Wie soll Pinneberg mit Hitze und Starkregen umgehen?

Mehr Grün, weniger versiegelte Flächen und besserer Schutz vor Hitze: Der Pinneberger Bürgerrat zur Klimaanpassung hat seine Empfehlungen vorgelegt. Die zufällig ausgelosten Bürgerinnen und Bürger haben neun Ziele und 15 konkrete Maßnahmen entwickelt. Außerdem schlagen sie Themen vor, über die 2027 in einem Bürgerentscheid abgestimmt werden könnte.
Wie soll Pinneberg mit zunehmender Hitze und Starkregen umgehen? Welche Maßnahmen sind besonders wichtig? Und worüber sollten am Ende alle Bürgerinnen und Bürger entscheiden? Mit diesen Fragen beschäftigte sich der Pinneberger Bürgerrat an vier Sitzungstagen zwischen dem 11. und 26. September 2026. Die Mitglieder hörten Fachleute an, diskutierten miteinander und erarbeiteten schließlich ein Bürgergutachten.
Die Ratsversammlung hatte die Durchführung des Bürgerrates bereits im Oktober 2024 beschlossen. Das Thema Klimaanpassung wurde im Dezember 2025 in einem gemeinsamen Workshop von Mitgliedern der Ratsversammlung und der Fachverwaltung festgelegt. Der Bürgerrat sollte beantworten, wie die Stadt Klimaanpassung umsetzen soll, welche Themen dabei Priorität haben und worüber möglicherweise in einem Bürgerentscheid abgestimmt werden könnte.
Ein „Klein Pinneberg“
Für den Bürgerrat hatte die Stadt 1.500 zufällig ausgewählte Einwohnerinnen und Einwohner angeschrieben. Mehr als 150 sagten ihre Teilnahme zu. Aus den Rückmeldungen wurde anschließend eine Gruppe zusammengestellt, die die Vielfalt der Stadt hinsichtlich Alter, Geschlecht, Bildungsabschluss und Herkunft möglichst gut abbilden sollte.
An den Beratungen beteiligten sich schließlich 28 Bürgerinnen und Bürger. Bürgermeister Thomas Voerste und Bürgervorsteherin Natalina di Racca-Boenigk bezeichnen die Gruppe im Bürgergutachten als ein „Mini-Pinneberg“. An zwei Wochenenden diskutierten die Mitglieder in insgesamt vier Sitzungen, hörten Fachleute an und entwickelten ihre Empfehlungen.
Parallel dazu erarbeitet die Stadt mit den Fachbüros ZEBAU und rabe landschaften ein Klimaanpassungskonzept. Beide Prozesse wurden miteinander verbunden: Die Fachleute stellten dem Bürgerrat ihre bisherigen Analysen vor und gaben Rückmeldungen zu seinen Vorschlägen. Umgekehrt sollen die Empfehlungen des Bürgerrates in die weitere Arbeit am Klimaanpassungskonzept einfließen.
Klimaanpassung soll überall mitgedacht werden
Zunächst verständigte sich der Bürgerrat auf neun übergeordnete Ziele. Die größte Zustimmung erhielt die Forderung nach einer Gesamtstrategie: Die Stadt soll vorausschauend planen und Klimaanpassung künftig bei allen Vorhaben berücksichtigen. 15 Mitglieder erklärten dieses Ziel zu einer ihrer drei wichtigsten Prioritäten.
Mit 14 Stimmen folgt der besondere Schutz gefährdeter Bevölkerungsgruppen. Zwölf Stimmen erhielt das Ziel, vorhandenes Grün zu erhalten und auszuweiten.
Weitere Ziele sind ein nachhaltiger Umgang mit Wasser, mehr Hochwasservorsorge und Entsiegelung, zusätzliche kühle Orte und Schatten sowie eine bessere Information der Bevölkerung über die Folgen des Klimawandels.
