Ständige Bürgerräte weltweit

Ständige Bürgerräte sind Formen geloster Bürgerbeteiligung, die nicht nur einmalig, sondern dauerhaft oder regelmäßig wiederkehrend eingesetzt werden. Dabei werden Bürgerinnen und Bürger per Zufall ausgewählt, beraten nach einer Informationsphase über politische Fragen und erarbeiten Empfehlungen für Parlamente, Gemeinderäte oder Verwaltungen.
Die Verstetigung kann unterschiedlich aussehen: Manche Orte haben einen dauerhaften Bürgerrat, dessen Mitglieder regelmäßig wechseln. Andere berufen jedes Jahr oder in festen Abständen neue Bürgerräte ein. Wieder andere haben das Losverfahren rechtlich oder politisch so verankert, dass bei bestimmten Anlässen immer wieder neue Bürgerräte eingesetzt werden können.
Die Liste zeigt solche unterschiedlichen Modelle aus aller Welt und berücksichtigt auch Hybridverfahren, sofern eine wesentliche Zufallsauswahl aus der Bevölkerung Bestandteil des Verfahrens ist.
Australien
Mornington Peninsula – Standing Citizens’ Panel
Mornington Peninsula setzt ein dauerhaft angelegtes Bürgerpanel ein. Die Mitglieder werden aus einer großen Zufallsstichprobe der Bevölkerung gewonnen; das Panel berät zu kommunalen Fragen und gibt dem Gemeinderat Empfehlungen.
Belgien
Ostbelgien – Permanenter Bürgerdialog / Bürgerrat
Seit 2019 verbindet Ostbelgien einen ständigen Bürgerrat mit zeitlich begrenzten, ausgelosten Bürgerversammlungen. Der Bürgerrat bestimmt Themen, organisiert neue Verfahren und verfolgt die weitere Behandlung der Empfehlungen.
Region Brüssel-Hauptstadt – Assemblée citoyenne pour le climat / Burgerraad voor het Klimaat
Der permanente Klima-Bürgerrat begleitet die Klimapolitik der Region Brüssel-Hauptstadt. In wiederkehrenden Zyklen beraten neu ausgeloste Einwohnerinnen und Einwohner und verfolgen anschließend die Reaktion der Politik auf ihre Empfehlungen.
Dänemark
Kopenhagen – Københavnernes Klimaborgerting
Kopenhagen hat den Klima-Bürgerrat zunächst für drei aufeinanderfolgende Jahreszyklen von 2024 bis 2026 eingerichtet. Für jeden Zyklus werden Bürgerinnen und Bürger neu ausgewählt; über eine Fortsetzung nach 2026 soll gesondert entschieden werden.
Deutschland
Aachen – Ständiger Bürgerrat
Aachen richtete 2023 Deutschlands ersten ausdrücklich als ständig angelegten kommunalen Bürgerrat ein. Jedes Jahr wird eine neue Gruppe ausgelost, die zu einem kommunalpolitischen Thema Empfehlungen erarbeitet.
Arnsberg – Bürgerrat
Arnsberg hat von 2022 bis 2025 vier Jahre hintereinander ausgeloste Bürgerräte durchgeführt. Die Verfahren behandeln wechselnde kommunale Themen; ein verbindlicher jährlicher Turnus über 2025 hinaus ist bislang nicht belegt.
Bochum – Bürgerkonferenzen
Bochum führt seit 2017 regelmäßig Bürgerkonferenzen mit zufällig ausgewählten Einwohnerinnen und Einwohnern durch. Bis 2025 fanden sechs Konferenzen statt; sie verbinden Losbürgerinnen und -bürger mit Stadtspitze, Verwaltung und Fachleuten.
Frankfurt am Main – Demokratiekonvent
Der Frankfurter Demokratiekonvent ist ein wiederkehrendes, zivilgesellschaftlich getragenes Beteiligungsformat. Seit 2023 kann die Rekrutierung auf eine Zufallsstichprobe aus dem Melderegister zurückgreifen; ein weiterer Konvent wird für 2026 vorbereitet.
Herzberg (Elster) – Projektbezogene losbasierte Bürgerräte / STADTMACHER
Herzberg hat das Losverfahren für projektbezogene Bürgerräte in seiner Einwohnerbeteiligungssatzung verankert. Damit ist nicht ein bestimmtes Gremium, sondern die wiederholte Anwendung des Verfahrens dauerhaft abgesichert.
Konstanz – Bürgerrat zum Bürgerbudget
Seit 2019 berät in Konstanz regelmäßig ein zufällig zusammengesetzter Bürgerrat über Förderanträge aus dem Bürgerbudget und gibt dem Gemeinderat eine Empfehlung. Wegen der Haushaltslage ist die Fortführung des Bürgerbudgets 2026 derzeit in Beratung.
