97 ausgeloste Bürgerinnen und Bürger zeigen, was das Rheinische Revier jenseits von Fördermilliarden und Großprojekten braucht. Nun muss die Landesregierung auf ihre Empfehlungen antworten.

Der Strukturwandel im Rheinischen Revier wird meist in Milliardenbeträgen, Förderprogrammen und Großprojekten beschrieben. Der Bürgerrat Rheinisches Revier setzt einen anderen Schwerpunkt: Was muss sich verändern, damit die Menschen ihre Region auch in Zukunft als lebenswert, gut erreichbar und sozial verlässlich erleben?

Zehn Empfehlungen

Seine Antwort umfasst zehn Empfehlungen – von Begegnungsorten und Schulen über Busse und Bahnen bis zur medizinischen Versorgung. Am 24. September 2026 übergab der Bürgerrat den rund 60 Seiten starken „Abschlussbericht mit Empfehlungen“ auf der Revier-Konferenz „Perspektiven 2026“ in Bergheim an die nordrhein-westfälische Wirtschaftsministerin Mona Neubaur.

Der nordrhein-westfälische Minister für Bundes- und Europaangelegenheiten, Internationales sowie Medien, Nathanael Liminski, würdigte die Beteiligung mit den Worten: „Die Menschen im Rheinischen Revier übernehmen Verantwortung für die Zukunft ihrer Heimat.“

Ein Mini-Revier berät über die Zukunft

Die Landesregierung hatte die Einrichtung des Bürgerrates am 16. September 2025 beschlossen. Rund 7.000 zufällig ausgewählte Einwohnerinnen und Einwohner erhielten anschließend eine Einladung. Aus den Rückmeldungen wurden 100 Menschen so ausgewählt, dass Alter, Geschlecht, Bildungsgrad und räumliche Verteilung die Vielfalt des Reviers möglichst gut abbildeten.

Über die konkrete Fragestellung entschied nicht allein das Ministerium. Eine Vorbereitungsgruppe aus acht Bürgerinnen und Bürgern sowie acht Vertreterinnen und Vertretern der Landesregierung formulierte die Leitfrage:

Wie wird das Rheinische Revier eine attraktive Region, in der die Menschen gut und gerne leben wollen?

An drei Wochenenden im Mai, Juni und Juli 2026 berieten die Mitglieder sechs Tage lang in Jülich. An den einzelnen Sitzungswochenenden nahmen jeweils etwa 70 bis 80 Bürgerinnen und Bürger teil. Expertinnen und Experten lieferten Informationen und unterschiedliche Perspektiven; die Beratungsagentur Zebralog strukturierte und moderierte die Arbeit.

Motivierte Menschen

Rebecca Peters von Zebralog beschrieb ihren Eindruck von der Gruppe so: „Mich hat am meisten beeindruckt, wie motiviert die Menschen sind, die hierher kommen.“ Die methodische Herausforderung bestand darin, 97 unterschiedliche Perspektiven zusammenzuführen und zugleich dafür zu sorgen, dass möglichst alle zu Wort kamen. Dafür wechselte die Arbeit zwischen dem Plenum, Zweiergesprächen und immer wieder neu zusammengesetzten Kleingruppen.

Auch die Teilnehmerinnen und Teilnehmer selbst verbanden mit dem Bürgerrat konkrete Erwartungen. In einem Video der Zukunftsagentur erklärte ein jugendlicher Teilnehmer, er wolle „eine jugendliche Stimme mit einbringen“. Eine junge Teilnehmerin hoffte, „dass unsere Empfehlungen wahrgenommen werden und dass wir auch wirklich eine Stimme haben“.

Detaillierte Ideen ausgearbeitet

Johanna Schloemer aus Hückelhoven war ebenfalls beim Bürgerrat dabei. Gegenüber dem WDR erklärte sie ihr Anliegen: "Mitgewirkt habe ich persönlich am Punkt oder an der Empfehlung Energie und Klimaschutz. Und das liegt mir auch besonders am Herzen", sagt Schloemer. Man habe in diesem Sommer erlebt, wie viel Hitzetage es gegeben hat. "Und an den sechs Tagen, die wir in Jülich verbracht haben, da waren fünf Tage mehr als 30 Grad ohne Klimaanlage." Also: "Wenn wir da nicht an Umweltschutz denken, an Klima denken, ja, dann weiß ich es nicht mehr."

Die Hückelhovenerin glaubt, dass die Empfehlungen bei der Politik Gehör finden. Insbesondere, weil der Bürgerrat sehr detailierte Ideen ausgearbeitet habe. "Wenn es eins zu eins umgesetzt würde, wäre das natürlich super gut. Ich denke, die Realität ist eine andere. Es könnte eher sein, dass es ein bisschen weniger wird. Aber in Ansätzen wird es so kommen. Da bin ich fest von überzeugt."

