Wie soll Pinneberg mit Hitze und Starkregen umgehen?

In Pinneberg hat 11. September 2026 ein Bürgerrat zur Klimaanpassung seine Arbeit aufgenommen. 30 zufällig ausgeloste Einwohnerinnen und Einwohner sollen darüber beraten, wie ihre Stadt mit Hitze, Starkregen und anderen Folgen des Klimawandels umgehen soll. Das Besondere: Einige ihrer Vorschläge könnten anschließend allen Wahlberechtigten zur Abstimmung vorgelegt werden.
Pinneberg hat ein Problem
Pinneberg hat ein Problem, das inzwischen fast jede deutsche Stadt kennt. Wenn es heiß wird, heizen sich Straßen und Gebäude auf. Wenn es heftig regnet, muss das Wasser irgendwohin. Mehr Grün, entsiegelte Flächen, begrünte Dächer und Fassaden oder das Prinzip der Schwammstadt können helfen. Doch all das kostet Geld – und vor allem Platz. Wo eine Fläche Regenwasser aufnehmen soll, kann sie womöglich nicht mehr als Straße, Parkplatz oder Baufläche dienen.
Genau über solche Konflikte sollen von diesem Freitag an 30 Pinnebergerinnen und Pinneberger beraten. Am 11. und 12. sowie am 25. und 26. September kommt der Bürgerrat zur Klimaanpassung zusammen. Fachleute sollen zunächst Wissen vermitteln, anschließend diskutieren die Ausgelosten miteinander und formulieren Empfehlungen. Es geht nicht mehr darum, ob sich Pinneberg auf die Folgen des Klimawandels einstellen muss. Es geht darum, wie – und was die Stadt dafür zu verändern bereit ist.
Ein „Klein Pinneberg“
Die 30 Mitglieder sind nicht gewählt worden und haben sich auch nicht einfach anmelden können. Ende April schrieb die Stadt 1.500 zufällig aus dem Melderegister ausgewählte Einwohnerinnen und Einwohner an. 154 davon erklärten sich zur Teilnahme bereit. Aus dieser Gruppe wurde anschließend noch einmal so ausgewählt, dass Alter, Geschlecht, Bildungsabschluss und Migrationshintergrund der Zusammensetzung der Stadt möglichst nahekommen.
Bürgermeister Thomas Voerste nennt das Ergebnis ein „Klein Pinneberg“. Die Zusammensetzung sei eine gute Voraussetzung, um „tragfähige Vorschläge für die Klimaanpassung Pinnebergs“ zu entwickeln. Zugleich verbindet er mit dem Verfahren eine demokratische Hoffnung: „Das gesamte Verfahren kann den demokratischen Prozess in unserer Gesellschaft stärken.“
Bürgervorsteherin Natalina di Racca-Boenigk beschreibt den Gedanken noch anschaulicher. Im Bürgerrat könne „eine Juristin neben einer Friseurin oder eine Trans-Person neben einem Konservativen“ sitzen – Menschen also, die im Alltag womöglich nie miteinander ins Gespräch gekommen wären. Gerade darin sieht sie die Stärke des Verfahrens. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sollten nicht über politische Lager streiten, sondern gemeinsam nach Lösungen suchen: „Das ist gelebte Demokratie.“
Klimaanpassung beginnt auf dem Boden
Worüber die 30 Menschen beraten werden, klingt zunächst technisch. Doch Milan Bogojević von der Pinneberger Stabsstelle Stadtentwicklung und Klima macht deutlich, wie schnell Klimaanpassung zur Verteilungsfrage wird. Viele Maßnahmen seien baulicher Art und kosteten Geld, sagt er – Geld, „das die Kommunen heute kaum haben“. Hinzu kämen unterschiedliche Ansprüche an den öffentlichen Raum.
Ein Beispiel ist die Entsiegelung. Asphaltierte oder gepflasterte Flächen können Regenwasser kaum aufnehmen. Werden sie entsiegelt, kann Wasser versickern, bei Starkregen zurückgehalten werden und über Pflanzen und Böden wieder verdunsten. Doch eine entsiegelte Fläche steht möglicherweise nicht mehr für eine Straße oder eine andere Nutzung zur Verfügung. Genau dann, sagt Bogojević, beginne der Widerstand einzelner Gruppen.
Pinneberg probiert manches bereits aus. Bei einem Bauvorhaben setzt die Stadt auf Elemente einer Schwammstadt: Regenwasser wird nicht einfach in die Kanalisation geleitet, sondern in Grünflächen gespeichert, wo es verdunsten und zugleich zur Kühlung beitragen kann. Hinzu kommen Dach- und Fassadenbegrünung, ein Trinkbrunnen sowie eine Karte mit kühlen Orten, an die sich Menschen bei großer Hitze zurückziehen können. Und auch Privatleute könnten etwas tun, sagt Bogojević – etwa „auf den Schottergarten verzichten“ und Flächen stattdessen begrünen.
Vom Bürgerrat zum Bürgerentscheid
Der eigentliche demokratische Versuch beginnt jedoch erst nach den vier Sitzungstagen. Der Bürgerrat soll seine Empfehlungen in einem Bürgergutachten zusammenfassen und der Ratsversammlung übergeben. Politik und Verwaltung prüfen sie anschließend fachlich. Die Ratsversammlung entscheidet, welche Vorschläge sie selbst aufgreift – und ob sich einzelne Fragen für einen Bürgerentscheid eignen.
