Klimaschutz ja, aber gerecht

Wie gelingt Klimapolitik, die wirksam ist und zugleich von der Gesellschaft mitgetragen wird? Mit dieser Frage beschäftigte sich die Ariadne-Bürgerdeliberation über drei Jahre hinweg. Die zentrale Erkenntnis: Bürgerinnen und Bürger sind durchaus bereit, auch anspruchsvolle klimapolitische Maßnahmen mitzutragen – wenn deren Nutzen nachvollziehbar ist, soziale Unterschiede berücksichtigt werden und politische Entscheidungen verlässlich kommuniziert werden.

Ergebnisse im Dialog mit Politik und Wissenschaft

Die Ergebnisse der Ariadne-Bürgerdeliberation wurden am 12. Juni 2026 beim Bürgergipfel im Fraunhofer ENIQ in Berlin vorgestellt. Nach Vorträgen von Dr. Ottmar Edenhofer (PIK) und Thomas Kralinski (BMUKN) standen drei thematische Podiumsdiskussionen zu Verkehrswende, Wärmewende und der Finanzierung von Klimapolitik im Mittelpunkt. Dort wurden die Ergebnisse der Bürgerdeliberation gemeinsam mit Vertreterinnen und Vertretern aus Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft diskutiert.

Den Abschluss bildete ein Gespräch mit Bundestagsabgeordneten, die die entwickelten Maßnahmen aus politischer Perspektive einordneten und diskutierten, welche Impulse sie für die zukünftige Klimapolitik mitnehmen. Eine begleitende Ausstellung machte den dreijährigen Prozess und seine Ergebnisse für die Gäste anschaulich erlebbar.

Bürgerdeliberation als Teil der Forschung

Das Kopernikus-Projekt Ariadne entwickelte wissenschaftlich fundierte Optionen für die Gestaltung der Energiewende. Das Besondere: die Bürgerdeliberation war unmittelbar in einen laufenden Forschungsprozess eingebunden – ein Ansatz, der in der Forschungslandschaft bislang eher selten ist. Ariadne band Bürgerinnen und Bürger von Beginn an in einen gemeinsamen Dialog- und Lernprozess mit der Wissenschaft ein.

Ziel war es nicht nur herauszufinden, ob Menschen einzelne Maßnahmen befürworten oder ablehnen, sondern gemeinsam Politikmixe zu entwickeln, die sowohl wissenschaftlich fundiert als auch gesellschaftlich tragfähig sind.

Im Fokus standen drei zentralen Themen der Energiewende:

  • klimafreundliche Mobilität
  • klimaneutrale Wärmeversorgung von Gebäuden
  • Finanzierung von Klimapolitik

Für den Prozess wurden rund 150 Bürgerinnen und Bürger per Zufallsauswahl aus ganz Deutschland ausgewählt. Sie brachten unterschiedliche Lebensrealitäten, politische Einstellungen und Erfahrungen mit. Im Laufe des Prozesses beteiligten sich insgesamt 180 Menschen. Diese Alltags-Expertinnen und -Experten zeigten, welche politischen Maßnahmen sie für eine klimafreundliche Zukunft wünschen und für praktikabel halten – und warum.

Dieses Video bietet einen Rückblick in die Ariadne-Bürgerdeliberation.

Klimapolitik unter realen Bedingungen diskutieren

Herzstück des Prozesses war die Arbeit mit sogenannten Politikmixen. Das Wissenschaftsteam entwickelte Maßnahmen-Steckbriefe für die Verkehrs- und Wärmewende. Diese erläuterten die Maßnahme und machten sichtbar, welche Treibhausgasminderungen zu erwarten sind, welche Kosten für den Staat entstehen und wer davon profitiert bzw. betroffen ist.

Auf dieser Grundlage stellten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zunächst individuell und später in Kleingruppen Politikmixe zusammen. Dabei war es die Aufgabe ein vorgegebenes Einsparziel zu erreichen und gleichzeitig das begrenzte Budget des Staatshaushalts zu berücksichtigen. Genau dadurch entstanden echte politische Abwägungen zwischen Wirksamkeit, Kosten und sozialer Gerechtigkeit.

Ähnlich war die Herangehensweise beim Thema Finanzierung. Hier entwickelte die Wissenschaft vier Politikmixe, die Instrumente wie CO2-Bepreisung, Förderprogramme und Ordnungsrecht unterschiedlich kombinierten, um das Klimaziel 2030 zu erreichen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer diskutierten die vorgeschlagenen Kombinationen, äußerten Sorgen und Bedenken und entwickelten ihre eigenen Vorstellungen von einem tragfähigen Instrumentenmix.

Keine Wunschlisten, sondern echte politische Abwägungen

Dieser Ansatz führte dazu, dass die Maßnahmen und Instrumente nicht einzeln betrachtet wurden, sondern im Zusammenspiel miteinander. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer diskutierten offen Zielkonflikte und mussten Abwägungen treffen: Unter welchen Umständen ist man bereit, eine Maßnahme mitzutragen? Welche Maßnahmen bringt viel Klimaschutz für wenig Geld? Welche Maßnahmen bzw. Politikmixe sind sozial gerecht? Wo braucht es Förderung, wo Regulierung und wo bessere Infrastruktur? Dadurch entstanden realitätsnahe Abwägungen statt idealisierter Wunschlisten.

