Wenn das Los zur Institution wird

Bürgerräte galten lange als demokratische Sonderveranstaltungen: Menschen werden ausgelost, beraten ein paar Wochenenden lang und verschwinden wieder. Doch weltweit entsteht eine zweite Generation der Losdemokratie. Städte und Regionen machen aus dem Experiment eine dauerhafte Einrichtung. Eine Spurensuche von Ostbelgien über Aachen und Mailand bis Japan zeigt: Die eigentliche demokratische Neuerung ist nicht mehr der Bürgerrat. Es ist seine Verstetigung.
Ein unerwarteter Brief
Der Brief kommt unerwartet. Parlament der Deutschsprachigen Gemeinschaft steht darauf. Ismaël Scheen aus Hergenrath ist damals 17 Jahre alt. „Dann habe ich mich direkt gefragt, was das dann ist“, erzählt er später dem Belgischen Rundfunk. Das Thema überzeugt ihn: Schülerkompetenzen. „Das ist ein Thema, in dem ich drin bin.“ Scheen sagt zu. Heute gehört er selbst dem Bürgerrat an.
In Ostbelgien ist aus einer solchen Einladung inzwischen Routine geworden. Wenn eine neue Bürgerversammlung ansteht, wird wieder gelost. Rund 30 Bürgerinnen und Bürger beraten miteinander. Die erste Zufallsauswahl erfolgt aus allen mindestens 16-Jährigen mit Wohnsitz in der Deutschsprachigen Gemeinschaft.
Wenn das Experiment nicht mehr endet
Das Bemerkenswerte daran ist nicht mehr, dass Menschen ausgelost werden. Bemerkenswert ist, dass damit niemand mehr aufhören muss. Seit 2019 besitzt die kleine deutschsprachige Region Belgiens mit ihrem Bürgerdialog ein gesetzlich verankertes System aus zeitlich begrenzten Bürgerversammlungen und einem permanenten Bürgerrat.
Der Bürgerrat besteht aus ehemaligen Mitgliedern der Bürgerversammlungen. Nach Abschluss einer Bürgerversammlung wird jeweils ein Drittel ausgetauscht: Acht neue Mitglieder rücken nach, acht der dienstältesten scheiden aus. So entsteht etwas, das die meisten Bürgerräte nicht besitzen: ein institutionelles Gedächtnis.
Damit begann etwas, das sich inzwischen an immer mehr Orten beobachten lässt: Der Bürgerrat wird vom Projekt zur Institution.
Das Besondere am Bürgerdialog
„Das Besondere am Bürgerdialog in Ostbelgien ist, dass er permanent ist“, sagt Anna Stuers, die ständige Sekretärin des Verfahrens, in einem Gespräch mit Mehr Demokratie. Das zeige sich nicht nur am Gesetz, sondern auch an einem eigenen Haushalt und festem Personal.
Diese unspektakulären Dinge – Personalstellen, Haushaltszeilen, Geschäftsordnungen – könnten für die Zukunft der Bürgerräte wichtiger sein als manches viel beachtete Großverfahren. Denn bislang läuft die Geschichte der Losdemokratie häufig so: Eine Regierung hat eine schwierige Frage. Einige Dutzend oder einige Hundert Bürgerinnen und Bürger werden ausgelost. Sie hören Fachleute an, beraten und schreiben Empfehlungen. Danach löst sich die Gruppe auf.
Die entscheidende Verschiebung
Die nächste schwierige Frage wird dann wieder von den gewohnten politischen Institutionen bearbeitet. Der ständige Bürgerrat dreht dieses Verhältnis um. Nicht mehr die Politik entscheidet jedes Mal neu, ob Bürgerinnen und Bürger beraten dürfen. Das Verfahren steht grundsätzlich zur Verfügung.
Die Demokratieexpertin Claudia Chwalisz beschreibt Ostbelgien deshalb als Wendepunkt. Die OECD habe Hunderte deliberative Verfahren dokumentiert, schreibt sie rückblickend – sie seien jedoch Einzelveranstaltungen gewesen: „Until Ostbelgien.“ Von dort habe sich die Idee unter anderem nach Paris und Brüssel verbreitet.