Nach der bisherigen Planung könnte dieser Bürgerentscheid gemeinsam mit der schleswig-holsteinischen Landtagswahl am 18. April 2027 stattfinden. Anders als die Empfehlungen des Bürgerrates wäre sein Ergebnis verbindlich. Aus der Beratung von 30 ausgelosten Menschen könnte so eine Entscheidung aller abstimmungsberechtigten Pinnebergerinnen und Pinneberger werden.
Das ist der Kern des Modellprojekts „Klima trifft Kommune“, das von Mehr Demokratie und der Gesellschaft für Klima und Demokratie getragen wird. Neben Pinneberg beteiligen sich Flensburg, Osterburg in Sachsen-Anhalt und Marzahn-Nord in Berlin. Die Verfahren verbinden geloste Beratung mit einer anschließenden politischen beziehungsweise öffentlichen Entscheidung über Empfehlungen.
Die Frage nach der Verbindlichkeit
Steffen Krenzer, Projektleiter von „Klima trifft Kommune“, sieht gerade in dieser Verbindung eine Antwort auf eine Schwäche vieler Beteiligungsverfahren. „Maßnahmen der Klimaanpassung betreffen die ganze Bevölkerung“, sagt er. Wer die Menschen früh beteilige, könne nicht nur bessere Lösungen finden, sondern diese anschließend auch verbindlich beschließen. „Beteiligung schafft Legitimation und erleichtert die Umsetzung.“ Gerade schwierige Fragen, etwa Konflikte um die Nutzung knapper Flächen, könnten auf diese Weise bearbeitet werden.
Damit berührt Pinneberg eine alte Streitfrage der Bürgerräte: Was geschieht mit ihren Empfehlungen? Geloste Bürgerinnen und Bürger können sich wochen- oder monatelang informieren und beraten – doch wenn ihre Vorschläge danach lediglich entgegengenommen werden, droht Enttäuschung. In Pinneberg soll deshalb von Anfang an feststehen, wie es weitergeht: Bürgergutachten, fachliche Prüfung, Ratsversammlung und möglicherweise Bürgerentscheid.
Ganz automatisch wird aus einer Empfehlung allerdings keine Abstimmungsfrage. Die Ratsversammlung behält eine entscheidende Rolle. Sie entscheidet, ob und welche Empfehlungen den Bürgerinnen und Bürgern zur Abstimmung vorgelegt werden. Der Bürgerrat bekommt damit erheblichen Einfluss auf die politische Tagesordnung, aber nicht die letzte Entscheidung darüber, was auf dem Stimmzettel steht.
Ein Beschluss mit Vorgeschichte
Dass Pinneberg diesen Weg überhaupt geht, war politisch keineswegs selbstverständlich. Am 10. Oktober 2024 stimmte die Ratsversammlung mit 23 zu 16 Stimmen für die Teilnahme am Modellprojekt. Ursprünglich sollte das Verfahren erheblich früher stattfinden; der Zeitplan wurde später verschoben. Inzwischen ist aus dem zunächst breiteren Themenfeld Klimaschutz und Klimaanpassung ein Bürgerrat geworden, der sich ausdrücklich auf die Anpassung an die bereits spürbaren Folgen des Klimawandels konzentriert.
Voerste hatte den Bürgerrat schon früh als Möglichkeit bezeichnet, die Menschen stärker in Entscheidungen vor Ort einzubeziehen. Die Klimaziele seien nur erreichbar, „wenn wir die Bürgerinnen und Bürger auf dem Weg bestmöglich mitnehmen“. Der Bürgerrat könne dafür „ein wichtiger Baustein sein“.
Dabei liegt in der Konzentration auf Klimaanpassung eine gewisse politische Raffinesse. Über abstrakte Emissionsziele lässt sich leicht grundsätzlich streiten. Bei einem überhitzten Platz, einem überfluteten Keller oder einem Baum, der Schatten spendet, wird Klimapolitik konkret. Zugleich verschwinden die Konflikte nicht. Wer Flächen entsiegelt, Parkplätze verändert, Straßen umbaut oder Geld für Begrünung ausgibt, verteilt knappe Ressourcen neu.
Dreißig Menschen und eine ziemlich große Frage
Bogojević sieht in dem Verfahren deshalb mehr als eine Methode zur Sammlung von Ideen. Viele Menschen seien mit Ergebnissen der parlamentarischen Demokratie unzufrieden, gerade bei umstrittenen Fragen gebe es Zweifel daran, ob die Politik die richtigen Maßnahmen wähle. Wenn Bürgerinnen und Bürger dagegen zunächst umfassend informiert würden und anschließend selbst über Maßnahmen berieten, habe das „eine andere Wirkung, als wenn einzig die Politik entscheidet“.
Ob diese Hoffnung trägt, wird sich erst zeigen. Die 30 Pinnebergerinnen und Pinneberger müssen zunächst vier Tage lang zuhören, nachfragen, widersprechen und Kompromisse finden. Danach muss die Ratsversammlung zeigen, wie ernst sie die Ergebnisse nimmt. Und schließlich könnten im April 2027 alle Wahlberechtigten entscheiden.
Vielleicht liegt gerade darin das Interessante an diesem kleinen Versuch vor den Toren Hamburgs. Klimaanpassung wird häufig als Sache von Ingenieurinnen und Ingenieuren, Stadtplanerinnen und Stadtplanern oder Umweltfachleuten behandelt. In Pinneberg wird daraus für zwei Septemberwochenenden eine Bürgerfrage: Wie soll eine Stadt aussehen, in der Menschen auch bei mehr Hitze und Starkregen gut leben können – und was sind sie bereit, dafür zu verändern?