Entscheidungen mit sichtbarem Widerspruch

Der Bürgerrat suchte nicht nur nach einfachen Mehrheiten. Bei der abschließenden Bewertung konnten die Mitglieder mit farbigen Karten Zustimmung, Vorbehalte oder deutlichen Widerstand ausdrücken. Alle zehn Empfehlungen wurden angenommen. Das Gutachten weist aber zugleich aus, wie viele gelbe Karten es jeweils gab – je nach Empfehlung zwischen einer und 14. Damit bleibt sichtbar, wo im Bürgerrat Vorbehalte bestanden.

Dem eigentlichen Empfehlungsteil stellte der Bürgerrat zudem eine Präambel voran. Sie enthält Anforderungen, die für alle zehn Vorschläge gelten sollen: Nachhaltigkeit, Barrierefreiheit, transparente Informationen, eine bürgerfreundliche Verwaltung und verbindliche Beteiligung bei der Umsetzung. Bürgerbeteiligung soll demnach nicht mit der Übergabe des Gutachtens enden.

Begegnungsorte und ein Identitätsfonds

Die ersten drei Empfehlungen zielen auf den sozialen Zusammenhalt. Kommunen sollen gemeinsam mit den Einwohnerinnen und Einwohnern Gebäude, Plätze und Anlagen erfassen, die sich als wohnortnahe Begegnungsorte eignen. Genannt werden etwa Bibliotheken, Jugendzentren, Vereinsräume, leerstehende Gebäude, Freiflächen und Sportstätten.

Diese Orte sollen barrierefrei, gut erreichbar und für unterschiedliche Altersgruppen nutzbar sein. Der Bürgerrat schlägt außerdem verlässliche Betriebskosten und örtliche Koordinatorinnen und Koordinatoren vor. Sie sollen Angebote vernetzen, ehrenamtlich tätige Bürgerinnen und Bürger unterstützen und sicherstellen, dass nicht nur Räume geschaffen werden, sondern tatsächlich Gemeinschaft entsteht.

Die dritte Empfehlung geht darüber hinaus: Ein regionaler Identitätsfonds soll Projekte fördern, die den Zusammenhalt und die gemeinsame Identität des Rheinischen Reviers stärken. An der Vergabe sollen Bürgerinnen und Bürger beteiligt werden. Das Gutachten nennt dafür sowohl ein Bürgerbudget als auch einen Bürgerfonds als mögliche Modelle.

Bildung als Teil des Strukturwandels

Drei weitere Empfehlungen betreffen Schulen und Bildung. Der Bürgerrat fordert ganztägige Betreuung bis mindestens 16 Uhr, gesundes Essen, kleinere Klassen sowie Arbeitsgruppen aus Lehrerinnen und Lehrern, Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern, Psychologinnen und Psychologen und weiteren Fachkräften.

Außerdem sollen Schulen flexibler auf die unterschiedlichen Lebenslagen von Kindern und Jugendlichen eingehen können. Dazu gehören nach Vorstellung des Bürgerrates individuelle Stundenpläne, mehr Wahlmöglichkeiten und eine stärkere Zusammenarbeit verschiedener Schulformen.

Besonders konkret ist die Forderung nach einem kostenlosen Bildungs- oder Schülerticket. Es soll im gesamten Gebiet des Verkehrsverbundes Rhein-Sieg und des Aachener Verkehrsverbundes gelten und nicht an eine Mindestentfernung zwischen Wohnort und Schule gekoppelt sein. Mobilität wird damit ausdrücklich als Voraussetzung für gleiche Bildungschancen verstanden.

Besser unterwegs – auch ohne Auto

Auch beim öffentlichen Verkehr denkt der Bürgerrat über bestehende Kreis- und Verbundgrenzen hinweg. Vorgeschlagen wird ein gemeinsames Mobilitätskonzept für das gesamte Rheinische Revier. Bestehende Planungen sollen überprüft, Lücken identifiziert und Investitionen anschließend nach transparenten Kriterien priorisiert werden.

Zur Stärkung des öffentlichen Verkehrs nennt das Gutachten engere Takte, bessere Anschlüsse zwischen Bus und Bahn, digitale Echtzeitinformationen sowie Mobilstationen, an denen sich verschiedene Verkehrsmittel miteinander verbinden lassen. Ergänzend sollen Bürgerbusse, Rufbusse und Sammeltaxis ausgebaut werden.

