über Vorschläge aus insgesamt acht Themenfeldern ab. Neben der eigentlichen Handynutzung beschäftigten sie sich deshalb auch mit den Ursachen dafür, dass Studierende während des Unterrichts zum Smartphone greifen.
Ein weiterer Vorschlag erhielt fast 75 Prozent Zustmmung: Der Unterricht sollte interaktiver, praktischer und inspirierender gestaltet werden. Engagierte Lehrkräfte und interessanter Unterricht wurden damit ausdrücklich als Teil der Lösung des Smartphone-Problems betrachtet. Die dahinterstehende Überlegung war recht pragmatisch: Langweiliger Unterricht erhöht die Versuchung, auf das Handy zu schauen.
Mehr gemeinschaftliche Aktivitäten
Ein anderer Vorschlag zielte überhaupt nicht auf technische Regeln. Rund 70 Prozent unterstützten mehr gemeinschaftliche Aktivitäten – beispielsweise gemeinsamen Sport, ein Café oder andere Begegnungsmöglichkeiten in der Schule.
Die Argumentation: Wenn Studierende einander besser kennen, kommen sie beispielsweise in den Pausen leichter miteinander ins Gespräch und verbringen weniger Zeit gemeinsam schweigend vor ihren Bildschirmen.
Damit behandelte der Schulrat übermäßige Smartphone-Nutzung nicht ausschließlich als individuelles Fehlverhalten, sondern auch als soziales Problem des Schulalltags.
Außerdem wurde über mehr Unterricht zu sozialen und digitalen Kompetenzen abgestimmt. Dazu sollte auch Wissen über die Auswirkungen hoher Bildschirmzeiten gehören. Dieser Vorschlag erreichte allerdings nur eine knappe Mehrheit.
Unterschied zur Schülervertretung
Der Schulrat unterscheidet sich von der Schülervertretung. Der Schulrat ist eine intensive, alle einbeziehende und zeitlich begrenzte Form der demokratischen Entscheidungsfindung. Er konzentriert sich auf die Förderung von staatsbürgerlichen Fähigkeiten und die Beteiligung an Diskussionen über wichtige Themen. Die Schülervertretung hingegen ist ein ständiges Gremium, das die Interessen der Schülerschaft vertritt. Beide Formen tragen zur Beteiligung der Schülerinnen und Schüler bei, jedoch auf unterschiedliche Weise und mit unterschiedlichen Zielen.
In Zusammenarbeit mit der Organisation JOBmbo, die die Interessen von Berufsschülerinnen und -schülern und Schülervertretungen vertritt, hat Bureau Burgerberaad ein Faltblatt entwickelt. Dieses erklärt, wie sich ein Schulrat von einer Schülervertretung unterscheidet. Außerdem gibt es Tipps für Schülervertretungen, die sich an einem Schulrat beteiligen möchten.
Hinweis: Dieser Artikel wurde mit Hilfe einer KI verfasst.