Lüneburg – Bürgerrat
Lüneburg beruft einmal jährlich einen neuen Bürgerrat ein. Die Ausgangsstichprobe wird aus dem Melderegister gezogen; die ausgelosten Mitglieder beraten jeweils über ein Thema der Stadtpolitik.
Münster-Hansaviertel – Hansa-Konvent
Seit 2019 beraten im Hansa-Konvent regelmäßig Bewohnerinnen und Bewohner über die Entwicklung des Quartiers. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer werden überwiegend zufällig ausgewählt; zusätzlich ist eine Teilnahme über eine Interessiertenliste möglich. Dadurch entsteht ein wiederkehrendes Hybridverfahren mit Losanteil.
Ottersberg – Bürgerrat
Ottersberg hat 2022, 2024 und 2026 jeweils neue Bürgerräte mit Zufallsauswahl durchgeführt. Die Verfahren behandeln wechselnde Zukunftsfragen der Gemeinde und haben sich damit zu einer wiederkehrenden Praxis entwickelt.
Werder (Havel) – Zukunftsrat im Zukunftshaushalt
Der Zukunftsrat ist das ausgeloste Kinder- und Jugendgremium des regelmäßig wiederkehrenden Zukunftshaushalts. Für den vierten Zyklus 2026/27 werden erneut Kinder und Jugendliche zufällig aus dem Melderegister gewonnen.
Finnland
Jyväskylä – Asukaspaneelit
Jyväskylä führt regelmäßig beratende Einwohnerpanels zu wichtigen politischen Fragen und zur Weiterentwicklung öffentlicher Dienstleistungen durch. Für jedes Panel wird eine neue Gruppe aus einer Zufallsstichprobe von 1.500 bis 2.000 Einwohnerinnen und Einwohnern zusammengestellt.
Turku – Kansalaispaneeli
Turku hat ein ausgelostes Bürgerpanel als Teil seiner regulären Beteiligungspraxis etabliert. Das Panel berät über mehrere politische Themen hinweg und erarbeitet Empfehlungen für die städtische Entscheidungsfindung.
Frankreich
Marseille – Assemblée Citoyenne du Futur
Die Assemblée Citoyenne du Futur ist als dauerhaftes Beteiligungsgremium angelegt. Die Mitglieder beraten über langfristige Zukunftsfragen Marseilles; nach einer Arbeitsperiode wird die Bürgerversammlung neu zusammengesetzt.
Paris – Assemblée citoyenne de Paris
Paris verfügt seit 2021 über eine städtische Bürgerversammlung. Ausgeloste Pariserinnen und Pariser können Themen aufgreifen, Empfehlungen erarbeiten und die weitere Behandlung ihrer Vorschläge durch die Stadt verfolgen.
Rennes Métropole – Assemblée citoyenne
Die Bürgerversammlung der Metropolregion Rennes begleitet die Bürgerbeteiligung und wacht insbesondere über die Umsetzung der Beteiligungscharta. Das Gremium besteht überwiegend aus ausgelosten Einwohnerinnen und Einwohnern und wird teilweise erneuert.
Rouen – Assemblée citoyenne
Die Bürgerversammlung von Rouen besteht aus Einwohnerinnen und Einwohnern, von denen ein großer Teil direkt aus den Wählerlisten ausgelost wird. Sie tagt regelmäßig, kann Themen aufgreifen und bringt Empfehlungen in die Stadtpolitik ein.
Villeurbanne – Assemblée Citoyenne
Die Assemblée Citoyenne de Villeurbanne ist ein dauerhaftes Beteiligungsgremium mit 80 Mitgliedern. Ein Teil wird unmittelbar aus der Bevölkerung ausgelost, weitere Mitglieder kommen über freiwillige und bereits bestehende Beteiligungswege hinzu.
Italien
Mailand – Assemblea Permanente dei Cittadini sul Clima
Die permanente Klima-Bürgerversammlung begleitet die Umsetzung des Mailänder Luft- und Klimaplans. Regelmäßig neu ausgewählte Einwohnerinnen und Einwohner überprüfen die Entwicklung und erarbeiten Vorschläge für die Klimapolitik der Stadt.
Japan
Chigasaki – Shimin Tōgikai
Chigasaki setzt seit 2009 wiederholt zufällig ausgewählte Bürgerinnen und Bürger für Beratungen über kommunale Fragen ein. Verstetigt ist hier vor allem das Losverfahren selbst, nicht ein dauerhaft tagendes Gremium.
Handa – HANDA Shimin Tōgikai
Handa führt seit 2023 jährlich eine Bürgerberatung mit zufällig ausgewählten Einwohnerinnen und Einwohnern durch. Die Stadt hat die Fortsetzung ausdrücklich vorgesehen; 2026 findet bereits der vierte Durchgang statt.
