Weniger Schweine, mehr Platz

Ein dänischer Bürgerrat fordert einen tiefgreifenden Umbau der Schweinehaltung. Die ausgelosten Bürgerinnen und Bürger wollen weniger Tiere, mehr Platz, strengere Kontrollen und ein Ende des Exports lebender Schweine. Nun muss die Politik zeigen, wie ernst sie ihre eigenen Beteiligungsversprechen nimmt.

Scharfes Urteil

Es ist ein ungewöhnlich scharfes Urteil über einen der wichtigsten Zweige der dänischen Landwirtschaft. „Wir können die Art der Schweinehaltung, die wir in Dänemark haben, nicht fortsetzen“, schreiben die Mitglieder eines landesweiten Bürgerrates zum Tierwohl. Sie wollen deutlich weniger Schweine, wesentlich bessere Lebensbedingungen und einen Umbau von der Massenproduktion hin zu einer Haltung, bei der Tierwohl und Qualität wichtiger werden.

Am 2. September 2026 übergab der Bürgerrat seine acht Empfehlungen mit 33 einzelnen Maßnahmen an den dänischen Minister für Natur und Tierwohl, Christian Rabjerg Madsen, und den Umwelt- und Lebensmittelausschuss des Parlaments. Die Vorschläge gehen weit über kleinere Verbesserungen hinaus. Der Rat verlangt unter anderem mehr Platz, ein Ende des routinemäßigen Schwanzkupierens, schärfere Kontrollen, unabhängige Forschung und eine starke Verringerung der Umweltbelastung.

Vom Losbrief zum Bürgerrat

Ausgangspunkt war die dänische Tierwohlvereinbarung „Sammen om Dyrene“ von 2024. Damals beschloss eine breite Mehrheit im Parlament, Bürgerinnen und Bürger stärker an Entscheidungen über Tierwohl zu beteiligen. Im Herbst 2025 erhielten 10.012 zufällig ausgewählte Erwachsene eine Einladung. 491 erklärten sich zur Teilnahme bereit. Daraus wurden 36 Menschen so ausgelost, dass Alter, Geschlecht und Region möglichst gut der Bevölkerung entsprachen. Am Ende nahmen noch 31 Mitglieder regelmäßig teil.

Zwischen Januar und April traf sich der Bürgerrat fünfmal und arbeitete insgesamt rund 32 Stunden. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer hörten Fachleute aus Wissenschaft und Landwirtschaft, Vertreterinnen und Vertreter von Tierschutzorganisationen und Schweinehalterinnen und -halter. Danach schrieben sie ihre Empfehlungen selbst. We Do Democracy und Democracy X organisierten und begleiteten das Verfahren unabhängig vom Ministerium.

Der damalige Landwirtschaftsminister Jacob Jensen von der liberalen Partei Venstre hatte den Bürgerrat mit der Hoffnung eröffnet, „ganz gewöhnlichen Dänen“ eine Stimme zu geben. Je mehr Sichtweisen einbezogen würden, desto besser könnten Entscheidungen zum Tierwohl werden, sagte er.

Ein Land der Schweine

Über kaum ein anderes Nutztier lässt sich in Dänemark beraten, ohne zugleich über einen bedeutenden Wirtschaftszweig zu sprechen. Am 1. Januar 2026 lebten 12,3 Millionen Schweine im Land – bei knapp sechs Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern also etwa zwei Schweine pro Kopf. Noch größer ist die Zahl der Tiere, die im Laufe eines Jahres die dänischen Betriebe durchlaufen: Nach Angaben des Branchenverbandes Landbrug & Fødevarer wurden 2025 insgesamt 31,8 Millionen Schweine produziert.

Die Branche hat sich dabei in den vergangenen Jahren verändert. Anfang 2025 gab es rund 11,6 Millionen Schweine; zehn Jahre zuvor waren es noch neun Prozent mehr. Besonders stark sank die Zahl der schwereren Mastschweine. Ein Grund dafür ist jedoch nicht allein eine schrumpfende Produktion, sondern eine Verlagerung ins Ausland: Dänemark exportiert inzwischen enorme Mengen lebender Ferkel, vor allem nach Deutschland und Polen, wo sie gemästet und geschlachtet werden. Seit dem zweiten Quartal 2023 werden mehr Ferkel ausgeführt, als Mastschweine in Dänemark geschlachtet werden.

