Die Demokratie will mehr als Wahlen

Der Demokratie-Monitor 2026 zeigt: Die meisten Menschen in Deutschland wollen die repräsentative Demokratie behalten – aber sie wollen zwischen den Wahlen ernsthaft beteiligt werden. Der belgische Historiker David Van Reybrouck geht noch weiter. Er hält eine Demokratie, die fast ausschließlich auf Wahlen setzt, für historisch verengt und plädiert für dauerhafte Bürgerräte und ausgeloste politische Gremien. Zusammen gelesen ergeben Umfrage und Interview eine überraschend klare Frage: Ist unsere Demokratie zu sehr auf den Wahltag fixiert?

Bevölkerung will mitreden

Deutschland ist nicht demokratiemüde. Zumindest nicht in dem Sinne, dass sich die Mehrheit von der Demokratie abwendet. Der Demokratie-Monitor 2026 der Universität Hohenheim zeichnet vielmehr das Bild einer Bevölkerung, die mitreden will – aber keineswegs darauf drängt, Parlamente überflüssig zu machen.

Knapp zwei Drittel der Befragten bevorzugen eine repräsentative Demokratie, in der gewählte Politikerinnen und Politiker die Entscheidungen treffen, zuvor aber einen ernsthaften Dialog mit der Bevölkerung führen und deren Empfehlungen berücksichtigen. Nur eine kleine Minderheit möchte eine repräsentative Demokratie ganz ohne einen solchen Austausch. Rund 30 Prozent favorisieren direktdemokratische Varianten.

Wahlen reichen nicht

Der Hohenheimer Politikwissenschaftler Frank Brettschneider fasst den Befund so zusammen: „Die Bürgerinnen und Bürger wollen gar nicht unbedingt selbst entscheiden. Sie wollen aber transparent und verlässlich informiert werden und mitreden können.“

Fast gleichzeitig formuliert David Van Reybrouck in einem Interview mit der Zeit eine radikalere Diagnose. Der belgische Historiker und Schriftsteller hält es für einen historischen Irrtum, Demokratie nahezu mit Wahlen gleichzusetzen. „Wahlen sind und bleiben wichtig“, sagt er, „aber eine Demokratie sollte sich nicht auf sie beschränken.“ Die heutige repräsentative Demokratie sei nur „eine Variante unter vielen“.

Van Reybrouck erinnert daran, dass Demokratie in ihrer langen Geschichte keineswegs immer vor allem über Wahlen organisiert wurde. Im antiken Athen seien zahlreiche öffentliche Ämter per Los besetzt worden. Wahlen dagegen hätten lange eher dazu gedient, eine gesellschaftliche Elite auszuwählen. In der modernen Demokratie seien Gleichheit und Wahlrecht schließlich miteinander verschmolzen – so sehr, dass Alternativen kaum noch vorstellbar erschienen.

Mitreden, ohne selbst regieren zu müssen

Der Demokratie-Monitor bestätigt diese historische These nicht. Er untersucht weder Losverfahren noch ausgeloste politische Kammern. Aber seine Ergebnisse legen nahe, dass ein erheblicher Teil der Bevölkerung mit einer Demokratie unzufrieden ist, die politische Beteiligung im Wesentlichen auf Wahlen reduziert.

Gerade darin liegt die Verbindung zu Bürgerräten. Ein Bürgerrat verändert die repräsentative Demokratie nicht dadurch, dass er die Entscheidungsmacht des Parlaments übernimmt. Seine Mitglieder werden ausgelost, möglichst so, dass unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen vertreten sind. Sie erhalten Informationen, hören unterschiedliche Fachleute an, beraten miteinander und formulieren Empfehlungen. Entscheiden können anschließend weiterhin die gewählten Politikerinnen und Politiker.

Das entspricht ziemlich genau jener Demokratievorstellung, die im Hohenheimer Demokratie-Monitor die größte Zustimmung findet: Die Politik entscheidet – aber sie hört zuvor ernsthaft zu.

Nicht alle müssen mitmachen

Brettschneider formuliert drei Bedingungen dafür, dass Menschen sich politisch beteiligen: „Sie müssen wollen, sie müssen können und sie müssen gefragt werden.“

Beim Bürgerrat wird der letzte Teil wörtlich genommen. Menschen müssen sich nicht selbst für eine Beteiligungsveranstaltung melden. Sie werden ausgelost und angesprochen.

Der Demokratie-Monitor zeigt zugleich, warum das wichtig sein kann. Zwar halten 87 Prozent der Befragten dialogische Beteiligung auf kommunaler Ebene für wichtig. Auf Landesebene sind es 74 Prozent, auf Bundesebene 67 Prozent. Aber nur 40 Prozent sagen, dass sie selbst bereit wären, sich aktiv an solchen Verfahren zu beteiligen. Weitere 40 Prozent möchten nicht selbst mitarbeiten, wollen aber über den Verlauf informiert werden. 20 Prozent haben kein Interesse.