Der belgische Politiker Karl-Heinz Lambertz formuliert den Anspruch größer. Bürgerräte seien zu einem der innovativsten Wege geworden, Bürgerinnen und Bürger tiefer in politische Entscheidungen einzubeziehen und das Vertrauen in die Politik zu stärken.
Aachen macht das Los zur Routine
Knapp 120 Kilometer östlich von Eupen liegt Aachen. Dort wurde 2023 Deutschlands erster ausdrücklich als ständig angelegter kommunaler Bürgerrat eingerichtet.
Jedes Jahr wird neu gelost. Für die Runde 2025 wurden zunächst 3.500 Menschen angeschrieben. Aus den positiven Antworten wurden anschließend 56 Bürgerinnen und Bürger ausgelost. Sie beschäftigten sich mit einer der konfliktreichsten kommunalpolitischen Fragen überhaupt: Verkehr.
Die damalige Oberbürgermeisterin Sibylle Keupen formulierte die Erwartung so: „Mobilität soll für alle ein Gewinn sein – bequem, sicher und umweltfreundlich!“ Sie sei gespannt auf die „Ideen und Empfehlungen“ des Bürgerrates. Mathias Dopatka, seinerzeit Vorsitzender des Bürgerforums, sieht die Stärke des Formats darin, „alle Lager an einen Tisch zu bringen“ und Brücken zu bauen.
Post von der Demokratie
Wie ungewöhnlich die Erfahrung für die Ausgelosten sein kann, lässt sich im ersten Aachener Bürgergutachten nachlesen. Die Mitglieder schildern darin den Moment, in dem der Brief der Stadt zwischen Rechnungen und Werbung auftauchte. Die erste Reaktion: „Hab' ich was angestellt?“ Dann die Zweifel: Bin ich überhaupt qualifiziert? Und schließlich der Gedanke: „Vielleicht kann ich einen wirklichen Einfluss auf das Leben in dieser Stadt haben.“
Es ist eine kleine Passage, die ziemlich genau beschreibt, was das Los politisch verändert. Die üblichen Beteiligungsangebote erreichen vor allem Menschen, die teilnehmen wollen. Das Los erreicht zunächst Menschen, die nie auf die Idee gekommen wären, sich zu beteiligen.
Das ist auch in Ostbelgien ausdrücklich beabsichtigt: Durch die Zufallsauswahl sollen Menschen erreicht werden, die sich noch nicht für Politik interessieren. Gleichzeitig soll die Gruppe möglichst viele unterschiedliche Lebenserfahrungen widerspiegeln.
Die Klimapolitik entdeckt die Dauer
Noch weiter geht Mailand. Dort wurde ein ständiger Klima-Bürgerrat geschaffen. Zehntausende zufällig ausgewählte Einwohnerinnen und Einwohner wurden für die Bildung des Gremiums angesprochen. Die Versammlung begleitet den Luft- und Klimaplan der Stadt.
Sie soll also nicht einmalig die große Frage beantworten, wie Mailand klimaneutral werden kann, sondern die Umsetzung über längere Zeit beobachten und Vorschläge machen. Elena Grandi, Mailands Umweltstadträtin, begründete die Einrichtung mit einem Satz, der den politischen Anspruch permanenter Bürgerräte gut zusammenfasst: Beim Kampf gegen die Klimakrise müsse die ganze Stadt „active part of the process“ werden.
Auch die Region Brüssel-Hauptstadt hat einen permanenten Klima-Bürgerrat geschaffen. In Paris entstand 2021 eine ständige Bürgerversammlung. Rouen und Rennes entwickelten eigene Modelle. Manche bestehen überwiegend aus ausgelosten Bürgerinnen und Bürgern, andere verbinden Zufallsauswahl mit zusätzlichen Zugangswegen.
