Die Bezeichnung "Bürgerrat" fasst Verfahren mit unterschiedlichen Namen zusammen. Mal heißen sie Bürgerrat, mal Bürgerforum, mal Bürgerdialog, mal Zukunftsdialog. Doch stets haben sie vier Gemeinsamkeiten: Die teilnehmenden Einwohnerinnen und Einwohner werden erstens nach dem Zufallsprinzip ausgelost. Sie verhandeln zweitens ein politisches Thema. Die Beratung findet drittens in Form von Diskussionen in kleinen Gruppen statt. Viertens legen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer inhaltliche Ergebnisse vor, in der Regel Empfehlungen, oft in Form eines Bürgergutachtens.
Die meisten Verfahren finden einmalig statt. In einigen Kommunen gibt es aber bereits ständige Bürgerräte, die auf der Basis einer entsprechenden Regelung in immer wieder neuer Zusammensetzung über immer wieder neue Themen beraten. In Deutschland finden sich Beispiele dafür in Aachen und Lüneburg. In Brüssel gibt es einen ständigen Klima-Bürgerrat. In Paris begleitet eine permanente Losversammlung die Arbeit des Stadtrates. International empfohlen wird das Modell des ständigen Bürgerdialogs in der Deutschsprachigen Gemeinschaft Ostbelgien.
In manchen Bürgerräten werden nicht geloste Teilnehmerinnen und Teilnehmer hinzugezogen. Das sind z.B. Vertreterinnen und Vertreter von Vereinen, Verbänden und Initiativen aus der Zivilgesellschaft. Es können aber auch Bevölkerungsgruppen berücksichtigt werden, die sonst bei politischen Entscheidungen nicht angemessen vertreten sind. Das können etwa Geflüchtete oder Wohnungslose sein. Sie sind dann Teil der Losversammlung. So wird es beim Demokratiekonvent in Frankfurt/Main gehandhabt. Bei anderen Bürgerräten tagen Gremien aus Interessenvertreterinnen und -vertretern für sich. Die Ergebnisse dieser Gremien werden in die jeweiligen Bürgerräte eingespeist.
Geloste Planungszellen weisen einige Verfahrensbesonderheiten auf. Wie der Name schon vermuten lässt, ist das Prinzip dort, immer mehrere Gruppen geloster Teilnehmerinnen und Teilnehmer unabhängig voneinander das Verfahren durchlaufen zu lassen. Grund: Man möchte sich sicher sein können, dass die Dynamik einer einzelnen Gruppe nicht das Ergebnis beeinflusst. Kommen alle Planungszellen zu ähnlichen Ergebnissen, kann man sicher sein, dass die Bürgervorschläge tragfähig sind. Um eine Beeinflussung der Gruppen durch Moderatorinnen und Moderatoren zu vermeiden, wird auf eine Moderation der Kleingruppen verzichtet.
Auch beim Losverfahren für Planungszellen gibt es Unterschiede. Bei der Zusammenstellung von Bürgerräten aus den Bewerbungen der Ausgelosten werden neben Alter und Geschlecht der Bewerberinnen und Bewerber auch Kriterien wie Wohnort, Bildung und Migrationshintergrund berücksichtigt. Bei Planungszellen beschränkt man sich traditionell auf eine statistische Abbildung der Bevölkerung nach Alter und Geschlecht.
Bürgerräte können auch mit Volks- und Bürgerentscheiden verbunden werden. Hier können Sie zwei Funktionen übernehmen:
- Als politisch neutrales Gremium stellen Bürgerräte die wichtigsten Informationen zum jeweiligen Abstimmungsthema zusammen. Diese Information wird an alle Stimmberechtigten verschickt. Ein Beispiel hierfür ist das Schweizer Projekt „Demoscan“.
- Die von einem Bürgerrat formulierten Empfehlungen werden in einem Volks- oder Bürgerentscheid zur Abstimmung gestellt, so dass alle Stimmberechtigten dazu „Ja“ oder „Nein“ sagen können. Das ist der Inhalt des Projekts „Klima trifft Kommune“.
Es gibt auch Bürgerräte, die gar keine eigenen Empfehlungen formulieren, sondern Vorschläge aus der Bevölkerung bewerten. So bestimmen beim „Wiener Klimateam“ geloste Bürger-Jurys die besten Vorschläge von Einwohnerinnen und Einwohnern zum lokalen Klimaschutz.
In Konstanz entscheidet ein Bürgerrat im Rahmen des dortigen Bürgerbudgets über die Verteilung von Fördermitteln an lokale Projekte, die den Gemeinsinn fördern und die der Konstanzer Bevölkerung zugutekommen.
Mehr über die Vielfalt geloster Bürgerbeteiligung erfahren Sie in unserem Bürgerrat-Bericht.
Eine Übersicht über bisherige Losverfahren in Deutschland bietet die Datenbank Bürgerräte.
Mehr Beispiele von Losverfahren international gibt es in der OECD Datenbank repräsentativer deliberativer Verfahren und Institutionen und auf der Weltkarte deliberativer Losversammlungen