Allein im zweiten Quartal 2025 wurden 4,1 Millionen lebende Schweine exportiert, während 3,3 Millionen Tiere in Dänemark geschlachtet wurden. Seit 2017 sind nach Angaben des dänischen Statistikamtes 98 Prozent der ausgeführten lebenden Schweine Ferkel. Damit erklärt sich auch, warum der Bürgerrat nicht nur über die Bedingungen in dänischen Ställen spricht, sondern den Export lebender Tiere grundsätzlich infrage stellt.

Es steht viel auf dem Spiel

Wirtschaftlich steht viel auf dem Spiel. Nach Angaben des Branchenverbandes erwirtschaftete die dänische Schweinebranche 2025 Ausfuhren im Wert von 36,9 Milliarden dänischen Kronen, umgerechnet knapp fünf Milliarden Euro. Der Verband führt 33.300 Arbeitsplätze unmittelbar und mittelbar auf die Schweineproduktion zurück. Die wichtigsten Auslandsmärkte sind Polen, Deutschland, Großbritannien, China und Italien. Die Exportzahlen stammen zwar aus der Branche selbst, beruhen nach deren Angaben auf Daten des dänischen Statistikamtes.

Diese Größenordnungen geben den Empfehlungen des Bürgerrates ihr eigentliches Gewicht. Wenn die ausgelosten Bürgerinnen und Bürger weniger Schweine, mehr Platz und möglicherweise den Verzicht auf einen erheblichen Teil des Exports lebender Tiere verlangen, sprechen sie nicht über eine Nische der Landwirtschaft. Sie greifen in ein Wirtschaftsmodell ein, das Dänemark seit mehr als einem Jahrhundert geprägt hat.

Drei Mal so viel Platz

Besonders weit reicht die Forderung nach mehr Raum. Für alle Schweine soll künftig mindestens 1,3 Quadratmeter Stallfläche und 2,4 Quadratmeter Außenfläche zur Verfügung stehen. Neue Ställe sollen diese Vorgabe sofort erfüllen, bestehende Betriebe schrittweise bis 2040. Hinzu kommen Anforderungen an Beschäftigungsmaterial, Fütterung und Möglichkeiten zum Wühlen und Erkunden.

Auch Sauen sollen grundlegend anders gehalten werden. Der Bürgerrat fordert mehr Platz rund um die Geburt, Nestbaumaterial und ein Ende der Fixierung. Das Schwanzkupieren soll tatsächlich beendet werden. Kontrollen sollen häufiger und Verstöße deutlich härter geahndet werden. Wiederholte schwere Verstöße könnten nach Vorstellung des Rates bis zum Verlust des Rechts führen, Tiere zu halten.

Dabei stellt der Bürgerrat ausdrücklich infrage, ob Dänemark seine heutige Rolle als großer Schweineexporteur beibehalten sollte. Statt möglichst vieler Tiere solle das Land künftig weniger Schweine halten und Fleisch mit höheren Tierwohlstandards erzeugen. Wenn die bestehende konventionelle Haltung unverändert fortgeführt werde, hält der Rat sogar eine Verringerung dieses Bereichs um 95 Prozent für angemessen.

Keine Wunschliste

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren sich bemerkenswert einig. Die 33 Maßnahmen erhielten im Durchschnitt 97 Prozent Zustimmung. Niemand machte von der Möglichkeit Gebrauch, eine abweichende Minderheitenmeinung zu veröffentlichen.

Gunnar Sigaard Simonsen, ehemaliger Lehrer und einer der Teilnehmer, beschreibt die Erfahrung so: Wenn gewöhnliche Bürgerinnen und Bürger außerhalb der Parteipolitik zusammenkämen und „wirklich Raum bekommen, einander zuzuhören“, entstehe eine besondere Form des Gesprächs. Der Bürgerrat habe den Mitgliedern zugleich Verständnis und „eine klare Stimme in der Debatte“ gegeben.