Auch Villeurbanne gehört in diese Landschaft. Die dortige Assemblée Citoyenne besteht aus 80 Mitgliedern und kombiniert verschiedene Wege der Beteiligung: 20 Einwohnerinnen und Einwohner werden unmittelbar aus der Bevölkerung ausgelost, 40 weitere aus einem Kreis freiwillig Interessierter und 20 kommen aus bestehenden Beteiligungsgremien. Das ist kein reiner Bürgerrat nach Ostbelgien-Vorbild, aber ein dauerhaftes Hybridgremium mit einer echten Zufallskomponente.
Das Los erreicht Bogotá
Auch außerhalb Europas werden solche Verfahren verstetigt. Bogotá hat seine Ciclos Deliberativos #SumemosVoces zu einer wiederkehrenden Form der Bürgerbeteiligung ausgebaut. Bürgerinnen und Bürger beraten in ausgelosten Gruppen über konkrete Probleme der kolumbianischen Hauptstadt – etwa Abfall, Sauberkeit und andere Fragen des städtischen Zusammenlebens. Das Verfahren verbindet Zufallsauswahl mit weiteren Zugangswegen und ist damit ein Hybridmodell. Die Stadt setzte die Beratungszyklen 2026 fort und machte aus einem einzelnen Versuch eine wiederkehrende Beteiligungspraxis.
Bogotá erweitert damit auch geografisch das Bild. Die Verstetigung ausgeloster Bürgerbeteiligung ist längst kein ausschließlich europäisches Experiment mehr. Gerade in einer Millionenstadt mit großen sozialen Unterschieden soll die Zufallsauswahl Menschen an einen Tisch bringen, die in den üblichen Beteiligungsverfahren nicht unbedingt aufeinandertreffen.
56 – aber nicht 56 ständige Bürgerräte
Eine weltweite Recherche kommt auf 56 relevante verstetigte Strukturen mit echter Zufallsauswahl oder einem wesentlichen Zufallsbestandteil. Doch daraus den Satz „Weltweit gibt es 56 permanente Bürgerräte“ zu machen, wäre falsch. Die Zahl beschreibt eine Familie unterschiedlicher demokratischer Einrichtungen – nicht 56 identische Institutionen.
Dazu gehören dauerhaft bestehende oder regelmäßig erneuerte Gremien wie Ostbelgien, Aachen oder Mailand. Andere Orte haben das Verfahren verstetigt: Konstanz lässt jedes Jahr neu über sein Bürgerbudget beraten, Bochum veranstaltet regelmäßig Bürgerkonferenzen, Wien setzt in wechselnden Bezirken neue Bürger-Jurys ein, und mehrere japanische Städte bilden seit vielen Jahren immer wieder neue Zufallsgruppen. Hinzu kommen Hybridmodelle wie Villeurbanne, wo ausgeloste Bürgerinnen und Bürger gemeinsam mit Mitgliedern aus anderen Beteiligungswegen eine dauerhafte Bürgerversammlung bilden.
Gerade diese Vielfalt ist die eigentliche Nachricht. Die Losdemokratie verbreitet sich nicht wie ein standardisiertes politisches Baukastensystem. Städte und Regionen passen sie ihren bestehenden Institutionen an. Verstetigt werden mal ein Gremium, mal das Recht auf einen Bürgerrat, mal ein jährlicher Turnus und manchmal schlicht die politische Gewohnheit, bei wichtigen Fragen immer wieder einen zufällig ausgewählten Ausschnitt der Bevölkerung an den Tisch zu holen.
Eine Geschichte, die nicht in Belgien beginnt
Wer die Geschichte permanenter Bürgerräte nur von Ostbelgien aus erzählt, übersieht allerdings einen erstaunlichen Vorläufer: Japan.
Dort gibt es seit den 2000er Jahren eine wenig bekannte kommunale Tradition zufällig zusammengesetzter Bürgerberatungen. Sie heißen häufig Shimin Tōgikai. Anders als in Ostbelgien entsteht dabei meist kein dauerhaft tagender Rat. Stattdessen wird die Zufallsauswahl selbst zur dauerhaften Verwaltungspraxis.