Bemerkenswert war dabei die Offenheit des Prozesses. Rückmeldungen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer flossen direkt in die Weiterentwicklung der Politikmixe ein. So ergänzte das Wissenschaftsteam beispielsweise zusätzliche Maßnahmen zum Radverkehr oder neue Finanzierungsoptionen wie einen Klima-Soli. In späteren Dialogrunden wurden diese gemeinsam diskutiert und bewertet.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer spiegelten zurück, welche Maßnahmen sie für wirksam, gerecht und alltagstauglich halten und wie ein „idealer“ Politikmix aussehen könnte. So entstand eine Debatte, die nicht bei technisch machbaren oder kosteneffizienten Lösungen stehenbleibt, sondern die gesellschaftlichen Grundlagen politischer Entscheidungen konsequent mit in den Blick nimmt.

Hier können Sie die Ergebnisse selbst erkunden und ihren eigenen Politikmix zusammenstellen.

Was die Bürgerinnen und Bürger der Politik mitgeben

Über alle drei Themen hinweg zeigt sich ein konsistentes Bild: Klimapolitik kann auf breite Zustimmung stoßen – wenn sie verständlich, wirksam und gerecht gestaltet ist. Die Teilnehmenden forderten Verlässlichkeit statt kurzfristiger Kurswechsel, nachvollziehbare Begründungen für politische Entscheidungen und eine ehrliche Kommunikation.

Die zentralen Ergebnisse sind hier in der Abschlusszeitung dargestellt.

Verkehrswende: Alternativen schaffen und fair lenken

Die Bürgerinnen und Bürger unterstützten zahlreiche Maßnahmen für mehr Klimaschutz im Verkehr. Besonders große Zustimmung fanden das Deutschlandticket, der Ausbau des öffentlichen Verkehrs, der Ausbau des Radverkehrs, ein Tempolimit von 130 km/h auf Autobahnen sowie der schrittweise Abbau fossiler Subventionen wie des Dieselprivilegs. Gleichzeitig wurde deutlich: Höhere Preise für klimaschädliches Verhalten werden nur dann als gerecht wahrgenommen, wenn attraktive Alternativen bereits vorhanden sind. Der Ausbau von ÖPNV und Radverkehr sollte deshalb Vorrang haben, bevor zusätzliche finanzielle Belastungen eingeführt werden.

Wärmewende: Klarer Kurs statt Unsicherheit

Auch bei der Wärmeversorgung zeigte sich eine hohe Bereitschaft zur Veränderung – allerdings unter bestimmten Bedingungen. Die Teilnehmenden unterstützten mehrheitlich den Verzicht auf fossile Heizungen im Neubau. Deutlich kritischer wurden verpflichtende Vorgaben im Gebäudebestand bewertet. Wichtig waren den Bürgerinnen und Bürgern vor allem Planungssicherheit, soziale Ausgewogenheit und verständliche Informationen. Sozial gestaffelte Förderprogramme, unabhängige Energieberatung und flexible Lösungen erhielten deutlich mehr Unterstützung als starre Vorgaben.

Finanzierung: Klimaschutz ja, aber gerecht

Beim Thema Finanzierung wurde besonders intensiv über Verteilungsgerechtigkeit diskutiert. Die Teilnehmenden befürworteten Politikmixe mit direkter ökologischer Lenkungswirkung wie die CO₂-Bepreisung. Voraussetzung dafür war jedoch eine sozial gerechte Ausgestaltung – etwa durch Klimageld, sozial gestaffelte Förderprogramme oder die stärkere Beteiligung finanziell leistungsfähiger Haushalte. Eine Erhöhung der Mehrwertsteuer wurde abgelehnt.

Komplexe Themen verständlich aufbereiten

Eine besondere Rolle im Deliberationsprozess spielten dabei Visualisierungen. Lernmodule, Maßnahmen-Steckbriefe, Illustrationen und Videos unterstützten die Diskussionen mit den Teilnehmenden. Komplexe Informationen zu Klimawirkungen, Staatskosten oder gesellschaftlichen Auswirkungen wurden so verständlich aufbereitet und diskutierbar gemacht.

Auf dem Bürgergipfel wurde der mehrjährige Prozess und die Ergebnisse anschaulich aufbereitet. Eine Ausstellung führte durch die zentralen Ergebnisse und machte die entwickelten Politikmixe sichtbar. Auch konnten die Gäste an Tablets ihren eigenen Politikmix zusammenstellen.

Gesellschaftliche Akzeptanz entsteht im Dialog

Die Ariadne-Bürgerdeliberation zeigt eindrucksvoll, dass Menschen bereit sind, sich intensiv mit komplexen Fragen der Klima- und Energiepolitik auseinanderzusetzen. Gesellschaftliche Akzeptanz wächst dort, wo Menschen nachvollziehen können, warum Maßnahmen notwendig sind, welche Folgen sie haben und wie unterschiedliche Interessen gegeneinander abgewogen wurden. Dafür brauchen sie Zeit, verständliche Informationen und die Möglichkeit, unterschiedliche Sichtweisen und Fragen miteinander abzuwägen.

Gerade darin liegt auch der Mehrwert für die Wissenschaft. Während Umfragen oft erfassen, ob Menschen einzelne Maßnahmen gut oder schlecht finden, macht Deliberation sichtbar, warum sie zu dieser Einschätzung kommen und unter welchen Bedingungen sie bereit wären, politische Entscheidungen mitzutragen.

Der Ariadne-Bürgergipfel markierte damit nicht nur das Ende eines Projekts. Er zeigte auch das Potenzial eines Ansatzes, der Wissenschaft und Gesellschaft nicht getrennt voneinander denkt, sondern gemeinsam nach tragfähigen Lösungen suchen lässt.

Nach oben