Iyo – Iyo-shi Shimin Tōgikai
Iyo organisiert seit 2015 wiederholt ausgeloste Bürgerberatungen. Nach mehreren jährlichen Durchgängen wurde das Verfahren auf einen zweijährlichen Rhythmus umgestellt.
Komaki – Shimin Tōgikai / Machizukuri Meeting
Komaki nutzt seit 2012 regelmäßig Zufallsauswahl für Bürgerberatungen zur Stadtentwicklung. Bis 2025 sind 14 aufeinanderfolgende Jahrgänge belegt; die Fortsetzung 2026 ist bislang noch offen.
Nara – Nara-shi-ban Jibungotoka Kaigi
Nara setzt seit 2022 wiederholt zufällig zusammengesetzte Jibungotoka-Versammlungen in verschiedenen Stadtteilen ein. Die Teilnehmenden beraten über örtliche Zukunftsfragen und entwickeln gemeinsame Vorschläge.
Shizuoka – Voice of Shizuoka Shimin Tōgikai
Shizuoka gehört zu den frühesten japanischen Beispielen einer verstetigten Zufallsauswahl. Seit 2007 werden ausgeloste Einwohnerinnen und Einwohner zu Beratungen über kommunale Themen eingeladen; der jüngste sicher belegte Durchgang liegt einige Jahre zurück.
Tajimi – Heart of Tajimi Shimin Tōgikai
Tajimi führt seit 2009 regelmäßig ausgeloste Bürgerberatungen durch. Die Stadt lädt zufällig ausgewählte Einwohnerinnen und Einwohner ein und dokumentiert auch die weitere Behandlung der Vorschläge.
Toyama – Toyama Future Creation Meeting
Toyama nutzt seit 2010 wiederholt Zufallsauswahl für Bürgerberatungen. Das früher als Shimin Tōgikai bezeichnete Verfahren wird inzwischen als Toyama Future Creation Meeting fortgeführt.
Kolumbien
Bogotá – Asambleas Ciudadanas / Ciclos Deliberativos #SumemosVoces
Bogotá hat deliberative Bürgerversammlungen zu einer wiederkehrenden Beteiligungsstrategie ausgebaut. Die Zyklen kombinieren Zufallsansprache mit ergänzenden Zugangswegen und sollen in mehreren aufeinanderfolgenden Jahren durchgeführt werden.
Neukaledonien
Neukaledonien – Assemblée citoyenne de la Nouvelle-Calédonie
Nach einem Pilotverfahren im Frühjahr 2026 verstetigte der Kongress Neukaledoniens die Assemblée citoyenne im Juni 2026. Das 24-köpfige Gremium wird jährlich neu zusammengesetzt und berät den Kongress zu politischen Fragen.
Norwegen
Stavanger – Stavangerpanelet
Das Stavangerpanelet ist ein 2026 eingerichtetes ständiges Bürgerpanel mit 33 Mitgliedern. Es wird unabhängig von der Stadtverwaltung von KÅKÅ getragen; die Mitglieder stammen aus einer breiten Zufallsansprache und werden nach ein bis zwei Jahren neu rekrutiert.
Österreich
Mödling – Zukunftsrat Mödling
Mödling hat 2026 einen Zukunftsrat als dauerhaftes Beteiligungsformat beschlossen. Einmal jährlich soll eine neu ausgewählte Gruppe von Einwohnerinnen und Einwohnern über eine strategische Zukunftsfrage der Stadt beraten.
Vorarlberg – Bürgerräte
Vorarlberg nutzt seit 2006 wiederholt ausgeloste Bürgerräte und hat das Verfahren rechtlich verankert. Landtag, Landesregierung und unter bestimmten Voraussetzungen auch 1.000 Bürgerinnen und Bürger können einen Bürgerrat anstoßen.
Wien – Wiener Klimateam: Bürger-Jurys
Das Wiener Klimateam setzt in wechselnden Bezirken wiederkehrend ausgeloste Bürger-Jurys ein. Für jede Jury wird zunächst eine große Zufallsstichprobe der Bezirksbevölkerung angeschrieben; die Jurys wählen anschließend Klimaprojekte zur Umsetzung aus.
Südkorea
Südkorea – Climate Citizens’ Assembly
Südkorea hat 2026 eine nationale Klima-Bürgerversammlung gesetzlich verankert und praktisch gestartet. Die Mitglieder wurden über zufällig erzeugte Telefonnummern gewonnen; das Gremium soll die nationale Klimapolitik dauerhaft begleiten.
Vereinigtes Königreich
Newham – Permanent Citizens’ Assembly
Der Londoner Bezirk Newham hat eine permanente Bürgerversammlung als Bestandteil seiner Bürgerbeteiligung geschaffen. Die Rekrutierung beginnt mit einer großen Zufallsstichprobe von Haushalten; das Gremium wird schrittweise erneuert.