Shizuoka nutzt ein entsprechendes Verfahren seit 2007. Tajimi und Chigasaki begannen 2009, Toyama 2010, Komaki 2012. Tajimi führt seine Bürgerberatungen bis heute durch. Komaki kam 2025 auf den 14. Jahrgang. In Iyo wurde die Praxis nicht beendet, sondern bewusst auf einen zweijährlichen Rhythmus umgestellt. Nara hat seit 2022 mehrere zufällig zusammengesetzte Versammlungen organisiert.
Ostbelgien war trotzdem ein Wendepunkt
Das verändert die historische Perspektive. Ostbelgien bleibt ein Pionier – aber nicht deshalb, weil dort erstmals dauerhaft Menschen ausgelost wurden. Neu war die Konsequenz, mit der aus dem Los eine eigene politische Institution mit Gesetz, Haushalt, Personal und Nachverfolgung geschaffen wurde.
Die japanischen Beispiele zeigen dagegen einen zweiten Weg zur Verstetigung. Nicht das Gremium muss permanent sein. Auch ein Verfahren kann dauerhaft werden, wenn eine Kommune sich daran gewöhnt, für neue politische Fragen immer wieder einen anderen Ausschnitt ihrer Bevölkerung auszulosen.
Damit stellt sich auch die Frage neu, was ein „ständiger Bürgerrat“ eigentlich ist. Muss dieselbe Institution ununterbrochen bestehen? Oder genügt es, wenn das Recht beziehungsweise die politische Praxis dauerhaft garantiert, dass immer wieder neue Bürgerinnen und Bürger per Los an Entscheidungen beteiligt werden?
Die unterschätzte Frage: Was passiert danach?
Das größte Problem vieler Bürgerräte beginnt ohnehin erst nach ihrem Ende. Die Empfehlungen sind geschrieben. Fotos werden gemacht. Politikerinnen und Politiker bedanken sich. Dann beginnt wieder der normale Politikbetrieb.
Das Ostbelgien-Modell versucht genau diese Lücke zu schließen. Der permanente Bürgerrat organisiert nicht nur neue Bürgerversammlungen. Er beschäftigt sich auch mit der Nachverfolgung früherer Empfehlungen. Seine Zusammensetzung sorgt zugleich dafür, dass Erfahrungen aus abgeschlossenen Bürgerversammlungen nicht vollständig verloren gehen.
Ministerpräsident Oliver Paasch sieht darin mehr als Bürgerbeteiligung. Das Misstrauen gegenüber politischen Ämtern und Entscheidungsverfahren nehme zu, sagte er nach einer Bürgerversammlung zur Integration. „Das ist eine Gefahr für unsere liberale Demokratie.“ Bürgerversammlungen könnten dazu beitragen, diese Distanz zu verringern.
Kein Parallelparlament
Der frühere Bürgerratsvorsitzende Thomas Förster warnt zugleich vor einem Missverständnis: „Der Bürgerdialog ist kein Parallelparlament.“ Sein Wunsch sei vielmehr ein „engerer Zusammenhalt zwischen der Bevölkerung und der Politik“.
Darin steckt ein entscheidender Unterschied. Die meisten heute existierenden ständigen Bürgerräte sollen Parlamente nicht ersetzen. Sie schaffen eine zusätzliche Form politischer Vertretung: Gewählte vertreten die Bevölkerung durch Wahl. Ausgeloste Bürgerinnen und Bürger bilden für eine begrenzte Zeit einen möglichst vielfältigen Ausschnitt der Bevölkerung.
Die entscheidende demokratische Konkurrenz lautet damit nicht unbedingt Wahl gegen Los. Interessanter ist die Frage, welche Aufgaben sich besser durch Wahlen und welche besser durch ausgeloste, zeitlich begrenzte Bürgerschaft erfüllen lassen.