Auch die Fachleute, die den Bürgerrat wissenschaftlich begleiteten, ziehen ein positives Urteil. Der Tierethiker Peter Sandøe von der Universität Kopenhagen, der Philosoph und Tierethiker Mickey Gjerris sowie die Tierwohlforscherin Lene Juul Pedersen von der Universität Aarhus schreiben, der Rat habe ein ausgewogenes Wissensangebot erhalten und damit „gute Voraussetzungen“, um die schwierigen Fragen der dänischen Schweinehaltung zu beurteilen.

Ein demokratisches Versuchsfeld

Für Johan Galster, Geschäftsführer von We Do Democracy und einer der Durchführenden, liegt die Bedeutung des Verfahrens deshalb nicht allein beim Tierwohl. Für das dänische Parlament sei der Bürgerrat ein „Neuanfang“, der zeigen könne, wie Bürgerinnen und Bürger künftig als Alltagsexpertinnen und Alltagsexperten schon an der Vorbereitung von Gesetzen beteiligt werden könnten.

Bjørn Bedsted von Democracy X betont, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer hätten nicht einfach Forderungen gesammelt. Sie hätten Fachleute und Interessengruppen mit unterschiedlichen Sichtweisen gehört und sich mit den Folgen ihrer Vorschläge auseinandergesetzt. Deshalb seien die Empfehlungen „keine unverbindliche Wunschliste“, sondern ein Beitrag zu den kommenden politischen Verhandlungen.

Die Durchführenden äußern zugleich Selbstkritik. Für künftige nationale Bürgerräte empfehlen sie mehr Beratungszeit, ein breiteres Wissensangebot, eine Vergütung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer und mehr Mittel, um die Ergebnisse anschließend politisch zu verankern. Der dänische Versuch sei bewusst mit begrenztem Zeit- und Geldaufwand durchgeführt worden.

Jetzt beginnt der schwierige Teil

Natur- und Tierwohlminister Christian Rabjerg Madsen von den Sozialdemokraten versprach bei der Übergabe, die Vorschläge ernst zu nehmen. Wenn Bürgerinnen und Bürger Zeit und Kraft investierten, um sich gründlich mit der Schweinehaltung zu beschäftigen, müsse die Politik ihnen zuhören. Die Empfehlungen sollen in die Arbeit einer geplanten Vierergruppe zur Zukunft der Schweinehaltung einfließen.

Doch schon bei der Übergabe wurde sichtbar, wie groß der Abstand zwischen Bürgerempfehlung und politischer Entscheidung werden kann. Lars Aagaard von den Moderaten, Vorsitzender des zuständigen Parlamentsausschusses, lobte zwar den Bürgerrat, zeigte sich aber skeptisch gegenüber einem vollständigen Verbot der Ausfuhr lebender Schweine. Einige Vorschläge seien „ziemlich wild und endgültig formuliert“, sagte er. Ihm fehle vor allem eine Berechnung der wirtschaftlichen Folgen.

Gerade deshalb wird der Bürgerrat nun zu einem Prüfstein für das Verfahren selbst. Das Ministerium hat sich verpflichtet, die Empfehlungen mit den Parteien der Tierwohlvereinbarung zu beraten. Das Tierethische Gremium und die zuständige Fachbehörde sollen sie prüfen. Innerhalb von sechs Monaten soll der Bürgerrat erfahren, was politisch aus seinen Vorschlägen geworden ist; nach zwei Jahren soll eine weitere Bilanz folgen. Eine Verpflichtung zur Umsetzung gibt es jedoch nicht.

Der Bürgerrat hat seine Aufgabe damit erledigt. Er hat nicht nur gefordert, dass Schweine besser leben sollen. Er hat auch ausgesprochen, welchen Preis die Gesellschaft dafür aus seiner Sicht akzeptieren müsste: höhere Fleischpreise, weniger Produktion und möglicherweise den Verlust von Marktanteilen. Nun liegt die schwierigere Frage bei den Politikerinnen und Politikern: ob sie bereit sind, Entscheidungen zu treffen, nachdem sie die Bürgerinnen und Bürger ausdrücklich um Rat gebeten haben.

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