Kurz vor dem Irland-Referendum zum Vertrag von Lissabon fragte Wilhelm Neurohr doppeldeutig in seinem neuen Buch: "Ist Europa noch zu retten?" Die Titelseite des Buches wird symbolträchtig durch ein Hinweisschild auf eine Baustelle geschmückt. "Europa ist populär, nicht aber die EU", schreibt Neurohr und verfolgt in seinem leicht lesbaren Buch den "problematischen Werdegang Europas von der Vergangenheit in die Zukunft". Er stellt der "technokratisch-kommerziellen EU der Bürokraten" eine Vision eines "humanen, sozialen, solidarischen, demokratischen und friedlichen Europa der Weltbürger" gegenüber und fordert die Bürger auf "Europa neu zu denken, ihm eine Seele zu geben" und sich "handelnd in Bewegung zu setzen". So interpretiert Neurohr beispielsweise als Gründe für das Scheitern des Verfassungsvertrages durch das französische und niederländische Referendum, dass "dem von den EU-Staats- und Regierungschefs im Juni 2004 verabschiedeten Text vorgeworfen wird, er ignoriere die Interessen einer Mehrheit der Menschen in Europa" und "bedeute einen Rückschritt in puncto Menschenrechte und Demokratie." Und weiter schreibt der Autor: "Die aufgeklärten und wachen Menschen beider Länder - fälschlich als Europa-Gegner und Nationalisten pauschal diffamiert - sprachen sich (..) mit deutlicher Mehrheit gegen den Textentwurf (..) aus, den ein Verfassungskonvent ohne Bürgerbeteiligung hinter mehr oder weniger verschlossenen Türen ausgearbeitet hatte (..)."
In unterschiedlichen Kapiteln geht es dem Autor darum, nachzuzeichnen, warum "die EU den Europagedanken verfälscht". Dann macht er sich auf "die Suche nach Identität" Europas. Im letzten Teil seines Buches widmet sich der Autor den "Perspektiven, Alternativen und Initiativen für Europa".
Mit seinem neuen Europa-Buch will Neurohr "vor allem dazu beitragen, eine überfällige Leitbild-Debatte von unten anzustoßen und anzureichern." So will er "unseren Kindern und Enkeln" antworten können, "die uns später einmal die kritische Frage stellen, was wir seinerzeit an Widerstand geleistet haben gegen die aufkommende Wirtschaftsdiktatur und die militärische Aufrüstung in Europa zugunsten einer demokratischen Europäischen Union mit menschlichem Antlitz."
Neurohrs materialreiches Buch, das häufig mit Zitaten aus unterschiedlichsten Quellen arbeitet, erhebt sicher nicht den Anspruch einer wissenschaftlich-historischen Studie. Aus einem globalisierungs- und obrigkeitsstaatskritischen Ansatz heraus entwickelt der Autor sein Ideal von einem "demokratischen Europa von unten". Über allgemeine Grundsätze hinaus weist der Autor aber keinen konkreten Weg auf, wie sich die von ihm visionierte europäische Zukunft umsetzen lässt, doch beschreibt er Praxisbeispiele von entsprechenden Europa-Initiativen. Es wäre wünschenswert, wenn sich mehr Europäerinnen und Europäer mit ihren unterschiedlichen Perspektiven, Visionen, Vorstellungen und Meinungen einmischen würden, damit sich aus der Baustelle "Europa" ein stabiles Gebäude entwickelt, das auf einem demokratisch verfassten Fundament ruht.
Wilhelm Neurohr ist Personalratsvorsitzender und Agenda-Beauftragter der Kreisverwaltung Recklinghausen, engagiert sich seit vielen Jahren in zivilgesellschaftlichen Organisationen (z.B. Attac und der Gewerkschaft ver.di). Er ist Mitbegründer von Bürgerinitiativen und Sozialforen und Verfasser vieler Aufsätze u.a. über Globalisierungs- und Europafragen. Das Buch ist im Pforte-Verlag, Dornach erschienen.