Dauerhaftigkeit kostet Geld
Doch eine Institution erkennt man manchmal erst daran, was passiert, wenn das Geld knapp wird. Oregon hat die Citizens’ Initiative Review gesetzlich verankert – trotzdem findet das Verfahren auf Ebene des US-Bundesstaates seit Jahren nicht mehr regelmäßig statt.
Noch deutlicher ist Toyoyama in Japan. Dort wurden von 2011 bis 2022 zwölf Jahre hintereinander Bürgerinnen und Bürger zufällig ausgewählt und zu Beratungen eingeladen. Dann geriet die Fortsetzung ins Stocken.
Auch Konstanz zeigt, wie unmittelbar Losdemokratie von Haushaltsentscheidungen abhängen kann. Dort wurde der Bürgerrat zum Bürgerbudget über Jahre zur Routine: Jahr für Jahr eine neue Zufallsgruppe, Jahr für Jahr eine Entscheidung über Projektmittel. Wenn das Geld für das Bürgerbudget fehlt, fehlt aber zugleich der Anlass für den nächsten BürgerInnenrat. Verstetigung benötigt deshalb mehr als gute Regeln – sie braucht eine verlässliche finanzielle Grundlage.
Auch das gehört zur Geschichte der Institutionalisierung. Ein Bürgerrat braucht Personal, Räume, Auswahlverfahren, Moderation, Fachleute und Geld. Die langweilige Haushaltszeile entscheidet mit darüber, ob aus demokratischer Neuerung demokratische Infrastruktur wird.
Wenn Institutionen wieder verschwinden
Deshalb enthält die weltweite Bestandsaufnahme neben den Erfolgsgeschichten auch eine Kategorie, die in der Begeisterung für demokratische Neuerungen leicht vergessen wird: ruhende und beendete Verfahren.
Madrid besaß 2019 mit dem Observatorio de la Ciudad ein bemerkenswertes ausgelostes Bürgergremium. Nach einem Regierungswechsel wurde es wieder abgeschafft. Andere Verfahren bleiben rechtlich möglich, werden aber nicht mehr eingesetzt. Wieder andere überleben als Idee, obwohl das Geld für die nächste Runde fehlt.
Verstetigung ist also keine Einbahnstraße. Demokratieinstitutionen können entstehen – und wieder verschwinden.
Von Wien über Finnland bis Stavanger
Neue Formen entstehen derzeit besonders schnell. In Wien ist das Klimateam nach zwei Erprobungsjahren seit 2024 ausdrücklich ein „dauerhaft, etabliertes Projekt“ der Stadt. Zu seinem Verfahren gehören Bürger-Jurys in wechselnden Bezirken. Je Bezirk werden zunächst rund 2.000 Menschen zufällig aus dem Melderegister ausgewählt und angeschrieben. Aus den Rückmeldungen entstehen anschließend Gruppen von 20 bis 25 Menschen. 2025/26 lief bereits der vierte Durchgang des Wiener Klimateams.
Auch Finnland entwickelt sich zu einem kaum beachteten Schwerpunkt. Jyväskylä bildet für unterschiedliche politische Fragen immer wieder neue Einwohnerpanels. Turku geht einen anderen Weg: Dort arbeitet ein ausgelostes Bürgerpanel über mehrere Themen hinweg. Es muss also nicht einmal für jede Frage eine völlig neue Gruppe geschaffen werden. Verstetigung kann ebenso bedeuten, einem einmal zufällig zusammengesetzten Ausschnitt der Stadtbevölkerung über längere Zeit verschiedene politische Fragen vorzulegen.
Noch ungewöhnlicher ist Stavanger. Dort wurde 2026 ein ständiges Bürgerpanel geschaffen, das nicht von der Stadtverwaltung, sondern von einer unabhängigen zivilgesellschaftlichen Organisation getragen wird. 5.000 zufällig ausgewählte Einwohnerinnen und Einwohner wurden angeschrieben, daraus entstand ein 33-köpfiges Panel. Wenn sich dieses Modell bewährt, könnte es einen neuen Weg zeigen: Losdemokratie als dauerhafte öffentliche Institution, ohne selbst Teil des Staates zu sein.