Die Mitglieder verlangen darüber hinaus eine schrittweise Vereinfachung der Tarife. Langfristiges Ziel ist ein einheitlicher Tarif für das gesamte Rheinische Revier. Damit reagiert der Bürgerrat auf ein Alltagsproblem, das gerade in einer Region mit vielen kommunalen und verkehrlichen Grenzen sichtbar wird.

Ärztezentren und Unterstützung im Alter

Die neunte Empfehlung fordert regionale Ärztezentren. In ihnen sollen Hausärztinnen und Hausärzte, Fachärztinnen und Fachärzte, Therapeutinnen und Therapeuten, Apothekerinnen und Apotheker sowie weitere Fachkräfte aus dem Gesundheitswesen möglichst an einem Ort zusammenarbeiten. Telemedizin und mobile Angebote sollen die Versorgung ergänzen.

Die zehnte Empfehlung betrifft ältere und pflegebedürftige Menschen. Eine zentrale, kostenfreie und aufsuchende Beratung soll dabei helfen, Unterstützungsangebote zu finden und zu koordinieren. Zusätzlich schlägt der Bürgerrat eine digitale Plattform und eine telefonische Auskunft vor.

Die Beratung soll nicht erst bei akuter Pflegebedürftigkeit einsetzen. Auch Fragen zu Wohnen, Mobilität, Einsamkeit, Nachbarschaftshilfe und Vorsorge sollen einbezogen werden. Damit verbindet der Bürgerrat medizinische und soziale Versorgung.

Die Übergabe ist noch keine Umsetzung

Mit der Übergabe des Gutachtens ist zunächst noch keine der zehn Empfehlungen politisch beschlossen. Das Wirtschaftsministerium kündigte an, die Vorschläge auszuwerten und anschließend mit dem Bürgerrat zu beraten, welche Ideen umgesetzt und weiterverfolgt werden können.

Wirtschaftsministerin Mona Neubaur erklärte bei der Übergabe: „Wir nehmen diese Empfehlungen ernst.“ Die Landesregierung wolle mit dem Bürgerrat im Gespräch bleiben. Bereits zum Beginn des Verfahrens hatte sie den Anspruch formuliert: „Wir entscheiden nicht über die Köpfe der Menschen hinweg, sondern mit ihnen.“

Auch Bodo Middeldorf, Geschäftsführer der Zukunftsagentur Rheinisches Revier, hatte das Verfahren als mehr als eine gewöhnliche Anhörung bezeichnet. Der Bürgerrat eröffne „eine völlig neue Dimension regionaler Partizipation“.

Umgang mit Empfehlungen entscheidend

Ob dieser Anspruch eingelöst wird, entscheidet sich nun im Umgang mit den Empfehlungen. Das Gutachten selbst fordert zu jeder Empfehlung eine qualifizierte schriftliche Antwort. Darin soll nachvollziehbar erklärt werden, ob, wie und in welchem Zeitraum der Vorschlag umgesetzt wird – oder aus welchen Gründen die Landesregierung davon absieht.

Genau darin liegt die nächste Bewährungsprobe. Ein Bürgergutachten gewinnt politische Bedeutung nicht allein durch eine feierliche Übergabe, sondern durch eine öffentliche, überprüfbare Reaktion. Der Bürgerrat hat seine Arbeit abgeschlossen. Nun liegt die Verantwortung bei der Landesregierung, den Kommunen und den regionalen Akteurinnen und Akteuren.

Rheinisches Revier

Das Rheinisches Revier ist ein Bergbaurevier in der Kölner Bucht, am Nordwestrand des Rheinischen Schiefergebirges. Der Abbau der Braunkohle im Tagebauverfahren hat hier maßgeblich landschaftsverändernd gewirkt und zur Ausbildung einiger bedeutender Industriestandorte geführt. Das Revier umfasst die Zülpicher und Jülicher Börde, die Erftniederung und die Ville. Das Rheinische Revier ist eines der größten Braunkohlereviere in Europa.

2030 endet der Bergbau im Rheinischen Revier. Das ändert vieles. Die in der Braunkohleförderung Beschäftigten müssen sich neue Arbeitsplätze suchen. Gleiches gilt für Menschen in der damit verbundenen Verstromung, in der Kraft-Wärme-Kopplung und in den Zulieferbereichen.

Es entstehen riesige Seen, da der noch verfügbare Abraum nicht ausreicht, um die aufgelassenen Tagebaue zu füllen. Das alles wird mit dem Begriff „Strukturwandel“ umschrieben. Für diesen Wandel gibt es öffentliche Mittel, die helfen sollen, die Auswirkungen der Veränderungen sozialverträglich abzufedern.

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