15 konkrete Maßnahmen
Aus diesen Zielen entwickelte der Bürgerrat 15 konkrete Empfehlungen. Am meisten Zustimmung erhielt die Forderung, stadteigene Gebäude zu begrünen und öffentliche Flächen zu entsiegeln – insbesondere Schulhöfe. Zwölf Mitglieder setzten diese Maßnahme unter ihre wichtigsten Empfehlungen; Bedenken dagegen gab es bei der Abstimmung nicht.
Die Stadt soll ihre Gebäude deshalb auf Möglichkeiten zur Dach- und Fassadenbegrünung prüfen. Schulhöfe sollen entsiegelt und begrünt werden. Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte und Familien sollen möglichst in die Planung einbezogen werden.
Jeweils zehn Stimmen erhielten zwei weitere Vorschläge: Die Innenstadt und ihre Umgebung sollen grüner werden und auf öffentlichen Plätzen soll mehr Schatten entstehen. Der Bürgerrat wird dabei sehr konkret. Im Rosengarten sollen etwa die Sitzflächen beschattet werden. Zwischen Miteinanderweg und Bahnhof soll mehr Grün Schatten spenden, Teile der Fußgängerzone könnten entsiegelt werden und öffentliche Spielplätze sollen auf zusätzliche Beschattungsmöglichkeiten überprüft werden.
Für die Begrünung der Stadt schlägt der Bürgerrat zudem Stadtteilgärtnerinnen und Stadtteilgärtner vor, die örtliche Projekte unterstützen. Aktionstage sowie Baum- und Beetpatenschaften könnten Bürgerinnen und Bürger unmittelbar beteiligen.
Schutz vor Hitze und Starkregen
Der Bürgerrat empfiehlt außerdem öffentlich zugängliche, klimaangepasste Räume. Von überall in der Stadt soll innerhalb von 15 Minuten ein Schutzraum erreichbar sein, in dem es Wasser und Sitzgelegenheiten gibt. Dafür könnten städtische Gebäude und Schulen, aber auch Kirchen, Einrichtungen von Wohlfahrtsverbänden, Supermärkte oder Fitnessstudios genutzt werden.
Auch Bushaltestellen sollen besser gegen Extremwetter schützen. Bestehende Haltestellen ohne Wartehäuschen sollen nach Möglichkeit eines erhalten. Vorgeschlagen werden unter anderem größere Häuschen, begrünte Dächer, Klappsitze, ausreichende Beleuchtung und gegebenenfalls Photovoltaikanlagen. Der Bürgerrat empfiehlt, zunächst mit einem Pilotprojekt zu beginnen.
Beim Umgang mit Starkregen setzt die Gruppe auf das Prinzip der Schwammstadt. Zusätzliche Regenrückhaltebecken sollen Wasser möglichst nicht nur kurzfristig aufnehmen, sondern für trockene Zeiten speichern. Auch private Haushalte sollen durch finanzielle Anreize beim Bau von Zisternen unterstützt werden.
Weitere Empfehlungen betreffen die Klimaanpassung in Schulen, Kitas, Krankenhäusern und Pflegeheimen, die Öffentlichkeitsarbeit der Stadt, den Umgang mit Schottergärten sowie einen bewussteren Umgang mit Ressourcen in städtischen Gebäuden.
Bürgerinnen und Bürger sollen weiter mitreden
Eine der Empfehlungen betrifft die Bürgerbeteiligung selbst. Der Bürgerrat schlägt eine digitale Plattform „Klimaangepasstes Pinneberg“ vor. Dort könnten Bürgerinnen und Bürger beispielsweise Vorschläge zur Klimaanpassung machen. Informations- und Beteiligungsveranstaltungen sollen das digitale Angebot ergänzen, damit auch Menschen ohne entsprechenden Zugang mitwirken können.
