Ein Zukunftsrat für Marseille

Die französische Stadt Marseille investiert mit einem Bürgerrat in die Zukunft. Angesichts der großen Herausforderungen, die auf alle in der Stadt warten, denken zufällig geloste Einwohnerinnen und Einwohner der Stadt gemeinsam über die Stadt von morgen nach.
Der Bürgerrat ist
- ein demokratisches Instrument sein, das es ermöglicht, an mittel- und langfristigen Projekten zu arbeiten und ihre Umsetzung in sichtbare Aktionen zu fördern
- ein Instrument der Inklusion sein, das es denjenigen ermöglicht, sich zu artikulieren, die von den derzeitigen demokratischen Verfahren ausgeschlossen sind
- ein Instrument der Wiedergutmachung sein, um Ohnmacht in Handlungsmacht umzuwandeln
- ein Experimentier-Instrument sein, das zum Aufbau von Bürgerkompetenz beiträgt
Die gelosten Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Zukunftsrates arbeiten an Themen, bei denen es um die Stadt von morgen, ihrem Wandel und ihrer Widerstandsfähigkeit etwa gegen den Klimawandel geht. Die Nutzung des Losverfahrens soll eine Vielfalt an teilnehmenden Bürgerinnen und Bürger garantieren. „Dies wird ein Schlüsselelement für den Reichtum und die Repräsentativität der Empfehlungen des Bürgerrates sein“, erklärte Sébastien Barles, stellvertretender Bürgermeister von Marseille, zum Start des Demokratie-Instruments.
111 Bürgerrat-Mitglieder
Der Zukunftsrat besteht aus 111 Bürgerinnen und Bürgern ab 16 Jahren, die jährlich neu aus der Bevölkerung der Stadt ausgelost werden. Sie sollen die Vielfalt der Einwohner und die Eigenheiten der Stadtteile repräsentieren. Die Losversammlung besteht
- zu 60 Prozent aus Einwohnerinnen und Einwohner, die aus dem Wählerverzeichnis ausgelost werden
- zu 16 Prozent aus Jugendlichen zwischen 16 und 18 Jahren bestehen, die über einen Aufruf zur Bewerbung in den weiterführenden Schulen der Stadt gewonnen werden
- zu 24 Prozent aus Einwohnerinnen und Einwohnern, die nicht in den Wählerlisten eingetragen sind (insbesondere ausländische Staatsangehörige). Hierzu soll es Unterstützung von Organisationen geben, die Kontakt zu den entsprechenden Bevölkerungsgruppen haben
Der Bürgerrat arbeitet neben den Plenumssitzungen in vier thematisch abgegrenzten Ausschüssen. Der Zukunftsrat kann Wünsche oder Stellungnahmen zu formulieren, dem Stadtrat einen Beschluss vorschlagen und politische Entscheidungen und Maßnahmen bewerten.
Rückgriff auf andere Bürgerrat-Modelle
Bei der Zusammensetzung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer wird auf verschiedene andere Bürgerrat-Modelle zurückgegriffen. So etwa auf das Verfahren des Demokratiekonvents in Frankfurt/Main, bei dem ein Drittel der Teilnehmerinnen und Teilnehmer über Organisationen und Institutionen gewonnen wird, die die Interessen unterrepräsentierter Bevölkerungsgruppen vertreten, die anders oft nicht zu erreichen und zu mobilisieren sind. Das sind z.B. Wohnungslose, Menschen mit Migrationsgeschichte, Menschen mit körperlichen Einschränkungen, Menschen mit diverser sexueller Orientierung oder Menschen, deren Lebensverhältnisse die Teilnahme an Beteiligungsverfahren kaum erlauben.
Dass Jugendliche im Bürgerrat stärker repräsentiert sind, als es ihrem Bevölkerungsanteil entspricht, war zuvor schon in den zufällig gelosten Bürgerforen der Fall, die im Rahmen der Konferenz zur Zukunft Europas zwischen Mai 2021 und 2022 stattgefunden haben. Begründet wurde dies damit, dass Zukunftsfragen vor allem junge Menschen betreffen.
Erster Bürgerrat
Der erste Bürgerrat arbeitete von März 2023 bis Juni 2024 mit 111 ausgelosten Einwohnerinnen und Einwohnern. Er beriet über nachhaltigen Tourismus, sparsamen und gerechten Umgang mit Wasser, Natur in der Stadt sowie Bürgerbeteiligung und politische Bildung. Die Empfehlungen wurden am 11. Juni 2024 der Stadt übergeben.
Marseille richtete anschließend eine gemeinsame Nachverfolgungskommission aus ehemaligen Mitgliedern und Verwaltung ein, die mehrmals jährlich den Stand der Empfehlungen prüft. Die Stadt veröffentlichte im April 2025 eine erste Antwort und am 30. Juni 2025 eine aktualisierte Umsetzungsbilanz.
Zweite Runde 2025
Am 1. Februar 2025 startete ein vollständig neu ausgeloste zweiter Bürgerrat. Wieder waren 111 Bürgerinnen und Bürger vorgesehen. Das Losverfahren wurde verändert: Statt hauptsächlich auf Wählerlisten zurückzugreifen, wurden Telefonverzeichnisse beziehungsweise Telefonnummernbestände genutzt, um die gesellschaftliche Vielfalt besser abzubilden. Berücksichtigt wurden Wohnbezirk und Geschlecht; mindestens 20 Prozent sollten Jugendliche zwischen 16 und 18 Jahren sein.
Die Stadt gab der zweiten Losversammlung das Thema Frauengesundheit vor. Zusätzlich wählten die Mitglieder selbst Sauberkeit und Verhaltensänderungen im öffentlichen Raum als weiteres Thema. Nach acht Arbeitssitzungen endete die eigentliche Beratungsphase im Juni 2025; die Ergebnisse wurden am 30. Juni 2025 öffentlich vorgestellt.
Verein gegründet
Inzwischen sorgen auch die ehemaligen Mitglieder selbst für Kontinuität. Im Juli 2024 gründeten Mitglieder des ersten Bürgerrates den Verein "Citoyen·ne·s du Futur" – Marseille. Er verfolgt die Umsetzung der Vorschläge, hält Kontakt zwischen den verschiedenen Jahrgängen und versteht sich als unabhängige bürgerschaftliche Kontrollinstanz. Im Herbst 2025 veröffentlichte er zudem ein gemeinsames Manifest.