Erster ständiger nationaler Bürgerrat in Südkorea
Besonders erwähnenswert ist Neukaledonien. Dort wurde ein ursprünglich als Pilotprojekt eingerichtetes Bürgergremium im Jahr 2026 zu einer ständigen Einrichtung. Ebenfalls im Jahr 2026 nahm in Südkorea ein dauerhaft angelegter nationaler Klima-Bürgerrat seine Arbeit auf. Die Entwicklung erreicht damit eine neue Ebene: Was vor wenigen Jahren noch vor allem ein kommunales und regionales Experiment war, beginnt sich nun innerhalb größerer politischer Systeme zu etablieren.
Ständige nationale Losversammlungen sind jedoch nach wie vor die Ausnahme. Die Kommune bleibt das eigentliche Laboratorium der auf Losverfahren basierenden Demokratie.
Und plötzlich gehört der 18-Jährige zur Institution
Zurück nach Ostbelgien. Ismaël Scheen hat seine Bürgerversammlung längst hinter sich. Eigentlich könnte seine Geschichte dort enden. Einmal ausgelost, ein paar Sitzungen, Empfehlungen abgegeben, fertig.
Aber das System ist anders gebaut. Menschen aus den Bürgerversammlungen rücken in den permanenten Bürgerrat nach. Dort helfen sie, die nächsten Verfahren zu organisieren und die Umsetzung früherer Empfehlungen zu verfolgen. Der Rat erneuert sich dabei schrittweise: Nach jeder abgeschlossenen Bürgerversammlung werden acht seiner Mitglieder ersetzt.
Scheen ist deshalb nicht mehr nur Teilnehmer eines Beteiligungsprojekts. Er gehört zu denen, die dafür sorgen, dass das nächste stattfinden kann.
Wenn das Neue langweilig wird
Auch Michaela Rothkrantz kam über eine Bürgerversammlung in den ständigen Rat. 2025 wurde sie dessen Vorsitzende. Ihr Ziel: „den Bürgerdialog weiterzuentwickeln“.
Das klingt beinahe banal. Vielleicht ist gerade das der Punkt. Eine demokratische Neuerung ist wirklich angekommen, wenn sie nicht mehr jedes Mal als Neuerung gefeiert werden muss.
Wenn wieder Briefe verschickt werden. Wenn wieder Menschen ausgelost werden. Wenn der Haushalt steht. Wenn Empfehlungen nach einem Jahr noch einmal aufgerufen werden. Wenn alte Mitglieder gehen und neue kommen.
Demokratie als Infrastruktur
Der belgische Autor und Demokratie-Vordenker David Van Reybrouck hält die Institutionalisierung bislang noch für „zaghaft“. Schon einen Bürgerrat über drei Wochenenden zu organisieren, sei für viele Regierungen schwierig, erklärte er in einem Interview. Eine permanente Struktur erst recht. Trotzdem erwartet er, dass innerhalb der nächsten ein oder zwei Jahrzehnte auch eine mittelgroße europäische Demokratie den Schritt auf nationaler Ebene wagen wird.
Bis dahin könnte die entscheidende Veränderung längst anderswo stattfinden: in Aachen, Konstanz und Wien, in Mailand, Brüssel und Villeurbanne, in Bogotá, Jyväskylä und Turku, in Stavanger, Tajimi und Komaki. Nicht als demokratische Revolution mit einem einzigen großen Gründungsakt, sondern Sitzung für Sitzung, Haushalt für Haushalt, Los für Los.
Vielleicht wird die entscheidende Frage dann nicht mehr lauten, ob Bürgerinnen und Bürger zwischen zwei Wahlen mitreden dürfen. Sondern warum man jedes Mal neu darüber entscheiden sollte, ob sie es dürfen.