Die Entscheidungskompetenz soll dabei bei der Ratsversammlung bleiben. Die Ergebnisse der Beteiligung sollen ihr als Entscheidungshilfe dienen.
Drei Favoriten für einen Bürgerentscheid
Eine Besonderheit des Pinneberger Projekts ist die geplante Verbindung des Bürgerrates mit einem Bürgerentscheid. Deshalb diskutierten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auch darüber, welche Klimaanpassungsthemen sich für eine verbindliche Abstimmung eignen.
Insgesamt entwickelte der Bürgerrat neun mögliche Abstimmungsthemen. Die drei Favoriten sind mehr Schatten im öffentlichen Raum, die Entsiegelung öffentlicher Flächen und klimafitte Bushaltestellen in der ganzen Stadt.
Dabei ist noch nicht entschieden, welche Vorschläge tatsächlich zur Abstimmung kommen. Verwaltung und Kommunalaufsicht müssen zunächst deren rechtliche und fachliche Eignung prüfen. Der Bürgerentscheid ist für April 2027 vorgesehen.
Gerade diese Verbindung soll dem Verfahren politische Wirkung verleihen. Während ein Bürgerrat Empfehlungen erarbeitet, können die Bürgerinnen und Bürger bei einem Bürgerentscheid anschließend selbst verbindlich über konkrete Maßnahmen entscheiden.
Jetzt sind Politik und Verwaltung am Zug
Das Bürgergutachten wurde am 8. Oktober 2026 veröffentlicht. Herausgegeben wurde es von Mehr Demokratie und der Gesellschaft für Klima und Demokratie im Rahmen des Gemeinschaftsprojekts „Klima trifft Kommune“. Das Projekt wird von der Robert Bosch Stiftung und der Deutschen Postcode Lotterie gefördert.
Bürgermeister Thomas Voerste sieht in dem Verfahren auch ein Beispiel für die Möglichkeiten zufallsbasierter Beteiligung: „Der Bürgerrat hat bewiesen, wie gelebte und partizipative Demokratie in unserer Stadt funktionieren kann.“ Die Anpassung an die Folgen des Klimawandels sei „eines der drängendsten Themen unserer Zeit“, weshalb es wichtig sei, möglichst viele Menschen daran zu beteiligen. Dank des Bürgerrates lägen nun weitere Vorschläge und Ideen vor, „um Pinneberg in diesem Bereich weiter voranzubringen“.
Auch der stellvertretende Bürgervorsteher Gerhard Hüls, der Bürgervorsteherin Natalina di Racca-Boenigk bei der Übergabe vertrat, würdigte die Arbeit der Teilnehmerinnen und Teilnehmer. „Wenn Bürgerinnen und Bürger lösungsorientiert und ohne ideologische Scheuklappen zusammenkommen, entstehen vielfältige und spannende Ideen für die Zukunft Pinnebergs“, sagte Hüls. Die Empfehlungen gäben der Politik „wertvolle Impulse für den Schutz unserer Stadt vor Hitze und Starkregen“. Er freue sich auf das weitere Verfahren „bis hin zu einem möglichen Bürgerentscheid“.
Bürgerrat-Mitglieder hoffen auf Umsetzung
Auch die Teilnehmerinnen und Teilnehmer selbst richten den Blick auf die Umsetzung. Friederike Hanisch sagt: „Ich würde mir das Format Bürgerrat auch für andere Themen wünschen.“
Hamed Ali formuliert die Erwartung an die Politik noch deutlicher: „Wir alle wünschen uns einfach, dass das jetzt umgesetzt wird, dass sich jetzt mal was ändert.“
Damit beginnt nach dem Bürgerrat der entscheidende Teil des Verfahrens. Die Bürgerinnen und Bürger haben ihre Vorschläge vorgelegt. Nun muss sich zeigen, welche davon die Ratsversammlung aufgreift – und über welche die Pinnebergerinnen und Pinneberger 2027 möglicherweise selbst entscheiden können.