Das Los verändert, wer am Tisch sitzt

Für offene Beteiligungsverfahren entsteht daraus ein bekanntes Problem. Wer kommt zu einer Veranstaltung? Wer schreibt eine Stellungnahme? Wer beteiligt sich an einer öffentlichen Diskussion? Häufig sind es Menschen, die bereits politisch interessiert sind, über Zeit verfügen und ihre Interessen gut vertreten können.

Das Losverfahren setzt genau dort an. Es verlangt nicht, dass sich alle beteiligen. Es versucht, eine kleine Gruppe zusammenzustellen, die gesellschaftliche Vielfalt abbildet und stellvertretend beraten kann.

Van Reybrouck will dieses Prinzip allerdings wesentlich weiter treiben als die meisten deutschen Bürgerräte. Im Zeit-Interview beschreibt er ein Modell, das er seit Jahren vertritt: ein Zweikammersystem, in dem eine Kammer weiterhin gewählt, die zweite aber ausgelost wird. Die Mitglieder der ausgelosten Kammer würden für ihre Arbeit bezahlt, Fachleute anhören und politische Fragen beraten.

Van Reybroucks Experiment

Praktisch erprobt wird ein Teil dieser Idee bereits in Ostbelgien. Dort besteht seit 2019 ein dauerhafter Bürgerrat. Geloste Bürgerinnen und Bürger bestimmen im ständigen Bürgerdialog Themen, die anschließend von ebenfalls ausgelosten Bürgerversammlungen vertieft beraten werden.

Van Reybrouck nennt dieses Modell im Interview einen „Goldstandard“. Als Beispiel verweist er auf die Pflege. Noch vor der Corona-Pandemie habe eine ausgeloste Bürgerversammlung Schwierigkeiten in Seniorenheimen auf die politische Tagesordnung gebracht. Zu den Empfehlungen habe eine bessere Bezahlung des Pflegepersonals gehört. Die Regierung habe die Gehälter danach im Durchschnitt um zwölf Prozent erhöht.

Gerade bei der Machtfrage habe man allerdings gelernt, sagt Van Reybrouck. Ausgeloste Bürgerinnen und Bürger sollten sich nicht zu sehr auf Machtfragen konzentrieren müssen. Deshalb unterscheidet das ostbelgische Modell zwischen einem längerfristig arbeitenden Bürgerrat und zeitlich begrenzten Bürgerversammlungen, die einzelne Themen bearbeiten. Die Politik ist verpflichtet, auf die Empfehlungen zu reagieren und eine Ablehnung zu begründen.

Der Demokratie-Monitor ist weniger radikal

So weit geht die Bevölkerung in Deutschland nach den Hohenheimer Daten allerdings nicht. Der stärkste Wunsch richtet sich gerade nicht auf die Abschaffung oder Schwächung gewählter Parlamente. Knapp zwei Drittel wollen eine repräsentative Demokratie behalten. Sie möchten lediglich, dass Politikerinnen und Politiker vor wichtigen Entscheidungen zuhören und Empfehlungen aus der Bevölkerung berücksichtigen.

Das spricht zunächst eher für Bürgerräte als Ergänzung der parlamentarischen Demokratie als für eine ausgeloste zweite Parlamentskammer.

Gerade deshalb ist die Gegenüberstellung interessant. Van Reybrouck stellt die institutionelle Grundfrage: Warum soll politische Repräsentation fast ausschließlich über Wahlen organisiert werden? Der Demokratie-Monitor stellt eine praktischere Frage: Warum gibt es zwischen diesen Wahlen so wenige Möglichkeiten, ernsthaft mitzureden?

Vertrauen entsteht nicht allein durch Beteiligung

Beide Fragen führen an denselben Punkt – zur langen Strecke zwischen zwei Wahltagen.

Dabei reicht es nicht, Menschen nur einzuladen. Der Demokratie-Monitor zeigt, wie stark Erfahrungen mit Beteiligung das Vertrauen in politische Einrichtungen beeinflussen können. 39 Prozent der Befragten geben an, in den vergangenen zehn Jahren mindestens einmal an einem Beteiligungsverfahren teilgenommen zu haben. 42 Prozent waren mit dessen Ablauf zufrieden, 22 Prozent unzufrieden. Mit dem Ergebnis waren dagegen nur 34 Prozent zufrieden, 32 Prozent unzufrieden.

Wer Ablauf und Ergebnis positiv beurteilt, vertraut den kommunalen Institutionen stärker. Wer schlechte Erfahrungen gemacht hat, ist auch mit dem Funktionieren der kommunalen Demokratie unzufriedener.

Die Politik muss antworten

„Gelungene Dialogverfahren steigern das Vertrauen in die beteiligten politischen Institutionen“, sagt Brettschneider. „Sie stärken die repräsentative Demokratie.“

Das entscheidende Wort ist dabei: gelungen. Für Bürgerräte ergibt sich daraus eine einfache, aber weitreichende Konsequenz. Es genügt nicht, Menschen auszulosen, sie gut zu informieren und ihnen mehrere Wochenenden lang zuzuhören. Sie müssen anschließend erkennen können, was mit ihren Empfehlungen geschieht.

Genau an diesem Punkt wird das ostbelgische Modell interessant. Dort muss die Politik reagieren. Sie kann Empfehlungen ablehnen, aber sie muss erklären, warum. Van Reybrouck beschreibt im Interview eine institutionalisierte Antwortpflicht: Die Regierung beziehungsweise das Parlament soll Empfehlungen nicht einfach entgegennehmen und anschließend schweigen.

Verbindlichkeit heißt nicht Umsetzungspflicht

Damit entsteht ein wichtiger Unterschied zwischen politischer Verbindlichkeit und Verbindlichkeit des Umgangs. Nicht jede Empfehlung eines Bürgerrates muss Gesetz werden. Aber jede Empfehlung sollte eine nachvollziehbare politische Antwort erhalten.

Gerade der Demokratie-Monitor legt nahe, wie wichtig das ist. Beteiligung stärkt Vertrauen nicht automatisch. Schlecht gemachte Beteiligung kann ebenso Enttäuschung produzieren.

Van Reybroucks Modell liefert dafür eine institutionelle Antwort: Wer Bürgerinnen und Bürger um Zeit, Aufmerksamkeit und politische Urteilskraft bittet, muss sich anschließend auch mit ihren Ergebnissen auseinandersetzen.

„Teil der Zalando-Kultur“

Van Reybrouck wählt für sein Unbehagen an der heutigen Wahldemokratie ein provozierendes Bild. Das Wählen habe sich in eine Art politischen Konsum verwandelt und sei „Teil der Zalando-Kultur“ geworden. Bürgerinnen und Bürger bestellten politische Angebote, schickten sie zurück und wählten beim nächsten Mal etwas anderes. Politikerinnen und Politiker hätten deshalb immer größere Schwierigkeiten, Zumutungen auszusprechen oder langfristige Opfer einzufordern.

Der Demokratie-Monitor lässt sich allerdings auch als Einwand gegen diese pessimistische Beschreibung lesen. Die große Mehrheit verlangt keineswegs nur nach einem bequemeren politischen Angebot. Sie möchte beteiligt werden.

87 Prozent halten dialogische Beteiligung auf kommunaler Ebene für wichtig. Selbst auf Bundesebene sind es noch zwei Drittel. Das klingt weniger nach politischem Einkauf als nach einem Wunsch nach einer anderen Rolle: nicht bloß Wählerin oder Wähler zu sein, sondern Bürgerin oder Bürger.

Eine andere Form politischer Arbeit

Bürgerräte unterscheiden sich dabei von Abstimmungen über Ja oder Nein. Ihre Teilnehmerinnen und Teilnehmer müssen sich mit Argumenten auseinandersetzen, anderen zuhören und häufig Zielkonflikte bearbeiten.

Das kann anstrengend sein. Es ist gerade keine Demokratie nach dem Muster einer schnellen Bestellung.

Van Reybroucks Kritik zielt deshalb letztlich auf eine politische Kultur, in der demokratische Beteiligung zu stark auf den einzelnen Wahlakt konzentriert ist. Der Demokratie-Monitor zeigt gleichzeitig, dass viele Menschen bereit wären, darüber hinauszugehen – zumindest dann, wenn Beteiligung nachvollziehbar, verlässlich und ernst gemeint ist.

Mehr als ein Wahlrecht

Am Ende des Zeit-Interviews formuliert Van Reybrouck einen Vorwurf, der weit über Bürgerräte hinausgeht. Demokratien hätten zu lange vorausgesetzt, dass sie von selbst funktionierten. Zu wenig „Energie, Forschung, Mut und Geld“ sei in ihre Widerstandsfähigkeit und Erneuerung investiert worden.

Der Demokratie-Monitor 2026 liefert dazu einen bemerkenswerten Gegenbefund zur verbreiteten Erzählung von einer politikverdrossenen Bevölkerung. Die Menschen wollen keineswegs mehrheitlich aus der Demokratie heraus. Viele wollen tiefer hinein.

Sie wollen Politikerinnen und Politiker wählen. Sie wollen informiert werden. Sie wollen gehört werden. Ein erheblicher Teil wäre sogar bereit, selbst Zeit in politische Beratung zu investieren.

Was passiert zwischen zwei Wahlen?

Bürgerräte lösen nicht jedes Problem der Demokratie. Sie beseitigen weder politische Konflikte noch Misstrauen, und sie garantieren auch keine besseren Entscheidungen.

Aber sie beantworten eine Frage, die sowohl Brettschneiders Zahlen als auch Van Reybroucks Kritik aufwerfen: Was passiert eigentlich mit der Demokratie zwischen zwei Wahlen?

Vielleicht liegt darin ihre wichtigste Stärke. Sie ersetzen das Wählen nicht. Sie erinnern daran, dass Demokratie mehr sein kann als Wählen.

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